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»Mein Sternzeichen ist der Regenbogen«

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Von: Gerhard Kollmer

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Trotz ernster Themen hat Autor Rafik Schami auch heitere Geschichten mitgebracht. © Gerhard Kollmer

Bad Nauheim (gk). Es dauert nur wenige Minuten, bis Rafik Schami - Autor von weit über hundert Erzählungen, Romanen, Gedichten, politischen Essays und Träger zahlreicher renommierter Preise wie des Chamisso- und Hermann-Hesse-Preises - das Auditorium in der voll besetzten Wilhelmskirche am Sonntagabend in seinen Bann gezogen hat.

Der im pfälzischen Marnheim lebende syrisch-aramäische Christ wuchs im christlichen Viertel von Damaskus auf, begann dort ein Chemiestudium und verließ sein Heimatland 1970 - als es der Vater des jetzigen Gewaltherrschers Assad in eine Diktatur zu verwandeln beginnt. Im folgenden Jahr wanderte er nach Deutschland aus, wo er nun seit 50 Jahren lebt.

Unermüdlich reist der mehrsprachige Autor vor allem durch die Länder der EU, um sich in Lesungen und Vorträgen zum Beispiel für die Aussöhnung zwischen Palästinensern und Israelis einzusetzen.

Ein weiteres wichtiges Anliegen ist ihm die Lage der Migranten und Asylanten (darunter Zehntausende syrische Bürgerkriegsflüchtlinge) in Deutschland. Darüber hinaus fasziniert Schami als begnadeter Erzähler in der Tradition seiner arabischen Heimat die Hörerinnen und Hörer immer wieder mit meist heiteren Geschichten - so auch im zweiten Teil seines Auftritts in der Wilhelmskirche, den der »Internationale Club Bad Nauheim« organisiert hatte.

Im vergangenen Jahr erschien Schamis neuer Essay »Gegen die Gleichgültigkeit - über Rassismus, Orientalismus und den neuen Typus von Intellektuellen« in einem kleinen Berliner Verlag. Ihm war der erste Teil von Schamis Auftritt gewidmet.

»Die Innenstädte in diesem Land gehen kaputt«; immer mehr Buchhandlungen vor Ort (Schami nennt sie »Juwelen«) fallen Konzernen wie Amazon zum Opfer; kleine Verlage, die nicht dem Mainstream folgen, verlieren ihre Existenzgrundlage. Nur gleichgültige Zeitgenossen können diesem Kahlschlag ungerührt zusehen, so Schami, der den sozialkritischen französischen Romancier Emile Zola (»j’accuse«) zu seinen Vorbildern zählt.

Gleichgültigkeit habe - jenseits des privaten Bereichs - etliche politische Facetten, so Schami.

Im Unterschied zur »freiwilligen« Variante in demokratischen Gesellschaften sei sie in autoritär-diktatorischen Regimes (wie zum Beispiel den meisten arabischen bzw. muslimischen Ländern) ein de facto erzwungenes massenpsychologisches Phänomen: Wer mit den Machthabern nicht kollidieren will, hält sich aus der Politik heraus.

Bestes aktuelles Beispiel sei die Gleichgültigkeit weiter Teile der russischen Bevölkerung angesichts des verbrecherischen Krieges gegen die Ukraine. Gleichgültigkeit könne auch im Gewande der Neutralität auftreten. »Ich halte mich da heraus. Alles hat seine zwei Seiten«: So oder ähnlich laute dann die Devise.

Über die politischen Eliten der arabischen Welt fällt Schami ein vernichtendes Urteil. Solange die Herrschaft krimineller Clans nicht gebrochen sei und deren Hofierung durch viele Staaten der westlichen Welt anhalte, sehe er keine Chance für einen grundsätzlichen Wandel zum Besseren.

»Für alle, die gegen die Gleichgültigkeit auf verlorenem Posten kämpfen. Verloren ist noch nicht alles.« Die Widmung seines Essays klingt verstörend. Ob er irgendwelche Erfolgsaussichten seiner literarisch-publizistischen Tätigkeit sehe, will ein Zuhörer in der Gesprächsrunde wissen. Schami entgegnet sinngemäß, er sei in vielem gescheitert und mittlerweile zum nüchternen Skeptiker geworden - was jedoch nicht mit Resignation zu verwechseln sei. Sein friedlicher Kampf gehe weiter.

Dass Humanität auch eine emotionale Dimension hat, demonstrierte der Menschenfreund aus der Pfalz mit drei heiteren, herzbewegenden Geschichten aus seiner syrischen Heimat.

Mit lang anhaltendem Applaus dankt das Auditorium für seinen Besuch. FOTO: KOLLMER

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