Marshallplan: Ursprünge führen in die Kurstadt

Bad Nauheim (flj). Mark Twain, Franklin D. Roosevelt, Elvis Presley: Diese schillernden Persönlichkeiten waren zu Besuch in Bad Nauheim. Doch nicht nur durch diese Gäste ist Bad Nauheim eng verknüpft mit den USA. Sei es der Marshallplan, die Deutsche Presse Agentur (dpa) oder das Eisstadion – gerade während der Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg verwoben sich amerikanische und deutsche Interessen.

Bedeutendes entstand in der kleinen Kurstadt. Einen Blick hinter die Kulissen der damaligen Ereignisse bietet die Führung Stars & Stripes von Gisela Christiansen und Gabriele Freyer. Zwei Jahre forschten die seit 2004 tätigen Gästeführerinnen der Stadtmarketing GmbH. Zeitzeugen wurden befragt, Bücher gewälzt und in Amerika selbst recherchiert. Am Sonntag wurde die letzte Führung in diesem Jahr veranstaltet: Die Teilnehmer unternahmen einen historischen Rundgang quer durch Bad Nauheim.

Wie Christiansen und Freyer erzählten, kam die 15. US-Armee, die 800 Offiziere und 5000 Soldaten umfasste, im Sommer 1945 in Bad Nauheim an. Einige Offiziere bezogen Quartier im Sprudelhof. Dort stießen sie im Badehaus 8 auf die Reichsgruppe Industrie. Was hatten diese Deutschen direkt nach dem Krieg in Bad Nauheim zu suchen? Nach Angaben der Gästeführerinnen wurden Daten gesichert. 350 Mitarbeiter der Reichsgruppe hielten auf Lochkarten deutsche Wirtschaftsdaten fest.

Ein gefundenes Fressen für die Amerikaner. Gemeinsam mit den Deutschen werteten sie die Daten aus. Daraus resultierte der Calvin-Hoover-Report, der später die Grundlage für den Marshallplan zum Wiederaufbau Europas bildete. Freyer: "Ein Problem beim Auswerten der Daten war die Stromversorgung in Badehaus 8. Die Lochkarten konnten nur mit sogenannten Hollerithmaschinen gelesen werden. Um diese in Betrieb zu nehmen, benötigten die Experten einen Wechselstromgenerator. Im Badehaus stand aber nur ein Gleichstromgenerator. Also wurde kurzerhand aus dem Führerbunker Adlerhorst in Langenhain-Ziegenberg ein passender Generator besorgt."

Nicht nur bezüglich der Wiederaufbau-Planung für die deutsche Wirtschaft führen Spuren nach Bad Nauheim. Auch die erste freie deutsche Presse nach dem Zweiten Weltkrieg hat ihre Wurzeln in der Kurstadt. Im April 1945 reiste der vor den Nazis geflohene Hans Habe aus den USA nach Bad Nauheim. Sein Auftrag: Aufbau einer neuen Presselandschaft. Er wollte den Deutschen das nationalsozialistische Gedankengut durch ein freies Nachrichtenwesen austreiben. Die Deutsche Allgemeine Nachrichtenagentur (DANA) entstand.

Bad Nauheim als Wiege der dpa

Nach kurzer Zeit wurde die erste Zeitung herausgegeben. Am 1. August 1945 erschien die Frankfurter Rundschau mit einer Auflage von 500 000 Exemplare. "Es mussten gewisse Regeln eingehalten werden. Die Nachricht selbst und der Kommentar waren strikt getrennt. Auch gewisse Wörter, wie Führer, durften nicht verwendet werden", erklärte Christiansen. Ein weiteres Novum: Die DANA bildete Journalisten aus und galt als erste Journalistenschule nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland. Später entstand aus der DANA die Deutsche Presse Agentur (dpa). "Somit kann Bad Nauheim als Wiege der dpa bezeichnet werden", ergänzte Christiansen.

Unter der 15. US-Armee befand sich auch ein gewisser Colonel Paul R. Knight. Um sich mit seinen Soldaten die Zeit zu vertreiben, ließ er 1946 das Bad Nauheimer Eisstadion errichten. "Zu seiner Enttäuschung kam aber keine Eishockey-Mannschaft zustande, deshalb gab er das Stadion auch für die Bürger Bad Nauheims frei", sagte Freyer. Noch im selben Jahr gründete sich der VfL Bad Nauheim, der zu den Gründungsmitgliedern der Eishockey-Oberliga gehörte. Dazu fiel Freyer eine Anekdote ein: "Da die Mannschaft immer in Rot antrat und wie die Teufel spielten, wurden sie sehr schnell die roten Teufel genannt."

Insgesamt zwei Stunden dauerte der Rundgang durch die amerikanische Geschichte Bad Nauheims. Freyer und Christiansen erklärten kompetent viele interessante Begebenheiten. Zitate von schillernden Persönlichkeiten wie Mark Twain sorgten für manches Gelächter unter den Teilnehmern. Nach Aussage von Freyer hatte sich der berühmte Schriftsteller fürchterlich über den Zustand der Stadtbücherei aufgeregt. Das Sortiment war dermaßen klein, dass er sich überhaupt nicht wie im Land der Dichter und Denker gefühlt haben soll.

Walther Roeber, Bad Nauheimer Urgestein, war rundum zufrieden mit der Führung. "Obwohl ich schon mein ganzes Leben in Bad Nauheim verbracht habe, waren einige Sachen dabei, die für mich neu waren." Ein besseres Kompliment kann es wohl nicht geben.

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