Es scheint nur Papier zu sein, doch Fachbereichsleiter Jochen Mörler (l.), Erster Stadtrat Peter Krank (r.) und Johannes Lenz wissen um die Bedeutung des Notenarchivs für die Stadt Bad Nauheim.	FOTO: PM
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Es scheint nur Papier zu sein, doch Fachbereichsleiter Jochen Mörler (l.), Erster Stadtrat Peter Krank (r.) und Johannes Lenz wissen um die Bedeutung des Notenarchivs für die Stadt Bad Nauheim. FOTO: PM

Musikalisches Gedächtnis

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Bad Nauheim (pm). Die Schlüssel sind übergeben. Von Johannes Lenz an Jochen Mörler, seinen Nachfolger als Leiter des Fachbereichs Kultur. Mit der Weitergabe der Schlüssel sind die einjährige Arbeit einer studentischen Hilfskraft und die anschließende sechsjährige Beschäftigung von Lenz abgeschlossen: die Inventarisierung und Archivierung des Notenarchivs der Bad Nauheimer Kur- und Sinfonieorchester. Mehr noch: »Mit der Archivierung ist ein Teil des städtischen Gedächtnisses gesichert und damit für die Zukunft erhalten worden«, sagt Erster Stadtrat und Kulturdezernent Peter Krank. »Wir sind Johannes Lenz sehr dankbar, dass er sich, eigentlich im Ruhestand, noch weiterhin mit der Archivierung beschäftigt und sie als Fachmann zu Ende gebracht hat.«

In 699 Kartons verpackt

Die Archivierung war eine Kompetenz- und Konzentrationsarbeit. Galt es doch, die Notensätze aus mehr als 100 Jahren »Kurmusik« zunächst einmal zu sichten, sie dann zu ordnen, zu systematisieren und digital zu inventarisieren - und dann klassisch, also als Hardware. Die Notensätze wurden in 699 Kartons verpackt und in 140 Regalfächern gelagert. In ihnen stecken die Notenblätter für jedes dokumentiert gespielte Stück, für alle Instrumente, die zum Einsatz gekommen sind. Das ergibt eine kaum vorstellbare Zahl an Notenblättern, von denen Lenz jedes einzelne in der Hand gehabt hat. Eine mitunter »unglaublich staubige Angelegenheit«, sagt Lenz. Nun sind sie säure- und lichtgeschützt verwahrt. Zum Vorschlag von Lenz, die Daten der Musikalienbibliothek Leipzig zur Verfügung zu stellen, sagte Krank spontan: »Das werden wir machen.« Noten, wäre das nicht nur Papier aus alten Tagen, das hätte entsorgt werden können? Mitnichten. Lenz holte zu Beginn des Projektauftrags mehrere Stellungnahmen ein. Beeindruckt von der Fülle und der Gefährdung des Notenbestands wurden Experten um Beratung gebeten. Das klare Votum zum Beispiel von Prof. Daniela Philippi vom musikalischen Institut der Goethe-Universität Frankfurt: »Unbedingt retten.«

Walzer wurden am meisten gespielt

Wie hoch das Vorhaben von wissenschaftlicher Seite eingeschätzt worden ist, zeigt auch, dass Studentin Julia Alice Hoffmann aus Offenbach 2015 eine Magisterarbeit zur »Musikauswahl und -pflege des Kur- und Sinfonieorchesters Bad Nauheim in den 1920er bis 1960er Jahren« vorgelegt hat.

Doch zurück zum Notenarchiv des Kurorchesters, respektive der Kurorchester, denn es waren über die Jahrzehnte verschiedene, die für die Unterhaltung der Kurgäste ebenso wie für Bewohner von Stadt und Region aufspielten. Zunächst waren es die Notensätze aus dem Archiv des Hessischen Staatsbades, die im Badehaus 6 lagerten und die es zu sichten und zu ordnen galt. Eine Sammlung aus circa 730 Musikwerken, die »weder einsatzfähig, noch musik- und kulturhistorisch auswertbar waren«. Zudem waren sie in keinem guten Zustand. Senkrecht gelagert und wenig geschützt, hatte der Zahn der Zeit an ihnen nagen können.

Im zweiten Abschnitt wurden die Bestände des langjährigen Leiters des Kurorchesters, Jànos Kekesi geordnet. Notenblätter, die für einzelne Konzerte in kleinerer Besetzung aus dem Bestand entnommen worden waren, mussten neu beziehungsweise in die ursprünglichen Sätze wieder eingeordnet werden. Das Ergebnis heute: Die 6099 Notensätze sind in 29 Kategorien erfasst. An der Spitze der am meist gespielten Stücke stehen, wie Jochen Mörler jetzt auf einen Blick erkennen kann, mit 744 Werken die Walzer. Gefolgt von der Darbietung von 734 Ouvertüren und 493 Märschen. Die, so könnte man meinen, besonders von einem Kurorchester erwartete Salonmusik bringt es nur auf 32 Stücke. »Was allerdings nicht heißt, dass die Musiker keine Salonmusik gespielt haben. Nur war sie nicht unter dieser Rubrik zu archivieren.« Es geht bei dem Notenarchiv nicht um spektakuläre Zahlen, sondern laut Krank »um die Sicherung von Dokumenten, die zur Historie der Kurstadt und damit unserer Stadt gehören«.

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