Medea als eiskalter Engel

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Es gehört Mut dazu, sich dem Stoff dieser berühmten Tragödie zu stellen: Wer Euripides’ 431 v. Chr. entstandene "Medea" heute auf die Bühne bringen will, muss sie vor allem vom mythologischen Ballast befreien und in zeitgemäßer Übertragung aus dem Altgriechischen präsentieren. Beides hat Regisseur Christoph Goy vom Jungen Theater Wachenbuchen getan und damit das Fundament für eine überzeugende Inszenierung im Badehaus 2 am Samstagabend gelegt. Im Rahmen der TaF-Reihe "Kabinettstücke" erlebten die gut 50 Zuschauer zwei Stunden spannendes Theater mit überzeugenden schauspielerischen Leistungen.

Es gehört Mut dazu, sich dem Stoff dieser berühmten Tragödie zu stellen: Wer Euripides’ 431 v. Chr. entstandene "Medea" heute auf die Bühne bringen will, muss sie vor allem vom mythologischen Ballast befreien und in zeitgemäßer Übertragung aus dem Altgriechischen präsentieren. Beides hat Regisseur Christoph Goy vom Jungen Theater Wachenbuchen getan und damit das Fundament für eine überzeugende Inszenierung im Badehaus 2 am Samstagabend gelegt. Im Rahmen der TaF-Reihe "Kabinettstücke" erlebten die gut 50 Zuschauer zwei Stunden spannendes Theater mit überzeugenden schauspielerischen Leistungen.

Auf der Bühne sehen wir ein wuchtiges Tor (der Stadt Korinth, in der die Handlung spielt), zur rechten drei Säulen mit goldenen Masken und einer goldenen Krone. Am Bühnenrand stehen fünf goldene Gefäße mit Kerzen. Dicke Taue hängen vom Stadttor herab. Medeas Amme (Claudia Saelzer) erscheint, legt sich eines der Taue um und berichtet vom feigen Betrug Jasons (Raik Woitha) an der ihn leidenschaftlich liebenden Medea (Nadine Aloui-Mrani), die zwei Kinder von ihm hat. Aus Opportunismus hat der Anführer der "Argonauten" sie, die ihm durch Trug und List zum Erwerb des Goldenen Vließes verhalf, im Stich gelassen, um die Tochter König Kreons von Korinth (Peter Reuling) zu ehelichen.

Wie eine Furie

"Maßlosigkeit bringt keinen Segen": Die Amme zeigt sich entsetzt über den jedes Maß übersteigenden Hass ihrer Herrin auf den armseligen charakterlosen Betrüger. Der dreiköpfige Chor teilt ihre Angst vor dem kommenden Unheil.

Medea stürmt schreiend wie eine Furie, auf die Bühne und verflucht ihr Schicksal als schwache Frau. Auch sie schleppt ein dickes Tau hinter sich her. Jason erscheint – Inbegriff der Verlogenheit und Mittelmäßigkeit. Nadine Aloui und Raik Woitha als Jason und Medea liefern sich hitzige Wortgefechte, in denen sie sich rhetorisch weit überlegen zeigt. Peter Reuling als König Kreon erscheint goldbekrönt – nach außen Machtmensch, in Wahrheit schwach und voller Selbstzweifel. Alle drei Akteure verschmelzen mit ihren Rollen, überzeugen nicht zuletzt durch differenzierte Körpersprache, die oft im Widerspruch zu ihren Worten steht. Die Medea aus Wachenbuchen macht es dem Zuschauer so gut wie unmöglich, Mitleid mit ihr zu empfinden. Denn sie agiert als eiskalter Engel – besessen von einem einzigen Gedanken, dem der Rache. Kann jemand seine Kinder lieben, der ihre eigenhändige Ermordung plant, sie nur als Mittel zum bösen Zweck ansieht? Diese Raserei geht so weit, dass man eher mit Jason als Medea Mitleid empfindet. Ein einziges Mal wälzt sich diese Frau (im Mythos ist sie eine böse Zauberin) zerknirscht – voll Selbstzweifel – am Boden.

Der vierfache Mord

Man möchte die Zeit anhalten. Aber das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Keiner der Akteure ist frei, ist Herr seines Tuns, sondern exekutiert nur das über ihn verhängte Schicksal. Diese Gebundenheit durch dicke Taue zu symbolisieren, ist deshalb ein überaus glücklicher Einfall. Völlig gefühllos lauscht Medea dem entsetzten Bericht der Amme über ihren vierfachen Mord an Kreon, seiner Tochter und den beiden Kindern, während Jason sich mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden windet. Er zeigt menschliche Züge, Medea nicht. Ein schlimmeres, schwärzeres Ende ist nicht vorstellbar.

Eine zwischen kaltem Räsonnement und rasender Verzweiflung schwankende Medea mit großer Empathie verkörpert zu haben: Darin besteht die beachtliche Leistung Alouis. Ebenso ist es den Darstellern Jasons und Kreons gelungen, die Gebrochenheit dieser Figuren aufscheinen zu lassen. Lediglich Claudia Saelzer darf als Amme überzeugend eine Frau spielen, die für das Gute, für Vernunft und Maß steht. Ihr gehört die Zukunft. Lang anhaltender Applaus war verdienter Lohn für eine große schauspielerische Gemeinschaftsleistung.

Bei den Kabinettstücken spielt das TAF ab dem 11. Mai unter der Regie von Pia Nußbaum den Brecht-Klassiker "Mutter Courage" mit Arena-Bühne und Livemusik. Weitere Infos unter auf www.taf-badehaus2.de.

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