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Marching-Band-Musiker spielen einfach drauf los

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Bad Nauheim (jw). Samstagmittag in der Musikschule, Probe der »Academy to go«. Die Saxofonistinnen üben ihren Part des James-Brown-Klassikers »I feel good«, die beiden Stimmen liegen nur einen halben Ton auseinander. »Das klingt schräg, aber das muss so sein«, sagt Ulrike Schimpf.

Bad Nauheim (jw). Samstagmittag in der Musikschule, Probe der »Academy to go«. Die Saxofonistinnen üben ihren Part des James-Brown-Klassikers »I feel good«, die beiden Stimmen liegen nur einen halben Ton auseinander. »Das klingt schräg, aber das muss so sein«, sagt Ulrike Schimpf. Und dann singt sie die zwei Takte vor: »Wiuwiuwiuwie«. Was bei den ersten Versuchen wie eine Kackophonie in Reinkultur klingt, mausert sich schnell zum mitreißenden Soulswing. »Wie kennen keine Noten«, ruft Alexander Kowalsky den Musikern zu, deutet mit Handzeichen an, dass nun der Refrain folgt, und schon wenige Minuten, nachdem das neue Stück erstmals angespielt wurde, groovt es ganz gewaltig und macht den Teilnehmern dieses ungewöhnlichen Workshops hörbaren Spaß.

Natürlich kennen Schimpf und Kowalsky Noten. Sie sind ausgebildete Berufsmusiker, arbeiten als Komponisten und Musiklehrer, spielen in Symphonieorchestern, Bands und Ensembles. Aber irgendwann merkten sie, dass es mehr gibt als nur Noten und stures Abspielen von Partituren.

Zusammen mit dem Schlagzeuger und Komponisten Herk Röpe wurden 2005 in Gießen die Marching Bandits gegründet, ein Ensemble aus Blech- und Holzbläsern, Trommlern, Sängern und Tänzern, die im Stile der Marching Bands aus New Orleans funkig-jazzige Arrangements spielen - am liebsten auf der Straße, in grell-bunten Uniformen und immer in Bewegung. Bei Straßenfesten und anderen Gelegenheiten wie der ersten Auflage von »Friedberg frühstückt« im Jahr 2008 begeistern sie ihr Publikum. Ein Baustein dieser ungewöhnlichen Aufführungspraxis ist die »Music Academy to go«, ein Workshop, der geübten Anfängern Gelegenheit bietet, mit Profis zusammenzuspielen.

Die in Alsfeld lehrende Saxofonistin Schimpf und der aus Reichelsheim stammende Posaunist Kowalsky arbeiten gerade an einem Lehrbuch über ihre Methode. »EasyPatterns« nennt sich das System: Bausteine aus Tonfolgen werden kombiniert und bilden das Grundgerüst, das den Musikern viele Freiräume zur Improvisation lässt. »Wer nur anhand von Noten spielt, erfasst die Musik zunächst über den Verstand«, erläutert Kowalsky. Dabei ist Musik eine Bauchsache, hat viel mit Gefühl und Rhythmus zu tun. »Wer nicht an den Noten klebt, kann sich mehr auf das, was gespielt wird, konzentrieren«, ergänzt Schimpf.

»Unsere Methode geht aber nicht auf Kosten der Exaktheit.« Es ist wie bei der Sprache: Die Schrift ist ein Werkzeug zur Verständigung, sprechen lernt man aber auch ohne Schreiben, nämlich durch Zuhören und Nachahmen.

Die meisten der zwölf Musiker, die zum Workshop in die Bad Nauheimer Musikschule gekommen sind, verinnerlichten die neue Methode im wahrsten Sinne des Wortes spielend. Ungläubige Fragen wie »Kriegen wir dafür wirklich keine Noten?« lösten sich in den zwei Tagen schnell auf. Am Samstag informierten sich die Bad Nauheimer Musikschullehrer über das Projekt. »Das ist ein ganz toller Ansatz«, sagte Musikschulleiter Ulrich Nagel. Er hofft, dass seine Lehrer die neue Unterrichtsmethodik aufgreifen und noch mehr Schüler motiviert werden, beim nächsten Mal dabei zu sein. Nagel: »Es wird eine Wiederholung geben.« Dafür will auch Michael Grün sorgen, der an der Musikschule das tiefe Blech (Posaune, Tuba, Bariton) sowie Jazz-Piano unterrichtet und beim Workshop mit dabei war.

Am Sonntag gesellte sich Ghezai Tsehaie-Habte zu der Gruppe, der Sänger der Marchings Bandits. »Wow, der hat aber eine super Stimme!«, schwärmte nachher ein Teilnehmer. Der in Reggea, Jazz, Soul und Hip-Hop erprobte Sänger ist auch mit von der Partie, wenn die »Academy to go«-Teilnehmer auf der Landesgartenschau einen Walkact präsentieren. Am Wochenende findet auf dem Goldsteingelände das Musikschulfest statt, 300 junge Musikerinnen und Musiker bieten am Samstag (11 bis 20 Uhr) und am Sonntag (11 bis 16 Uhr) ein 14-stündiges Programm. Die »Academy to go« ist am Samstag von 13 bis 14 Uhr auf dem Gärtnermarkt am Goldstein zu hören. Ohne Noten. Aber mit jeder Menge Spaß an der Musik.

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