Mehr als Werthers Lotte

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"Mehr als Werthers Lotte". So überschrieb Dr. Wolfgang Brandes aus Örbke in der letzten Veranstaltung der Vortragsreihe des Kulturforums das von ihm kenntnisreich und lebendig gezeichnete Lebensbild der Charlotte Kestner geb. Buff.

"Mehr als Werthers Lotte". So überschrieb Dr. Wolfgang Brandes aus Örbke in der letzten Veranstaltung der Vortragsreihe des Kulturforums das von ihm kenntnisreich und lebendig gezeichnete Lebensbild der Charlotte Kestner geb. Buff.

Schon mit 18 Jahren sah sich Charlotte, zweitälteste Tochter des Amtmanns des Deutsch-Ordens-Hauses in Wetzlar, vor die Aufgabe gestellt, für ihre elf Geschwister die Rolle der früh verstorbenen Mutter zu übernehmen. So war es nicht verwunderlich, dass sich der acht Jahre ältere Johann Christian Kestner, der als Sekretär der Bremischen Gesellschaft am Wetzlarer Reichskammergericht seine juristische Bildung vervollkommnete, bald für die gebildete, charmante und zugleich mütterliche junge Dame interessierte und mit Erfolg um ihre Hand warb.

Ähnliche Empfindungen regten sich jedoch bei Johann Wolfgang Goethe, der 1772 als Rechtspraktikant an das Reichskammergericht kam und durch seine Werbung sich und die nicht unempfindsame Charlotte wie ihren mit Recht beunruhigten Verlobten in große Verwirrung stürzte, eine menschlich kaum zu lösende Situation, der sich Goethe nur durch eine Flucht ohne Abschied entziehen vermochte. In den folgenden Jahren hat der junge Dichter in seinem Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers" den Konflikt und die Seelenschmerzen der drei beteiligten Personen, aber auch anderer jugendlicher Zeitgenossen beschrieben.

Im umfangreicheren Teil seines Vortrags befasste sich Brandes mit dem weiteren Lebensweg der Familie Kestner. Er beschrieb den langsamen Aufstieg Johann Christian Kestners von Stufe zu Stufe bis zum Hofrat. Dieser Aufstieg wurde begleitet von der stetig wachsenden Zahl der Kinder und dem dadurch notwendigen Wohnungswechsel in der Residenzstadt Hannover.

Allein mit elf Kindern

Wie schon in Wetzlar für ihre Geschwister sorgte Charlotte nun für ihren eigenen Nachwuchs. Als ihr Mann 1816 starb, stand sie, 27-jährig, mit elf Kindern allein, musste die Pension von 300 Talern durch die Erträge eines Gartens und durch Vermieten von Zimmern im Haus ergänzen. Goethe, zu dem die Verbindung nie abgerissen war, übernahm die Patenschaft für zwei ihrer Kinder.

Als Charlotte im Herbst 1816 Weimar besuchte, zeigte sich der Freund aus Wetzlarer Tagen jedoch nur "beständig höflich", und sie stellte fest: "Ich habe eine neue Bekanntschaft mit einem alten Mann gemacht." Thomas Mann ist in seinem Roman "Lotte in Weimar" den Problemen und Möglichkeiten dieser Wiederbegegnung nach Jahrzehnten nachgegangen. Das die Bemühungen der Charlotte Kestner um Bildung und gesellschaftliche Stellung ihrer Kinder nicht ohne Erfolg geblieben sind, machte Brandes abschließend am Beispiel zweier Söhne deutlich: Einer gründete in Thann im Elsass eine Fabrik und wurde zum Stammvater der französischen Linie der Kestner, die später wirtschaftlichen und politischen Einfluss in Frankreich gewann.

Sein Bruder Georg August Kestner wirkte als Diplomat im Rom und begründete dort ein archäologisches Institut. Seine bedeutende Kunstsammlung machte die Gründung des nach ihm benannten Kestner-Museums in Hannover möglich.

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