Prof. Christoph Horn verfügt über die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte auf ihr Wesentliches zu reduzieren. FOTO: GK
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Prof. Christoph Horn verfügt über die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte auf ihr Wesentliches zu reduzieren. FOTO: GK

Moralisch-politischer Fortschritt

  • vonGerhard Kollmer
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Bad Nauheim(gk). Immanuel Kant hat - neben seinen Kritiken der reinen und praktischen Vernunft sowie der "Kritik der Urteilskraft" - popularphilosophische Schriften verfasst, deren öffentliche Wirkung in den vergangenen beiden Jahrhunderten größer war als die seiner drei Hauptwerke.

Prof. Christoph Horn von der Universität Bonn (bereits mehrmals in Bad Nauheim zu Gast) unternahm es am Freitagabend im Rahmen der philosophischen Reihe vor etwa 50 Hörern, drei dieser "Nebenwerke" anhand von Textauszügen vorzustellen.

"Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht": So lautet der programmatische Titel von Kants geschichtsphilosophischer Schrift aus dem Jahr 1784. In ihr postuliert er einen, der "höchsten Absicht der Natur" konformen, moralischen Fortschritt zwar nicht des Einzelmenschen aber der Menschengattung als Ganzer - mit dem Ziel der "Erreichung einer allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft".

Dass dies auch verfehlt werden kann, verhindere "die Natur" als eine Art weise Führerin, die es offenbar gut mit den Menschen meint. Dieses optimistische "Postulat" vom moralisch-politischen Fortschritt der Menschheit unter Verweis auf die Natur verwundert, hat doch Kant ein Kausalverhältnis von natürlichem Sein und menschlichem Sollen in seinen Hauptschriften strikt zurückgewiesen.

"Das Völkerrecht soll auf einen Föderalismus freier Staaten gegründet sein": So lautet der zweite Artikel von Kants 1795 erschienener staatsphilosophischer Schrift "Zum ewigen Frieden". Die posthume Karriere dieses Spätwerks bis in unsere Tage hinein ist seinen zukunftsweisenden Thesen zu danken.

Höchstes Ziel der internationalen Politik muss es sein, dem "gesetzlosen" zwischenstaatlichen Zustand, zu dessen absurder "Logik" Krieg als legitime "Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln" gehört, ein Ende zu bereiten.

Um dies zu erreichen, müsse die Bevölkerung der einzelnen Staaten am politischen Prozess beteiligt werden - im Sinne des Gewaltenteilungsprinzips. Kant nennt diesen Zustand - auch bei Fortbestehen eines monarchischen Staates - "Republikanismus".

In wohlverstandenem Eigeninteresse würden die Staatsbürger - so seine optimistische Annahme - dann dafür sorgen, dass ihre Regierungen nicht mehr nach Lust und Laune zur Kriegskeule greifen könnten.

Um den einmal erreichten Zustand zwischenstaatlichen Friedens rechtlich abzusichern, bedarf es, so Kant, eines "Völkerbundes" (foedus gentium) als Zusammenschluss aller Staaten, der seine Entscheidungen auf der Basis des "Völkerrechts" (ius gentium) trifft.

Der Grundgedanke von Kants 1794 erschienener religionsphilosophischer Schrift "Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft" ist denkbar einfach: An die Stelle der herkömmlichen Offenbarungsreligion soll eine Religion der Vernunft treten. Ihr "Gott" ist eine "regulative Idee". So soll beispielsweise jeder um einen moralischen Lebenswandel bemühte Mensch das Gefühl erhalten, dass sein Tun nicht vergeblich ist - und nach seinem Tod auch nicht unbelohnt bleiben wird. Die dies verbürgende Instanz ist ein Gott aus dem Geist der Vernunft.

Diese von ihm im Modus des "als ob" handelnde "Religion light" ist vielfach kritisiert worden - nicht nur von der Religionsbehörde im damaligen Preußen.

Prof. Horn verfügt über die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte auf ihr Wesentliches zu reduzieren. Dafür erhielt er auch diesmal viel Applaus.

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