Haben die bewegende Adventsandacht gestaltet: Sopranistin Katia Plaschka (l.) und Organistin Eva-Maria Anton. 	FOTO: GK
+
Haben die bewegende Adventsandacht gestaltet: Sopranistin Katia Plaschka (l.) und Organistin Eva-Maria Anton. FOTO: GK

Musikalischer Hoffnungsschimmer

  • vonGerhard Kollmer
    schließen

Bad Nauheim (gk). Niemand, der den letzten Krieg nicht mehr erlebt hat, also alle unter 75-Jährigen, sah sich jemals einer derartigen kollektiven wie auch privaten »Grenzsituation« (K. Jaspers) in Gestalt der seit nunmehr neun Monaten weltweit grassierenden Corona-Pandemie ausgesetzt, die allein in unserem Land bereits über 20 000 Menschenleben gefordert hat. Über die gewohnt fröhliche Adventszeit und das bevorstehende Weihnachtsfest haben sich die bleiernen Schatten von Covid-19 gelegt.

Die St.-Bonifatius-Kirchengemeinde hat wenige Tage vor dem beginnenden verschärften Shutdown mit einer bewegenden musikalischen Adventsandacht am Sonntagnachmittag ein Zeichen der Hoffnung gesetzt.

»Tochter Zion, freue dich, jauchze laut! Sieh, dein König kommt zu dir - der Friedefürst.« Regionalkantorin Eva Maria Anton an der Orgel und die Sopranistin Katia Plaschka stellten dieses - auf Chorsätzen aus Georg Friedrich Händels Oratorien »Joshua« und »Judas Maccabäus« basierende, im »Dritten Reich« auf Druck der antichristlichen Machthaber aus den Gesangbüchern verbannte - hochgestimmte Weihnachtslied an den Beginn ihrer musikalischen Darbietung.

Zuversicht im Glauben

Die Corona-Seuche darf keine Gewalt über unser Denken, Fühlen und Handeln erlangen! So könnte das Motto der gut einstündigen Andacht mit zahlreichen Hörerinnen und Hörer lauten. »Oh komm, Immanuel!«: Auch dieses alte Lied ist Ausdruck der Hoffnung auf das Kommen des »Friedensfürsten«, dessen Geburt im Stall zu Bethlehem alljährlich gefeiert wird.

»In Erwartung«: Die beiden Worte bildeten das Leitmotiv der Meditationen von Gemeindepfarrer David J. Rühl. Seine Lesung einer zeitgenössischen Version der biblischen Erzählung von den drei Weisen aus dem Morgenland, denen eine besondere Planetenkonjunktion das Kommen des Erlösers verheißt, fügte sich gut in den musikalischen Rahmen. Der Mensch als »homo viator« ist lebenslang unterwegs auf der Suche nach himmlischer Heimat - in Erwartung ewigen Heils.

»Öffne dich, mein ganzes Herze!« (J. S. Bach), um dem Glauben an die Inkarnation, die Menschwerdung Gottes in Gestalt seines Sohnes Jesus Christus darin Raum zu geben. Wolfgang Amadeus Mozarts großartige Motette »Exsultate, jubilate« (uraufgeführt im Januar 1773 in Mailand während seiner Italienreise) ist strahlendes Zeugnis dieser Glaubenszuversicht: »Jauchzet, jubilieret, o ihr glücklichen Seelen, singt süße Lieder! Den Gerechten ist unerwartete Ruhe gekommen, erhebt euch endlich voll Freude«. Katia Plaschkas Interpretation dieses anspruchsvollen Werks des 17-jährigen Tonsetzers war glanzvoller Höhepunkt der Andacht in der Bonifatiuskirche.

Was vermag Corona gegen so viel überschäumend-freudige Heilserwartung? Die Meditation Pfarrer Rühls endete mit einem Text Fulbert Steffenskys, der in scheinbarem Gegensatz zur optimistischen Botschaft von Mozarts Motette steht. Es ist, so der vor einigen Jahren verstorbene Jesuitenpater, beileibe nicht ausgemacht, dass wir immer das Ziel unserer Sehnsüchte erreichen. Erwartungsvolle Vorfreude auf die jährliche (Wieder-)Geburt des Erlösers darf weltweit millionenfaches, meist unverschuldetes Leid und Tod nicht vergessen machen.

Mit Johann Sebastian Bachs »Wie schön leuchtet uns der Morgenstern« klang die vorweihnachtliche Andacht nach dankbarem Applaus für die Leistung der beiden Musikerinnen aus.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare