Roter Stoff auf gelber Decke: Adolf Förster zeigt auf das Loch, das vor gut einem Jahr im Wohn- und Schlafzimmer entstanden ist und abgedeckt wurde. Wasserschaden Nummer zwei (r.) resultiert aus einer durchgerosteten Leitung. FOTOS: NICI MERZ
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Roter Stoff auf gelber Decke: Adolf Förster zeigt auf das Loch, das vor gut einem Jahr im Wohn- und Schlafzimmer entstanden ist und abgedeckt wurde. Wasserschaden Nummer zwei (r.) resultiert aus einer durchgerosteten Leitung. FOTOS: NICI MERZ

Bad Nauheim

Mietrecht: Streit um Loch in der Decke

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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Mit kleiner Rente auf dem leer gefegten Immobilienmarkt in Bad Nauheim fündig zu werden, ist sehr schwer. Manche Betroffene müssen Wohnbedingungen akzeptieren, die kaum zumutbar sind.

Bad Nauheim ist zur zweiten Heimat von Adolf Förster geworden. Dem 80-Jährigen, der zu 80 Prozent schwerbehindert ist, sagt vor allem der unweit seiner Wohnung gelegene Kurpark zu, in dem er jeden Tag ausgiebige Spaziergänge unternimmt. Der Rentner fühlt sich hier sehr wohl - eigentlich…

Die Probleme von Adolf Förster, die ihm schlaflose Nächte bereiten, Angststörungen verstärken und zur Einnahme von Beruhigungsmitteln zwingen, haben vor gut einem Jahr begonnen. Das Verhältnis zum Vermieter sei bis dahin recht harmonisch gewesen. "Ich bin in meinem Leben oft umgezogen und hatte noch nie Konflikte", betont Adolf Förster. Seine 40-Quadratmeter-Bleibe im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses in der City, in der er seit 13 Jahren lebt, sei zwar einfach, aber mit einer Warmmiete von 400 Euro für Bad Nauheimer Verhältnisse günstig. Der Rentner hätte sich gut vorstellen können, den Rest seines Lebensabends in dem Haus zu verbringen.

Im Mai 2019 änderte sich alles schlagartig. Ein Mieter, der in der Etage über Adolf Förster lebt, hatte vergessen, einen Wasserhahn abzudrehen. Die Wohnung wurde überflutet, die Fachwerkdecke weichte durch und krachte ins Wohn- und Schlafzimmer des 80-Jährigen. "Das schlammige Wasser hat CDs und Bücher ruiniert und den Boden total verdreckt", blickt der Rentner zurück. In der Decke klafft seit über einem Jahr ein 1,5 x 1,5 Meter großes Loch, behelfsmäßig abgedeckt mit Stoff. "Mein Vermieter hat die Reparatur nicht veranlasst und es abgelehnt, die wenige Wochen vor dem Zwischenfall ausgesprochene Mieterhöhung von 30 Euro zurückzunehmen."

Zweiter Wasserschaden

Im Mai 2020 der nächste Schaden im Wohn- und Schlafzimmer. In dem alten Gebäude war eine Leitung durchgerostet, wieder ergoss sich Wasser in Försters Wohnung. "Die halbe Nacht lang war ich wach, um das Wasser mit einem Eimer aufzufangen." Die beschädigte Leitung sei behelfsmäßig instand gesetzt worden, eine endgültige Reparatur stehe aus. Adolf Förster wurde nach eigenen Angaben vom Hauseigentümer gebeten, doch zwei Wochen Urlaub zu machen, damit die Sanierung erledigt werden könne. "Dabei müsste er mir für den Zeitraum der Reparatur ein Hotelzimmer bezahlen." Abblätternde Farbe an der Fassade und die erforderliche, aber ausbleibende Renovierung des Treppenhauses sind weitere Kritikpunkte.

Der Zustand der Wohnung und das getrübte Verhältnis zum Vermieter haben den Gesundheitszustand des schwerbehinderten Mannes weiter verschlechtert. Rechtsschutz hat der 80-Jährige nicht, weil er vor drei Jahren den Mieterbund verlassen hat, um Geld zu sparen. "Mein größter Fehler", sagt Adolf Förster.

Auf eine Einigung hofft er nicht mehr, würde deshalb gerne innerhalb von Bad Nauheim umziehen. Doch obwohl er sich bei der städtischen Wohnungsbau-Gesellschaft sowie der Kleinsiedlungs- und Wohnungsbau-Genossenschaft angemeldet hat und Anzeigen schaltet, sucht der Rentner seit eineinhalb Jahren vergeblich nach einem neuen Zuhause. "Mit 1100 Euro Rente sind meine Möglichkeiten begrenzt", sagt Adolf Förster.

Der Vermieter, der namentlich nicht genannt werden möchte, räumt die Wasserschäden ein. "Ich dachte, Herr Förster zieht um und wollte bis dahin mit der Reparatur warten", sagt er. In dem 130 Jahre alten denkmalgeschützten Haus fielen ständig aufwendige Sanierungsarbeiten an. "Ich kämpfe und kämpfe, um das Haus in einen besseren Zustand zu versetzen."

Erste Mieterhöhung nach zwölf Jahren

Durch die Corona-Krise habe er Einnahmeverluste von mehreren tausend Euro, weil dem Restaurant-Pächter im Erdgeschoss ein Teil der Miete erlassen worden sei. "Die fünf Mieter meiner Wohnungen sind alle Rentner und zahlen wenig Miete. Ich denke sozial, habe erkrankte Mieter auch schon mit Essen versorgt", erklärt der Hauseigentümer. Teilweise lebten die Senioren bereits seit 27 Jahren in dem Gebäude, seien mit einer Ausnahme "zufrieden und friedlich".

Die Vorwürfe von Adolf Förster will er so nicht stehen lassen. Das gilt auch für die Mieterhöhung, die trotz des Wasserschadens nicht zurückgenommen worden ist. Zwölf Jahre nach dem Einzug Försters habe er die Miete erstmals um 30 Euro erhöht. Der Hauseigentümer möchte sich mit dem Mieter gütlich einigen, sollte der keine neue Wohnung finden. Er sei weiter gesprächsbereit.

Recht auf Mietminderung

Treten Wasserschäden wie in der Wohnung von Adolf Förster auf und werden über einen längeren Zeitraum nicht behoben, besteht Anspruch auf Mietminderung. Nach Auskunft von Rechtsanwalt Christian Weiße, der auch auf Mietrecht spezialisiert ist, kommt angesichts des Lochs in der Decke eine Reduzierung der Warmmiete von mindestens 20 Prozent in Frage. "Dem Vermieter muss eine Frist von 14 Tagen zur Reparatur eingeräumt werden. Bei Wasserschäden auch länger, weil zunächst alles abtrocknen muss. Aber über ein Jahr ist ein Stück aus dem Tollhaus", sagt der Jurist.

Unabhängig davon, ob ein anderer Mieter an dem Schaden schuld sei, müsse der Hauseigentümer die Sanierung zügig erledigen lassen. Gegebenenfalls könne er sich das Geld für die Reparatur bei der Versicherung des Verursachers zurückholen. Könne eine Wohnung wegen einer Sanierung vorübergehend nicht genutzt werden, sei der Vermieter verpflichtet, dem Mieter Ersatz zur Verfügung zu stellen, etwa ein Hotelzimmer. Weiße: "Die Unterkunft muss adäquat sein. Das Hotel Dolce käme in diesem Fall wohl nicht in Frage."

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