Mónica Rincon und Frank Scheffler nehmen das Publikum in der unter Corona-Bedingungen gut gefüllten Dankeskirche mit auf einen musikalischen Höhenflug. FOTO: HANNA VON PROSCH
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Mónica Rincon und Frank Scheffler nehmen das Publikum in der unter Corona-Bedingungen gut gefüllten Dankeskirche mit auf einen musikalischen Höhenflug. FOTO: HANNA VON PROSCH

Musik, die die Seele berührt

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Bad Nauheim(hms). Da war er, dieser Andachtsmoment. Wenn der letzte Ton verklungen ist und niemand wagt zu applaudieren. Wenn man erst zurückkommen muss von dem Höhenflug, auf den die eben gehörte Musik einen weggetragen hat. Wenn man spürt, wie sehr die Seele berührt ist. Dieser Andachtsmoment beschloss das kleine Mittwochskonzert in der Dankeskirche. Gespielt hatten die Harfenistin Mónica Rincon und Frank Scheffler an der Orgel.

Nachdem große Konzerte in vollen Sälen nicht möglich sind, der Hunger nach schöner Musik aber groß ist, bietet die Evangelische Kirchengemeinde in der gut belüfteten Dankeskirche eine neue Form an: zweimal im Monat gut halbstündige Solistenkonzerte verbunden mit einer kleinen Andacht. Dabei führt auch Kantor Frank Scheffler seinen Orgelzyklus fort. Damit offeriert er den treuen Zuhörerinnen und Zuhörern sowie Kurgästen nicht nur ausgewählte solistische Momente, sondern stärkt auch die Künstlerinnen und Künstler in Corona-Zeiten: "Ich will denen, die immer da sind, wenn wir sie brauchen, jetzt die Treue halten, wo sie Unterstützung besonders nötig haben."

Seit dem ersten Mittwochskonzert vor zwei Wochen ist die Zahl der Gäste weiter gestiegen bis zur fast "vollen" Kirche unter Corona-Bedingungen. Die aus Kolumbien stammende und in Friedberg lebende Harfenistin Mónica Rincon hatte Werke vorwiegend französischer Meister ausgewählt. Als Appetithäppchen servierte sie einen "kleinen runden französischen Kuchen" - "La Gimblette" - des in der Harfenwelt wichtigen Zeitgenossen Bernard Andrès. Luftig, locker und von beschwingter Form war diese Köstlichkeit für die Ohren.

Mit Zitaten aus dem Buch "Die Saiten des Lebens" stimmte Pfarrerin Susanne Pieper auf die Vorzüge einer Harfe ein: Sie ist wie ein Herz, wie ein Segelschiff, eine tanzende Frau, eine anschwellende Welle, wie Licht auf dem Wasser. "Musik ist kein Luxus", sagte sie, "Musik ist Lebenselixier, eine Gottesgabe."

Als nächstes war das bekannte Orgelkonzert op. 4 von Georg Friedrich Händel in einer überraschenden Version zu hören. Händel selbst hatte angegeben, dass den sehr schwierigen, fulminanten Solopart auch eine Harfe übernehmen könnte und die Orgel sehr zurückhaltend als Orchester fungiert.

Rincon zupfte mit den Fingern so virtuos die Saiten, dass man mit dem Auge dem sich im Kirchenraum prächtig entfaltenden Klang kaum nachkam. Ebenso große Freude machte ihr der Tanz der Naturgeister ("La Danse des Sylphes") des Romantikers Félix Godefroy. Leichtfüßig schwebend, mit glitzernden Flügeln, bunt umherwirbelnd und sich wieder ordnend, sich neckend und jagend, Töne wie Ballerinen tanzend oder im Pas de deux vollzog sich ein nicht enden wollendes und sollendes musikalisches Schauspiel. Das alles spielte Rincon auswendig.

Zum Abschluss harmonische Aria

Eher volkstümlich ist das Intermezzo Nr. 2 des modernen kolumbianischen Komponisten Luis A. Calvo aufgebaut. Der Titel "Der blaue Horizont" lässt den Blick schweifen bis tatsächlich der letzte Klang am Horizont versinkt. Nach einem ägyptischen Segensgruß, der den Menschen ein mit Tanzen, Lachen, Jubeln erfülltes Herz wünscht und der Hoffnung ein Gesicht, schloss das Konzert mit der "Aria im klassischen Stil" von Macel Granjany. Grandjany, gestorben 1975, spielte sowohl Orgel als auch Harfe und verstand es, beide Instrumente in wunderschöner Harmonie zu vereinen und die Menschen im Tiefsten zu berühren.

Das nächste Mittwochskonzert in der Bad Nauheimer Dankeskirche beginnt morgen um 19 Uhr mit der Flötistin Sabine Dreier.

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