1. Wetterauer Zeitung
  2. Wetterau
  3. Bad Nauheim

Menschenkette in Bad Nauheim zum Gedenken an ermordete jüdische Mitbürger

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Petra Ihm-Fahle

Kommentare

agl_Gedenken10_290122
Schülerinnen und Schüler der 10c der Sankt-Lioba-Schule nehmen an der Gedenkveranstaltung teil. © Petra Ihm-Fahle

An die über 270 Holocaust-Opfer aus Bad Nauheim erinnerten am Donnerstag etwa 140 Menschen mit einer Aktion. Eingeladen hatte die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit.

Vor dem Erinnerungsmal in der Bad Nauheimer Parkstraße steht eine große Menschengruppe. Etwa 140 Personen sind gekommen, um gemeinsam mit der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (GcjZ) der über 270 Bad Nauheimer Opfer des Holocaust zu gedenken. Anlass ist der Jahrestag der Auschwitz-Befreiung, der gesetzlich verankerte Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Die Menschen halten Blätter in den Händen, auf denen jeweils der Name einer ermordeten Person geschrieben steht.

Auch Hannelore Schlächter hat ein Blatt in der Hand, als sie mit leiser Stimme ins Mikrofon spricht: »Ich erinnere an Siegbert Stern.« Siegbert war Schüler der Jüdischen Bezirksschule, wo er auch lebte. 1939 zog er nach Frankfurt in die Friedrichstraße 3. Als er 15 war, wurden er und seine Eltern Moritz und Lina nach Litzmannstadt (Lodz) im besetzten Polen deportiert und ermordet.

Nachdem die Anwesenden die Namen ausgesprochen haben, stellen sie sich mit den Blättern entlang der Kiespromenade auf. Hannelore Schlächter steht neben dem Erinnerungsmal, das Blatt mit Siegberts Namen vor sich. »Es ist mir immer noch unbegreiflich«, sagt sie und bricht in Tränen aus. Das Thema berühre sie zutiefst. Wie die 78-Jährige schildert, habe sie als Kind in der Schule nichts über den Holocaust gehört.

Der Name eines Zwölfjährigen

Heutzutage ist das anders, stehen das Dritte Reich und die Judenverfolgung auf dem Lehrplan. Die Jugendlichen der Klasse 10c der Sankt-Lioba-Schule sind mit ihren Lehrern zu der Veranstaltung gekommen. »In diesem Jahr werden wir das Thema in Geschichte behandeln«, sagt eine 16-Jährige. Ihre Eltern hätten sie bereits darüber aufgeklärt, sobald sie altersmäßig dazu in der Lage gewesen sei Im Konfirmationsunterricht gehörte es ebenfalls zu den Inhalten. »Es wird im Unterricht auch immer wieder angeschnitten, nicht nur in Geschichte«, sagt sie. Nach Ansicht der 16-Jährigen ist es unmöglich, nicht über Auschwitz Bescheid zu wissen.

Eine Klassenkameradin ist besonders bewegt, weil sie den Namen von Joachim Friedländer gezogen hat. »Er war erst zwölf, jünger als ich«, sagt sie. Ein 15-jähriger Lioba-Schüler sagt, wie sehr die Aktion die Grausamkeit des Holocaust verdeutlicht. »Ottilie Winter arbeitete in einer Kinderheilanstalt«, sagt er. Er verstehe nicht, wieso ein Mensch ermordet wurde, der nur Gutes in der Welt gewollt habe.

Auf der Treppe erschossen

Seinem gleichaltrigen Klassenkameraden geht es ähnlich. Er zog den Namen von Paula Löwenstein, die sich 1940 nach Frankfurt abmeldete, wo sie mit ihrer Schwester in einem Altenheim arbeitete. Beide Schwestern wurden auf der Treppe der Einrichtung erschossen. »Ich finde es wichtig, an die Ermordeten zu erinnern und ihrer zu gedenken«, betont eine 16-Jährige.

Auch die Lokalprominenz ist bei dem Termin vertreten. GcjZ-Vorsitzende Britta Weber begrüßt städtische Politiker und Vertreter der Kirchengemeinden. »Wir erinnern namentlich an die Opfer, denn sie haben keinen Grabstein, sondern nur in den allerwenigsten Fällen Familienangehörige, die an sie erinnern können«, sagt Weber.

Veranstaltungen, die Mut machen

Bürgermeister Klaus Kreß erklärt: »Heute führt uns der Teil unserer Vergangenheit zusammen, an den wir uns alle nur mit Scham erinnern können.« In mehrfacher Hinsicht habe es nichts Perfideres in der Geschichte der Menschheit gegeben als den Holocaust. Kreß geht auf den immer wieder aufflammenden Antisemitismus ein, der mit einer um sich greifenden Aggressivität gegenüber dem Staat und seiner Institutionen einhergehe. Veranstaltungen wie diese erfüllten ihn mit Stolz. Sie machten Mut, die antidemokratischen, antisemitischen Entwicklungen am rechten Rand der Gesellschaft in Schach halten und letztlich besiegen zu können. An der Seite des Vorstehers der jüdischen Gemeinde Bad Nauheim, Manfred de Vries, spricht Rabbiner Yachin Nahmany das Totengebet.

Viel Recherchearbeit

Die Bad Nauheimer AG Geschichte hatte das Erinnerungsmal in der Parkstraße gestiftet und dafür Spenden bei den Bürgern gesammelt. Dazugehört auch eine Homepage mit den Biografien der Bad Nauheimer Opfer des Holocaust (www.holocaust-erinnerungsmal-badnauheim.com). Diese Arbeit basiert auf den Recherchen von Stephan Kolb, welche die AG Geschichte erweitert hat. 1987 schrieb Kolb das Buch »Die Geschichte der Bad Nauheimer Juden«. Ohne PC und Internet, nur mittels Schreibmaschine und Reisen in internationale Archive sammelte er Informationen. Das Buch ist vergriffen, ist aber als pdf-Datei auf der Webseite des Holocaust-Denkmals zu finden.

Auch interessant

Kommentare