Stadtkantor Frank Schaffler spielt Bach: Bachs Bearbeitung des Chorals "Erbarm‹ dich mein, o Herre Gott" von 1704 bildet den Mittelpunkt des Mittwochskonzerts. FOTO: GK
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Stadtkantor Frank Schaffler spielt Bach: Bachs Bearbeitung des Chorals "Erbarm‹ dich mein, o Herre Gott" von 1704 bildet den Mittelpunkt des Mittwochskonzerts. FOTO: GK

Der Meister und sein Herold

  • vonGerhard Kollmer
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Bad Nauheim(gk). "Erbarm‹ dich mein, o Herre Gott. Wasch ab, mach‹ rein mein Missethat. Herr, sieh nicht an die Sünde mein, thu ab all’ Ungerechtigkeit, und mach’ in mir das Herze rein."

Johann Sebastian Bachs Bearbeitung des Chorals "Erbarm‹ dich mein, o Herre Gott", BWV 721, aus seiner Arnstädter Zeit um 1704 bildete den geistlichen Mittelpunkt des vergangenen Mittwochkonzerts, in dem Stadtkantor Frank Scheffler die etwa 50 Besucherinnen und Besucher auf seinem Weg durch das gesamte Orgelwerk Bachs in der Dankeskirche mit zwei bedeutenden und zwei kleineren Werken des großen Meisters beeindruckte.

Starke Kontraste

Den Auftakt des knapp einstündigen Konzerts bildete die erste der sechs Trio-Sonaten in Es-Dur, BWV 525. Ihre Niederschrift fällt in Bachs Leipziger Jahre zwischen 1727 und 1732. Der Schwierigkeitsgrad der, als Übungsmaterial für seinen Sohn Wilhelm Friedemann geschriebenen, Triosonaten besteht in ihrem "kammermusikalischen" Charakter. Denn hier übernimmt der Organist den Part von drei Musikern (Violine, viola da gamba, basso continuo). Beide Manuale sowie das Pedal werden einstimmig und unabhängig voneinander geführt - was den Sonaten ihren hohen Anspruch verleiht.

Bachs Kunst besteht darüber hinaus darin, die kompositorische Raffinesse der Es-Dur-Sonate hinter einer insgesamt heiteren Fassade zu "verbergen". Auf den beschwingten Eingangssatz folgt leise-gedämpft - wie von weither - ein langsamer, fast meditativer Satz. Die Sonate klingt freudig mit einem schnellen Satz aus. Frank Schefflers Sensorium für die Raffinesse dieses vielfarbigen Kleinods läßt das Hören zum Erlebnis werden. Einen starken Kontrast zur Trio-Sonate und der Choralbearbeitung bildet Bachs selten gehörtes "Allabreve" D-Dur. Das feierlich-festliche Werk im "Alten Stil" datiert aus seiner Weimarer Zeit und wandelt auf den Spuren italienischer Renaissancemusik, vor allem des großen Tonsetzers Giovanni da Palestrina. Bachs Klangangabe "in organo pieno" verweist darauf, dass hier wirklich viele Register gezogen werden.

Und dann folgt das glanzvolle Highlight des Benefizkonzerts - Präludium und Fuge a-Moll, BWV 543 aus Bachs Weimarer Jahren! Hier stoßen Extreme fast schmerzhaft aufeinander; auf tiefe Niedergeschlagenheit folgt hochgestimmte Erwartung. Dicht aufeinander folgen schnelle Manualläufe und Pedalsoli. Der ständige Wechsel von Dur und Moll hält an bis zum jähen Ende und hinterlässt ein Gefühl tiefer Atemlosigkeit. Ruhig zurücklehnen kann sich der Hörer bzw. die Hörerin dieses aufwühlenden Werks jedenfalls nicht.

Bewegt von der souveränen Interpretation dieses virtuosen, dynamischen Werks mit allen nur denkbaren satztechnischen Schwierigkeiten, verlassen die Gekommenen nach dem Segen das Gotteshaus.

Wieder einmal ist es gelungen, unseren von Covid-19 und anderen Sorgen überschatteten Alltag für eine wertvolle Stunde hinter uns zu lassen - dank der unvergleichlichen Musik Johann Sebastian Bachs und seinem "Herold" Frank Scheffler, der für seine kongeniale Interpretation lang anhaltenden Beifall erhielt.

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