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»Mörler Spatzen«: Ende eines Aushängeschilds

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Unter den Chorleitern Martin Göbler (l.) und Dorothee Göbler (4. v. r.) trat der Kinder- und Jugendchor ab 1995 auf.
Unter den Chorleitern Martin Göbler (l.) und Dorothee Göbler (4. v. r.) trat der Kinder- und Jugendchor ab 1995 auf. © pv

Bad Nauheim–Nieder-Mörlen (hau). Über Jahrzehnte waren die »Mörler Spatzen« das musikalische Aushängeschild Bad Nauheims. Die Auflösung des Chors war ein herber Verlust für die lokale Kulturszene. Mit dem Restvermögen wird ein überaus sinnvolles Projekt unterstützt. Das Geld kommt einem Flüchtlingsdorf für Haiti zugute.

Bei allen Verschwisterungsfeiern Bad Nauheims waren die »Mörler Spatzen« dabei, sie spielten Platten ein, traten im Fernsehen auf, sangen mit den renommiertesten Chören Deutschlands und bereisten mit ihren Konzerten halb Europa und Israel.

Hervorgegangen ist der Kinder- und Jugendchor 1975 aus dem Chor der Frauenwaldschule Nieder-Mörlen. Fast 20 Jahre standen die »Mörler Spatzen« unter der engagierten Leitung ihres Gründers Hansjörg Weckler. In dessen Folge führten Martin und Dorothee Göbler das Ensemble ab 1994 zehn Jahre lang, sahen die kulturelle und christliche Erziehung im Mittelpunkt ihrer Arbeit, unternahmen Konzertreisen nach England, Italien, Kroatien und Ungarn und feierten im Jahr 2000 im Bad Nauheimer Kurhaus das 25-jährige Bestehen der »Spatzen«.

Geld für Projekt der Jesuiten

Ab dem Jahr 2004 wechselten die Dirigenten häufiger: Auf Eva-Maria Anton-Sokoli und Nicolo Sokoli folgten Thomas Hanelt (2006) und Stephan Hess (2007). Chorsänger sowie ehrenamtliche Helfer wurden weniger, auch der 2009 gestartete Versuch einer Kooperation mit der Musikschule scheiterte. Im April 2013 wurde der ursprünglich an der katholischen Pfarrei Nieder-Mörlen angedockte Chor per Vorstandsbeschluss aufgelöst. Das verbliebene Rücklage-Vermögen fand jetzt eine karitative Verwendung: Über den aus Rockenberg stammenden Jesuiten-Pater Dr. Martin Lenk floss es in die Dominikanische Republik und leistet Hilfe beim Aufbau eines Flüchtlingsdorfs für Haiti.

Mit dem befreundeten Jesuitenpater Lenk haben Hansjörg Weckler und seine Ehefrau Marianne die Transaktion begleitet und das Flüchtlingsdorf besucht, nachdem sie von ihrem Sohn Peter viel über die Hilfsbedürftigen erfahren hatten. Er hatte sich in seinem Sabbatjahr 2013 dort engagiert. »Die Not ist gro?, berichten die Wecklers. Einig sind sie sich mit den bis zuletzt verbliebenen »Spatzen«-Vorständen Erhard Parr (er war seit 1995 Vorsitzender), Kassenwart Alois Möbs und Schriftführerin Ute Freischläger, dass das Geld dort gut angelegt ist.

Damit ist das Ende einer Kinderchor-Ära wie aus dem Bilderbuch endgültig besiegelt.

»Vor nunmehr einem Jahrzehnt schlüpften die Mörler Spatzen ins warme Nest unserer Gemeinde. Von engagierten Eltern aufgepäppelt, durch den Chorgesang zu Kameradschaft und Disziplin erzogen, zur Gemeinschaft gewachsen, sind die Spatzen längst flügge geworden.« Diese Zeilen schrieb der erste »Spatzen«-Vorsitzende Werner Biehl seinem Verein 1985 in die Festschrift zum zehnjährigen Bestehen. Fast 100 Namen waren zu jener Zeit unter den aktiven »Mörler Spatzen« aufgeführt. Der Erfolg sei der Initiative von Hansjörg Weckler zu verdanken. Er habe die Begeisterung gesät, Disziplin und den Willen zu lernen.

Biehl beschrieb ein außergewöhnliches Maß an Idealismus und Einsatzbereitschaft, mit dem sich das Ensemble »zu einem der beliebtesten Kinderchöre Deutschlands« entwickelt habe. Geprobt wurde zunächst im Saal der Feuerwehr, dann im Pfarrheim. 1976 wurde in der Satzung die Pfarrgemeinde Nieder-Mörlen als Träger des Vereins festgeschrieben. »Hauptaufgabe ist neben einer aktiven und sinnvollen Freizeitgestaltung die Pflege des weltlichen und religiösen Liedgutes in traditioneller und moderner Form«, hieß es in der Satzung.

Größte Gefahr: Bequemlichkeit

»Ein Ansatzpunkt für Fortschritt und Erfolg ist die musikalische Leistungssteigerung«, erklärte Weckler in der Zehn-Jahres-Festschrift. »Die heutige Jugend ist dazu bereit, sie will gefordert werden.« Das verlange »aufgeschlossene und mobile Chorvorstände mit menschlichen Führungsqualitäten und auf musikalischem, psychologischem und pädagogischem Gebiet gut ausgebildete Chorleiter«, schrieb Weckler. Kein Jugendlicher werde sich einem Chor anschließen, der überwiegend auf Geselligkeit aufgebaut sei. Die größte Gefahr liege in der Bequemlichkeit. Singen im Chor bedeute ein musisches, geistiges Training, das die Wahrnehmungs- und Ausdrucksfähigkeit des Menschen bildet und verstärkt. »Singen hält die Balance zwischen Verstandes- und Gemütskräften.«

Wie Weckler lange vor Professor Hans Günther Bastian und dessen legendärer Langzeitstudie mit musizierenden Kindern bereits ausführte, biete aktives Singen »bewusstes Hörenlernen, Schulung des Tongedächtnisses in Rhythmus, Form, Melodie, Harmonie, Klangfarbe und Dynamik, Stärkung der Konzentration und Verantwortung bei Einstudierung und Aufführung von Werken, Entwicklung von Wertmaßstäben, Erziehung zu Pflichtgefühl, Opferbereitschaft, Treue, Verzicht, Fleiß, Zuverlässigkeit, Förderung der Gesundheit durch richtiges Atmen und Stimmbildung – das alles sind am Rande meist unbemerkte Nebenprodukte der Mörler Spatzen.« Kurz und gut, und zu dem Schluss kam auch Professor Bastian: »Singen macht klug.«

Gewisses Etwas im Herzen

Wenn Weckler zurückschaut, erinnert er sich an viele Höhepunkte in der »Spatzen«-Zeit. Auftakt zu zahllosen Konzerten war die Premiere im Gründungsjahr 1975 in Butzbach. Zwei Jahre später startete der Chor erstmals beim Bundesleistungssingen – und räumte gleich den Sieg ab. Das erste Konzert im Bad Nauheimer Kurhaus 1977 stieg vor 700 Zuhörern im ausverkauften Haus. Im HR-Sendesaal wurden Langspielplatten aufgenommen, auch mit Costa Cordalis, Hanne Haller oder Patrick Lindner.

In besonderer Erinnerung blieb die Konzertreise nach Israel Ostern 1982 unter Miteinbeziehung ins Passahfest. Zum Zehnjährigen kamen die »Regensburger Domspatzen« ins Kurhaus, die »Spatzen« sangen im Pariser Sacré Coeur und in Notre Dame, im Dom von Helsinki, in Rom und Assisi, mit dem Frauenchor Budapest, dem Moskauer Knabenchor »Sweschnikow« und dem finnischen Chor »Pedavoces«. Einstudiert wurden ganze Musicals und Messen, und Studio-Aufnahmen fanden unter anderem bei Joe Frankfurter statt, bei dem auch Helene Fischer singt.

Unter dem Dirigat von Göbler gewannen die Kinder und Jugendlichen ebenfalls das Bundesleistungssingen, fuhren für Aufnahmen zum HR, eröffneten den Katholikentag in Mainz und spielten eine Weihnachts-CD ein. Die Loslösung von der Pfarrgemeinde folgte 1997, ein eigener Verein wurde gegründet und geprobt in der Frauenwaldschule.

Zum Silberjubiläum der »Spatzen« mit einem Fest am 23. September 2000 im Kurhaus hielt Kardinal Karl Lehmann die Festrede. Er sagte: »Kinder und Erwachsene dürfen stolz sein auf die anspruchsvolle gemeinsame Chorarbeit in diesen Jahren, auf die Erfolge bei Wettbewerben und Konzerten, nicht zuletzt aber auch auf die Freude, die Sie in all der Zeit den vielen Menschen bereitet haben, die Sie hören durften – zum Lobe Gottes und zum Heil der Menschen.«

Die damalige Kultusministerin Karin Wolff ergriff ebenfalls das Wort. »Singen bedeutet ein Stück Lebensfreude«, sagte sie. Enrico Caruso habe einmal über das Zubehör eines Sängers gesagt: ein großer Brustkorb, ein großer Mund, 90 Prozent Gedächtnis, 10 Prozent Intelligenz, sehr viel schwere Arbeit und ein gewisses Etwas im Herzen.

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