Die Bürgerinnen und Bürger formieren sich am Freitag vor der Synagoge zur Menschenkette. Den Abstand halten sie mit Stäben ein. FOTO: PETRA IHM-FAHLE
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Die Bürgerinnen und Bürger formieren sich am Freitag vor der Synagoge zur Menschenkette. Den Abstand halten sie mit Stäben ein. FOTO: PETRA IHM-FAHLE

Gegen Judenhass

Menschenkette um Bad Nauheimer Synagoge

  • vonPetra Ihm-Fahle
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Am Freitagabend bildeten Bürger in Bad Nauheim eine Menschenkette um die Synagoge in der Karlstraße. Ziel war eine Solidaritätsbekundung, während die Jüdische Gemeinde Gottesdienst feiere.

Als sich die Bürger am frühen Freitagabend zur Menschenkette um die Jüdische Synagoge Bad Nauheim formieren, ist der Himmel grau. Rabenschwarz war der Tag, als ein Jahr zuvor ein rechtsextremistischer Täter auf die Synagoge von Halle schoss. Datum der Mordtat mit zwei Todesopfern vor der Synagoge und in einem Döner-Imbiss war der 9. Oktober 2019.

Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Wetterau (GCJZ) hatte nun zu der Menschenketten-Aktion eingeladen, die drei Polizeiautos bewachen. Das Ziel: Die Solidarität mit der Jüdischen Gemeinde zu bekunden, während diese einen Gottesdienst begeht. 70 bis 80 Bürger sind nach Schätzung der Polizei da, darunter Politiker aus Stadt, Kreis und Land, sowie Vertreter von Ausländerbeirat, Vereinen und Kirchen. "Heute vor einem Jahr hat ein Mann in Halle geschossen: auf Menschen, auf Türen. Er war allein und doch nicht allein, denn er befand sich in einer Blase aus Antisemitismus und Hass auf Jüdinnen und Juden, auf Fremde", sagte zur Eröffnung Dr. Peter Noss (evangelischer stellvertretender Vorsitzender GCJZ). Die Aktion wolle zeigen, dass die Menschen gegen Judenhass und Rassismus zusammenstünden. GCJZ-Vorsitzende Britta Weber betonte: "Wir fordern Investitionen in Aus- und Fortbildung, in Bildung und Aufklärung, damit die immer wieder auflebenden Verschwörungstheorien und der wachsende Antisemitismus keine Anhänger finden." Anschließend überreichte sie 300 Unterschriften an Manfred de Vries, das Oberhaupt der Jüdischen Gemeinde Bad Nauheim. Hessenweit hatte die Landes-GCJZ Unterschriftenaktionen initiiert.

Wie Bürgermeister Klaus Kreß unterstrich, seien die rassistischen, fremdenfeindlichen und antisemitischen Schatten in den letzten Jahren lang geworden, "sehr lang - zu lang". Die Gesellschaft müsse dies verhindern. "Wir stehen zusammen gegen Antisemitismus und Diskriminierung. Und vor allem stehen wir zusammen für unsere Werte von Toleranz und Offenheit, Meinungs- und Glaubensfreiheit. Wir stehen zusammen für das Recht auf Individualität, das dort endet, wo das Recht des anderen beginnt."

Der evangelische Dekan Volkhard Guth betonte: "Wir widersprechen jedem Antisemitismus. Als Christinnen und Christen müssen wir sagen: ›Antisemitismus ist eine Sünde gegen Gott!‹" Dass heutzutage jüdische Gotteshäuser bewacht würden, jüdische Menschen wieder in Angst leben müssten, mache betroffen. Die Opfer von Halle mahnten, dass Antisemitismus immer auch ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sei. Es stelle die Würde aller Menschen infrage. "Dem gilt es zu widerstehen."

De Vries von der Jüdischen Gemeinde dankte allen, die erschienen waren. "Was wäre 1938 gewesen, wenn eine ähnliche Aktion vor den Synagogen stattgefunden hätte? Ich glaube, es hätte etwas bewirkt. Aber damals hat sich niemand dazu bekannt, eine solche Aktion durchzuführen." Nun seien andere Zeiten. Das Deutschland von heute sei ein demokratisches Land, und es lohne sich, dafür zu kämpfen. "Die Frage, die sich stellt: Können wir uns dagegen wehren, wenn wieder Judenhass ähnlich wie damals anfängt, das Zentrum der Gesellschaft zu erreichen? Ich glaube schon." Wichtig sei es, die Mehrheit dazu zubekommen, sich gegen alle Arten von antimenschlichen Situationen und Parteien zu wehren. Die Synagoge habe als eine der ersten in Hessen wieder aufgemacht und bleibe offen: "Wir möchten unsere Religion in Deutschland ausüben und ausüben dürfen - wir nehmen uns die Freiheit."

Die Menschen bilden nun einen Kranz um das Gotteshaus. Den Abstand halten sie mit Leuchtstäben ein, deren Lichter bunt blinken.

Drei Fragen an Manfred de Fries

Was ging in Ihnen vor, als Sie von dem Anschlag in Halle hörten?

An Jom Kippur konzentriere ich mich auf die wichtigsten Gebete im Jahr und hatte keine Ahnung, was da geschehen ist. Als ich rausging, sah ich auf einmal fünf Polizeiautos vor der Synagoge. Man sagte mir, was geschehen war. Da dachte ich nur: Das Kind ist mit dem Bade ausgeschüttet.

Wieso dachten Sie das?

Es ist falsch, die ganzen Schutzmaßnahmen zu ergreifen, wenn der Anschlag passiert ist. Es wäre sinnvoll, sie zu ergreifen, um etwas zu verhindern. Man hat mir an den höchsten Feiertagen zwei Polizeiwagen verweigert, denn es bestehe keine erhöhte Gefahrensituation. Ich hatte dieses Jahr riesige Probleme, als ich gesagt habe, wir brauchen erhöhten Schutz. Diese Täter kündigen sich nicht an. Das war auch jetzt in Hamburg so, als die Gemeinde das Laubhüttenfest beging. Rosch Haschana und Jom Kippur sind die Tage, die besonders gefährdet sind. In Halle hatte die Polizei gar niemanden stehen und dachte: "Wir haben kein erhöhtes Risiko." Aber das war falsch. Es ist wichtig, dass die Polizei das endlich begreift.

Empfinden Sie Aktionen wie die Menschenkette als zielführend?

Selbstverständlich ist die Solidarität der Ämter, Politiker und Bürger als Gegenpol zu dem erhöhten Judenhass in der Gesellschaft extrem wichtig. Es ist extrem wichtig, sonst könnten wir die Zukunft gemeinsam mit allen andren in der Gesellschaft nicht gestalten, denn sie bewirkt unsere Hoffnung auf ein normales jüdisches Leben in Deutschland. ihm

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