In wenigen Sekunden können Apotheker Dr. Dirk Hildebrand (r.) und sein Mitarbeiter Peter Müller bei Großhändlern abfragen, ob ein bestimmtes Medikament lieferbar ist. Notfalls muss dem Patienten in Absprache mit dem behandelnden Arzt ein vergleichbares Arzneimittel von einem anderen Hersteller oder ein ganz anderer Wirkstoff angeboten werden.
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In wenigen Sekunden können Apotheker Dr. Dirk Hildebrand (r.) und sein Mitarbeiter Peter Müller bei Großhändlern abfragen, ob ein bestimmtes Medikament lieferbar ist. Notfalls muss dem Patienten in Absprache mit dem behandelnden Arzt ein vergleichbares Arzneimittel von einem anderen Hersteller oder ein ganz anderer Wirkstoff angeboten werden.

Verärgerte Patienten

Lieferengpass bei Medikamenten: Auswirkungen auf Apotheken und Kunden in der Wetterau

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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Ibuprofen 800 ist nicht lieferbar. Diese Auskunft erhalten Kunden der Bad Nauheimer Kur-Apotheke. Das Schmerzmittel ist eines von Hunderten Medikamenten, nach denen Patienten vergeblich fragen.

Sollen die Krankenkassenbeiträge nicht ins Uferlose wachsen, müssen die Kosten im Gesundheitswesen reduziert werden. Ein Mittel sind Rabattverträge, die Krankenkassen seit 2007 mit Medikamenten-Herstellern schließen dürfen. Hohe Abnahmemengen lassen die Preise sinken - diese Rechnung der Politik ging auf. Doch jetzt zeigen sich unerwünschte Nebenwirkungen: Immer öfter melden die Produzenten Lieferschwierigkeiten. "Patienten werden verunsichert und sind verärgert", beschreibt Dr. Dirk Hildebrand, Inhaber der Kur-Apotheke in Bad Nauheim, die Reaktion der Betroffenen.

Der Engpass betrifft die gesamte Bandbreite der Medikamente. Schmerzmittel wie Ibuprofen sind an manchen Tagen ebenso wenig erhältlich wie lebenswichtige Präparate, etwa bestimmte Blutdrucksenker, Antikrebsmittel, Antibiotika oder Antidepressiva. "In den letzten Tagen waren rund 380 Arzneimittel nicht erhältlich", erklärt Hildebrands Mitarbeit Peter Müller nach einem Blick in den Computer. Meist können die Apotheker auf Alternativmedikamente anderer Hersteller ausweichen, die denselben Wirkstoff enthalten.

Wetterau: Mehraufwand für Apotheken

"Es gibt einen Lieferengpass, aber keinen Versorgungsengpass", lautet deshalb die These von Katja Fischer, Pressesprecherin des hessischen Apothekerverbandes. Dieser Bewertung schließt sich Hildebrand mit kleinen Abstrichen an. So führt er das Beispiel eines weit verbreiteten Wirkstoffs an, der den Blutdruck senkt. "Im Medikament eines Herstellers wurde eine Verunreinigung mit krebserregenden Stoffen festgestellt. Dadurch brach die Versorgung zusammen, ein Chaos entstand", berichtet der Bad Nauheimer Apotheker. In Kooperation mit den behandelnden Ärzten mussten die Kunden davon überzeugt werden, auf einen anderen Wirkstoff umzusteigen. Bei lebenswichtigen Medikamenten seien Patienten auf ein bestimmtes Produkt fixiert, jede Änderung führe zu Verunsicherung. "Viele Betroffene empfanden diesen Engpass als Katastrophe."

Auf acht bis zehn Stunden pro Woche schätzt Hildebrand den zeitlichen Mehraufwand, der in seiner Apotheke durch den Engpass verursacht wird. Dabei schöpft die Kur-Apotheke mit ihren 28 Mitarbeitern alle Möglichkeiten der Digitalisierung und Automatisierung aus. Das Team arbeitet mit zwei Großhändlern zusammen. Ein Blick auf dem PC-Bildschirm genügt, um zu erkennen, ob ein bestimmtes Medikament gerade erhältlich ist. "Ist das nicht der Fall, muss der Arzt das Rezept ändern. Im Extremfall kann nicht auf das Präparat eines anderen Herstellers ausgewichen werden, dann suchen wir nach einem vergleichbaren Wirkstoff, der lieferbar ist", erläutert der Apotheker.

Hauptgrund: Rabattverträge

Hauptgrund für den Lieferengpass sind nach Ansicht der Apotheker die Rabattverträge. Weil die Preise fielen, ließen Pharmakonzerne nicht mehr in Deutschland produzieren, sondern in Niedriglohn-Ländern wie China oder Indien. "Per Gesetz können Krankenkassen den Rabattvertrag für einen bestimmten Wirkstoff mit nur einem Hersteller abschließen. Kommt es dort zu Störungen im Betriebsablauf oder in der Lieferkette, können alle Versicherten dieser Kasse nicht mehr mit diesem Präparat versorgt werden", sagt Verbandspressesprecherin Förster. Manche Krankenkassen hätten inzwischen die richtigen Schlüsse gezogen und sicherten sich durch Rabattverträge mit mehreren Herstellern desselben Wirkstoffs ab. Die sinkenden Medikamentenpreise hätten allerdings nicht nur zur Produktionsverlagerung, sondern auch zur Konzentration auf wenige Betriebe geführt. Für manche lebenserhaltende Präparate gebe es weltweit gerade noch zwei Hersteller.

Auch der zweite Grund, den Hildebrand für den Engpass nennt, hat etwas mit Geld zu tun. "Es gibt Produzenten, die weisen jedem Land eine bestimmte Menge eines begehrten Medikaments zu. Länder wie Großbritannien, wo die Preise höher sind als bei uns, erhalten ein größeres Kontingent." Das kann ebenfalls dazu führen, dass ein Arzneimittel in deutschen Apotheken plötzlich nicht mehr zu haben ist. Ein weiteres Problem sei mangelnde Transparenz: Nur über Umwege erführen Apotheker, warum ein bestimmtes Medikament nicht erhältlich ist.

Wetterau: Längere Wartezeiten in Apotheken

Für die allermeisten Bürger haben die Lieferschwierigkeiten keine gravierenden Auswirkungen. Beispiel: Statt einer Ibuprofen 800 können zwei Pillen desselben Herstellers mit 400 Milligramm geschluckt werden. Allerdings müssen die Kunden in Apotheken längere Wartezeiten in Kauf nehmen und in Ausnahmefällen mehrere Tage auf den Medikamenten-Nachschub warten. Ist ein Arzneimittel verfügbar, kann es die Kur-Apotheke in rund drei Stunden beschaffen. "Wir werden pro Tag, drei- bis viermal vom Großhändler beliefert", sagt Inhaber Dr. Dirk Hildebrand.

Manchmal kommen auf Kunden horrende Mehrkosten zu. Bei den gängigen Medikamenten handelt es sich nämlich stets um günstige Generika (Nachahmerpräparate). Sind diese Produkte gerade nicht zu beschaffen, greift der Apotheker im Notfall aufs Original zurück. "Dabei können Mehrkosten von bis zu 150 Euro entstehen, die von den Kassen nicht übernommen werden", erläutert Hildebrand. Aufgrund der aktuellen Lage rät er Patienten, die ein Medikament regelmäßig einnehmen müssen, sich rechtzeitig ein neues Rezept zu besorgen.

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