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Nach der gefühlten »Musikdiät«

  • vonHanna von Prosch
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Bad Nauheim (hms). Zeit für Jazz - wie dringend haben sich viele nach den kulturlosen Monaten auf diese Zeit gefreut. Weit mehr als 100 Menschen kamen zum Wiedereröffnungskonzert der Neuen Kurkonzerte am Sonntagnachmittag in die Trinkkuranlage. Genauso glücklich waren Joachim Kunze and friends, wieder vor Publikum spielen zu können.

Die versprochenen Stühle standen zwar noch nicht, aber die treuen Jazzfans hatten vorgesorgt und Campingstühle oder Klapphocker mitgebracht. Jeder freie Platz auf Treppenstufen, Mäuerchen und Bänken war mit dem gebotenen Abstand von 1,50 Metern belegt. Eine Gruppe junger Leute hatte sich auf ihren Skateboards niedergelassen, Ältere nutzten die Sitzfläche ihres Rollators. Für alle anderen war es ein Wandelkonzert. Es gab aber niemanden, der nicht wenigstens für eine Jazznummer stehen blieb und zuhörte. Etliche genossen Kaffee oder Drinks, wenn nötig auch im Stehen. Es war eine gemütliche, entspannte Atmosphäre.

Zur Entschleunigung trugen die langsamen Songs, die Balladen, die einschmeichelnden, träumerischen Jazzweisen bei, die Joachim Kunze und seine Band für diesen Einstieg ausgesucht hatten. »Summertime« natürlich, »Georgia on my mind«, »How insensitive«, »On the sunny side of the street«, der Popsong »I fall in love too easily«, Songs von Duke Ellington und Eigenkompositionen von Joachim Kunze und Pianist Andreas Müller.

Ausgedehntes Schlagzeugsolo

Bei einem ausgedehnten Schlagzeugsolo von Giovanni Gulino gab es wie immer Soloapplaus. Am Bass agierte Georg Wolf. Alexander Holz mischte den Ton gut ausgewogen für ein angenehmes Hörerlebnis. Hier ein Paar, das eng umschlungen sich zur Melodie wiegte, dort eine junge Frau, die kräftig mitwippte, fingerschnipsende Männer, bei vielen die typisch nickende Kopfbewegung.

Ein älteres Bad Nauheimer Ehepaar, das im Campingliegestuhl die Atmosphäre sichtlich genoss, meinte: »Wir lieben Jazz und freuen uns schon auf die nächsten Veranstaltungen.« Glück hatte Rita Michl aus Gießen, die mit ihrem Mann zufällig in Bad Nauheim war und die von dem Auftritt überrascht wurden: »Es tut richtig gut, dass es wieder Kultur gibt. Und gerade Jazz macht doch Freude! Wir wollen uns gleich ein Programm mitnehmen und wiederkommen.« Abstand halten war kein Thema - das Publikum war sehr verständnisvoll und hielt sich an die Regeln.

Die Band spielte völlig gelöst. Kunze blies gefühlvoll seine Jazztrompete, die so zu Herzen ging, als habe man eine schwere »Musikdiät« hinter sich. Zwischendurch unterhielt er mit kleinen Plaudereien. So wünschte er sich, dass ein Wunder geschehe und Corona einfach verschwinde. Doch real konnten sie nur »Alice in Wonderland« bieten. Als nach der gefühlt ewigen Pause die Sonne verschwand, lichteten sich die Reihen etwas.

Aber wer den Auftakt jetzt verpasst hat, kann am Freitag schon wiederkommen - dann höchstwahrscheinlich mit Bestuhlung. Um 19:30 Uhr bietet Daniel Tochtermann ein »Acoustic Guitar Entertainment«, am Samstag, 16 Uhr, zeigen die »Omnia strings« den »Schwung der alten Meister« und am Sonntag, 16 Uhr, geht es wieder flott zu bei den »Dixie Swingers« und der Sängerin Cornelia Ott. Joachim Kunze lädt wieder ein am ersten Sonntag im Juli.

Der Eintritt ist frei, bei Regen oder kühlem Wetter fallen die Konzerte ersatzlos aus.

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