In ihrem neuen Domizil am Sprudelhof kann die Musikschule sehr gute räumliche Voraussetzungen für den Unterricht bieten. Doch ohne eine deutliche Anhebung der Gehälter droht ein Verlust von qualifiziertem Personal. FOTO: NICI MERZ
+
In ihrem neuen Domizil am Sprudelhof kann die Musikschule sehr gute räumliche Voraussetzungen für den Unterricht bieten. Doch ohne eine deutliche Anhebung der Gehälter droht ein Verlust von qualifiziertem Personal. FOTO: NICI MERZ

Stadt lehnt höheren Zuschuss ab

Musikschule Bad Nauheim: Qualität kostet Geld

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
    schließen

Ist die Qualität der Musikschularbeit in Bad Nauheim bedroht? Der Leiter der Einrichtung hält eine höhere Bezuschuss für unabdingbar, um das Personal besser bezahlen zu können. Die Stadt sagt Nein.

Der Unterschied ist gewaltig. Ein Lehrer, der an einer kommunalen Musikschule mit Tarifbindung unterrichtet, verdient rund 1000 Euro brutto mehr im Monat als ein vergleichbarer Angestellter der Bad Nauheimer Musikschule. Der Grund ist ganz einfach: Die Bildungseinrichtung in der Kurstadt wird als gemeinnützige GmbH betrieben und ist somit nicht an den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes (TVöD) gebunden. Musikschulleiter Ulrich Nagel hat die Situation in einem Bericht mit dem Titel "Zukunftsfähige Musikschule" zusammengefasst und gleichzeitig deutlich höhere Zuschüsse der Stadt beantragt, um die Qualität der Arbeit auf hohem Niveau halten zu können.

Der Haupt- und Finanzausschuss beurteilt die Situation völlig anders und konnte sich am Dienstagabend nicht zu einer deutlichen Anhebung der Fördersumme durchringen. Das Gremium folgte stattdessen einem Beschluss des Magistrats, wonach der städtische Zuschuss im kommenden Jahr um lediglich 5000 Euro steigt. Nagel hält dagegen eine Steigerung des Betriebskostenzuschusses bis 2024 um 180 Prozent für dringend erforderlich.

Kritische Bestandsaufnahme

Nagels Bericht kann als kritische Bestandsaufnahme und eindringlicher Appell gelesen werden. Er beschreibt die umfangreichen Aufgaben der Musikschule, die weit über den eigentlichen Unterricht hinausgehen. So führt die Musikschule seit 2015 die Regie bei den Neuen Kurkonzerten und hat eine enge Kooperation mit Kitas und Grundschulen etabliert. "Statistisch nehmen 17 von 100 Bewohnern Bad Nauheims aktiv am Musikunterricht teil", beschreibt Nagel die große Nachfrage.

Der Geschäftsführer hält die Musikschule für unterfinanziert. "Es geht darum, die guten Leute zu halten. Dafür ist der Abstand zum Tarif aber einfach zu groß", sagt Nagel im Gespräch mit der WZ. Qualifiziertes Personal - etwa Absolventen der hessischen Musikakademien - unterrichte an den Musikschulen in Bad Vilbel und Frankfurt oder in anderen Bundesländern, weil dort besser bezahlt werde. Bei Stellenausschreibungen der Musikschule Bad Nauheim gingen kaum noch Bewerbungen von besonders geeigneten Lehrern ein.

Die guten Rahmenbedingungen, die an der Musikschule Bad Nauheim gerade nach dem Umzug in die neuen Räumlichkeiten gegeben seien, reichten nicht aus, um diese Entwicklung zu bremsen. "Die personelle Situation im Lehrkörper wird für die Musikschule Bad Nauheim bedrohlich", heißt es in dem Bericht. Dabei gebe es keinen wesentlichen Unterschied zwischen den 14 fest angestellten Mitarbeitern und den 50 Freiberuflern. "Beide Gruppen sind gleich schlechtgestellt." Deshalb sei eine schrittweise Anhebung der Bezüge auf das Niveau des TVöD erforderlich.

