Andreas Boltz spricht einleitende Worte. FOTO: GK
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Andreas Boltz spricht einleitende Worte. FOTO: GK

Ein Meister an der Orgel

  • vonGerhard Kollmer
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Bad Nauheim(gk). Nach dreimonatiger Stille hallt das Kirchenschiff von St. Bonifatius am Sonntagnachmittag von machtvollen Orgelklängen wider. Wer diesen furiosen, erhebenden Neubeginn miterleben konnte, durfte sich wahrlich glücklich schätzen.

Andreas Boltz, seit 2011 Dommusikdirektor des Frankfurter Kaiserdoms St. Bartholomäus, hatte Toccaten und Fugen von sechs Komponisten aus drei Jahrhunderten mitgebracht, um sie nach kurzer Einführung in einer guten Stunde souverän erklingen zu lassen. Lang anhaltender stehender Beifall der etwa vierzig Hörer dankte es ihm.

"Toccata": Das Partizip des italienischen Verbs toccare bedeutet so viel wie berührt, betastet, geschlagen. Als Werk für Tasteninstrumente einschließlich der Orgel zeichnet sie sich unter anderem durch häufige Dissonanzen, ihre relativ freie Struktur und Expressivität aus. Schnelle Läufe und vollstimmige Akkorde wechseln einander ab. Das Grundprinzip der "Fuge" (von "fuga" = Flucht) hingegen ist die mehrmalige Wiederholung eines Eingangsthemas auf unterschiedlichen Tonhöhen. Nicht zuletzt durch ihre Mehrstimmigkeit stellt die Fuge einen markanten Gegensatz zur Toccata dar.

Es ist äußerst reizvoll, diese beiden so verschiedenen musikalischen Formen im Zusammenklang mitzuerleben - vor allem wenn ein Interpret wie Andreas Boltz es versteht, die Komplexität und den Kontrastreichtum der vorgetragenen Werke so meisterlich herauszupräparieren.

Die "Toccata Septima" aus dem 1690 erschienenen "Apparatus musico-organisticus" des 1653 geborenen savoyischen Barockkomponisten Georg Muffat bildete den Auftakt des Konzerts in St. Bonifatius. Nach machtvoll-feierlichem Auftakt bestimmen harte Dissonanzen zeitweilig das musikalische Geschehen. Prägend für Muffats musikalische Entwicklung war seine Begegnung mit Arcangelo Corelli und Jean Baptiste Lully. Auch Toccata & Fuge, op. 59/5 und 6 des Spätromantikers Max Reger (1873-1916) beginnen mit einem schrill-dumpfen "Dissonanzengewitter". Wahre Klangmassen stürzen auf den Hörer herab. Auf diese fast furchteinflößenden Läufe und Akkorde folgt - welch ein Bruch! - eine meditative, feingliedrige Fuge. Das großartige Werk endet in einem atemraubenden Crescendo.. Beim Hören dieses Meisterwerks erahnt man den (Doppel-)Sinn des Wortes "Toccata". Berührt, ergriffen läßt einen diese Klangeruption zurück. Der/die Hörer/in ist "toccato" bzw. "toccata" von einer Musik, die ihn bzw. sie trotz ihrer Wucht nicht erschlägt, sondern erhebt.

Der um 1637 im dänischen Helsingborg geborene Dietrich Buxtehude ist Haupt der norddeutschen Orgelschule und prägt den freien, improvisationsreichen "stylus fantasticus".

Schwerelos und wunderbar

Seine in St. Bonifatius erklungene Toccata und Fuge F-Dur, BuxWV 156 bringt das gut zum Ausdruck. Besonders beeindruckend ist die fein gesponnene, "schwerelose" Fuge mit wunderbarem Schluss.

Der 1870 im französischen Poitiers mit einer schweren Sehbehinderung geborene Louis Vierne zählt als Schüler César Francks und Charles-Marie Widors zu den großen Orgelkomponisten der ersten Jahrzehnte des letzten Jahrhunderts. Das Finale seiner 1898 geschriebenen 1. Orgelsinfonie, op. 14 bilden eine Toccata und Fuge, die Andreas Boltz mit feinstem Gespür für den ungeheuren Kontrastreichtum dieses wild zerklüfteten, abgründigen Klanggebirges zu Gehör brachte.

Johann Sebastian Bachs berühmte Toccata und Fuge d-Moll, BWV 538 beginnt mit einem schnellen Leitmotiv, das sich - kaum unterbrochen - bis zum Ende fortsetzt. Die strikt kontrapunktisch aufgebaute Fuge variiert ein sich ebenfalls bis zum Schluss durchhaltendes Thema - ohne deshalb im Geringsten monoton zu klingen. Es ist, als komme diese kaum in Worte zu fassende Musik aus dem Unendlichen, wohin sie auch wieder zurückkehrt. Mit Toccata, Fuge und Hymnus des belgischen Tonsetzers Flor Peeters endete ein an Intensität kaum zu überbietendes sonntägliches Klangerlebnis.

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