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Florian Funk (l.) und Connor Foss rücken den Eichenstamm in Position, um ihn bearbeiten zu können.

"Sitzskulpturen"

Möbeldesign mit der Motorsäge

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Die Kettensäge kreischt hinter der Steinfurther Rosenschule Ruf, wo ein Workshop von Studenten terminiert ist. Die Geräte dienen einem ungewöhnlichen Zweck eingesetzt: "Sitzskulpturen" entstehen.

Hinter der Bio-Rosenschule Ruf in Steinfurth geht es durch Felder hoch bis zum Waldrand. Studenten der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) bauen Zelte auf. Es regnet, deshalb brauchen die Teilnehmer an diesem Tag Schutz für den Kettensägen-Workshop, bei dem Möbel entstehen sollen. Unter den Abdeckungen liegen wuchtige Eichenstämme, großenteils bereits bearbeitet. "Wir sind eine Hochschule für Gestaltung, wir bilden Designer in unterschiedlichen Fachrichtungen aus", erläutert Prof. Hans Lamb.

Alle paar Jahre bietet er eine Bildhauer-Exkursion an, bei der die Studenten lernen, große Skulpturen herzustellen. "Bei den Ergebnissen spürt man die Kraft, mit der die Form freigelegt wird. Das ist in dieser Weise nur mit der Kettensäge möglich", erklärt Lamb. Zu den Teilnehmern der einwöchigen Aktion, die am morgigen Sonntag endet, gehört Peter Lipp aus Steinfurth. Vor drei Jahren begann der heute 50-Jährige ein Studium in Hildesheim. "Ich bin Steuerberater und habe mich in den letzten 30 Jahren mit Zahlen beschäftigt", erzählt Lipp.

Langlebiges Eichenholz

Irgendwann hat er einen Ausgleich zu seiner Bürotätigkeit gebraucht und gesucht. In seiner Freizeit malte und gestaltete er. Doch nachdem er das Buch eines Metalldesigners gelesen hatte, der als Student an der HAWK eingeschrieben war, bewarb sich Lipp dort. An vier Tagen arbeitet er in seinem Beruf, an zwei Tagen ist er an der Fachhochschule.

Den Kontakt zur Bio-Rosenschule Ruf stellte der Professor über Lipp her. Lamb erzählt: "Normalerweise bauen wir Skulpturen. In diesem Fall sind es Möbel aus Stammholz. Es entstehen Bänke, Sitzgelegenheiten, vielleicht ein Tisch. Man könnte sagen, es sind Sitzskulpturen." Biobauer Werner Ruf fand die Idee sehr gut, wie er erzählt, und stellte das Gelände zur Verfügung.

Lipp und Ruf sind nicht die einzigen Steinfurther, die in das Projekt der Hildesheimer involviert sind. Auch Klaus Kamm unterstützt die Aktion, indem er Traktor und Bagger bedient. Außerdem ist er Fachmann für Waldarbeit und kennt sich gut mit Kettensägen aus. Kontakt zum Rathaus hatte die HAWK schon früher, zunächst war nämlich geplant, Skulpturen für die Stadt zu fertigen. Die Verwaltung habe sich anders entschieden, fördere aber den Workshop, indem sie einen Teil des Eichenholzes sponsert. "Das ist das beste Holz für uns. Es ist sehr langlebig", sagt Lamb. Am Ende des Workshops erhalte die Stadt eine Bank.

Die ganze Zeit Vollgas

Student René Jacke stellt einen Schaukelstuhl her. "Ich baue ihn aus fünf verschiedenen Modulen: mit Wipp-Modul, Armlehne, Verbindungsteilen, Sitzfläche und Rückenlehne. Die werde ich später mit Metallstäben verbinden." Mit der Kettensäge durch den halbierten Baumstamm zu schneiden, sei nicht einfach, erläutert der 25-Jährige. "Dieser Stamm hat zweieinhalb bis drei Meter - das dauert sechs Minuten. Und man muss die ganze Zeit Vollgas geben, weil die Eiche ein sehr hartes Holz ist."

Um seinerzeit an der HAWK aufgenommen zu werden, hatte Lipp eine Mappe eingereicht, worauf ihn die Hochschule zur Eignungsprüfung einlud. Ihn erwarteten eine praktische Prüfung und ein Gespräch. "Ich hatte nicht damit gerechnet zu bestehen", blickt er zurück. Nun steht er kurz vor dem "Bachelor of Arts", den er im Frühjahr abschließen will. Anschließend möchte er den "Master" draufsetzen.

Keine konventionellen Möbel

Der 50-jährige Steinfurther zieht nun Ohren- und Gesichtsschutz auf, um an seiner Bank weiterzuarbeiten. Es wird ein großes Möbelstück werden, so wie die anderen auch. "Wir wollen bewusst keine konventionellen Möbel bauen, sondern etwas, das sich durch andere Form, Design, Materialität und Ästhetik auszeichnet", erklärt Workshop-Leiter Lamb. Ein Stamm in beeindruckender Größe habe eine ganz andere Präsenz. "Und die Möbel sind geeignet für den Außenbereich", fügt er hinzu. So wie die Bank von Peter Lipp. "Sie kommt in meinen Hof", sagt er lachend.

Besucher sind eingeladen

Wer sich für den Möbeldesign-Workshop interessiert, kann den Studenten am heutigen Samstag bis 17 Uhr bei der Arbeit zuschauen. Morgen (14 bis 15 Uhr) zeigen die Teilnehmer ihre Möbel in einer Ausstellung. Einige Bänke werden auch verkauft. Besucher erreichen das Gelände über den Feldweg seitlich des englischen Glashauses der Bio-Rosenschule Ruf in Steinfurth.

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