Keine Wende bei Bezuschussung

Nagel zufolge liegt der städtische Betriebskostenzuschuss seit 2008 fast unverändert bei 100 000 Euro pro Jahr. Das Gehalt der Angestellten sei somit von der Höhe der Elternbeiträge abhängig. Ergebnis: Seit 2010 sei das Einkommen der Musikschulangestellten in Bad Nauheim um zwölf Prozent gewachsen, während die Tariferhöhungen im selben Zeitraum 30 Prozent ausmache.

Eine deutliche Anhebung der Unterrichtsentgelte (108 Euro monatlich für 45 Minuten Instrumentalunterricht pro Woche), um den finanziellen Bedarf zu decken, hält der Schulleiter für kaum machbar. Für diesen Fall erwartet Nagel eine "Welle der Entrüstung und zahlreiche Abmeldungen". Auch für weniger begüterte Familien müsse Musikschulunterricht bezahlbar bleiben. Schon jetzt decke der Anteil der Elternbeiträge gut zwei Drittel der Gesamtkosten - weit mehr als im hessischen Durchschnitt. Bezüglich der öffentlichen Fördermittel sei die Musikschule Bad Nauheim "weit abgeschlagen".

Trotz der Argumentation des Musikschulleiters konnte sich der Haupt- und Finanzausschuss nicht zu einer Wende entschließen. Wie Erster Stadtrat Peter Krank mitteilt, sei für 2021 lediglich beschlossen worden, die Zuschüsse für Sozialermäßigung um 5000 Euro anzuheben. Damit soll es Eltern mit geringem Einkommen erleichtert werden, ihren Kindern eine musikalische Ausbildung zu ermöglichen. Der Betriebskostezuschuss bleibt unverändert. Laut Krank muss die Entscheidung des Ausschusses vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie und der damit verbundenen Einnahmeeinbußen der Stadt gesehen werden. Deutliche Steigerungen von freiwilligen Ausgaben seien angesichts der Verpflichtung, den Haushalt möglichst auszugleichen, schwer zu vermitteln. "In meiner Brust schlagen zwei Herzen. Als Kulturdezernent kann ich den Antrag der Musikschule nachvollziehen, als Kämmerer verstehe ich die Haltung des Finanzausschusses", betont der Erste Stadtrat.

Nur 5000 Euro mehr

Die Musikschule deckt einen wichtigen Teil des Bildungsangebots in Bad Nauheim ab. Gesellschafter der gemeinnützigen GmbH sind ein Förderverein und die Stadt. Die Arbeit der Musikschule wird im Wesentlichen aus Unterrichtsgebühren der Eltern und Zuschüssen der Stadt finanziert. Aus dem Bad Nauheimer Haushalt fließt pro Jahr bislang eine halbe Million Euro an die gGmbH. Mit 200 000 Euro sind die Miet- und Nebenkosten für das neue Domizil am Sprudelhof dabei der dickste Brocken. Hinzukommen 170 000 Euro für die Organisation und Ausrichtung der Neuen Kurkonzerte sowie 100 000 Euro Betriebskostenzuschuss und 30 000 Euro für eine Sozialermäßigung der Unterrichtsgebühren. Musikschulleiter Ulrich Nagel hatte eine stufenweise deutliche Anhebung des Betriebskostenzuschusses bis auf 280 000 Euro im Jahr 2024 beantragt. Außerdem sollten die Zuschüsse für die Sozialermäßigung des Elternbeitrags bis 2024 auf 50 000 Euro steigen.

Dem folgten die städtischen Gremien nicht. Der Haupt- und Finanzausschuss beschloss, den Betriebskostenzuschuss 2021 unverändert bei 100 000 Euro zu belassen und den Zuschuss für die Sozialermäßigung im kommenden Jahr auf 35 000 Euro zu steigern. Über die Fördersummen für die Jahre 2022 bis 2024 wurde noch nicht entschieden.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare