bk_claasen_150421_4c
+
Dr. Simon Classen zeigt einen der Strümpfe, die Patienten mit Lymphödem Schmerzlinderung bringen - nicht zu verwechseln mit Trombosestrümpfen nach Operationen.

Kerckhoff-Kongress

Lymphödem: Strümpfe helfen gegen Schmerzen

  • VonHanna von Prosch
    schließen

Gibt es einen Stau im Lymphsystem, entstehen schmerzhafte Ödeme. Ein Kongress der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik gibt Einblicke und Anleitung zur Selbsthilfe - auch für Betroffene.

Entsteht nach einem Unfall, einer Tumoroperation oder in Folge von Diabetes plötzlich ein dicker Arm, Fuß oder ein dickes Bein? Dann könnte es ein Lymphödem sein. Etwa vier Millionen Menschen in Deutschland leiden daran. Vielen kann nach richtiger Diagnose und gründlicher Ursachenforschung relativ schnell geholfen werden. Bei den etwa zehn Prozent mit Extremformen wird die Krankheit chronisch. Aber alle sind in ihrem täglichen Leben massiv beeinträchtigt, leiden unter großen Schmerzen und sind durch die sichtbaren Veränderungen häufig stigmatisiert.

Diese Probleme greifen die Deutsche Gesellschaft für Lymphologie und die Gesellschaft Deutschsprachiger Lymphologen in ihrem Jahreskongress auf. Kongresspräsident und leidenschaftlicher Kämpfer für die wissenschaftliche Erforschung des Lymphödems ist der Direktor des Harvey-Gefäßzentrums der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik, Dr. Simon Classen.

»Die Prozesse, die im Lymphsystem ablaufen, sind sehr kompliziert«, sagt Classen. Sie gingen von dicht unter der Haut verlaufenden Kanälen über Verbindungswege bis weit in die Tiefe, wo die kleinen aktiven Lymphherzen säßen. Dabei passierten sie die Lymphknoten. »Allein im Kopf haben wir davon mehr als 600. Bekannt sind normalerweise die an den Ohren, in der Achsel und der Leiste.

Ausbildung wird vernachlässigt

Bis vor 100 Jahren war nur das arterielle und venöse Gefäßsystem im Körper bekannt. »Erst Schritt für Schritt erkannte man, wie sehr es mit dem lymphischen System zusammenhängt«, erklärt Classen. Er selbst blieb schon im Studium an der Sache dran, weil er wissen wollte, was dahintersteckt. Während es für Physiotherapeuten entsprechende Fortbildungen gibt, wird Lymphologie in der ärztlichen Ausbildung immer noch vernachlässigt.

Inzwischen weiß die Fachwelt, dass Diabetiker, Männer nach Prostata- oder Frauen nach Brustkrebsoperationen besonders betroffen sind. Auch starkes Übergewicht kann auf die Gefäße drücken und die Lymphflüssigkeit stauen.

Classen: »In seltenen Fällen gibt es angeborene Störungen bei Säuglingen. Kinderärzte haben dafür aber einen guten Blick.« Hausärzte, die ein Lymphödem diagnostizieren, sollten zum Spezialisten überweisen, der, je nach Ursache, eine ambulante Behandlung beim Physiotherapeuten verordnen oder auch eine Lymphknotentransplantation empfehlen könne.

Gute Erfolge mit Aquacycling

Ist eine Behandlung mit Kompression verordnet, legt der Physiotherapeut nach einer Lymphdrainage für zwei bis drei Tage eine Bandage an. Wenn nach der Entstauung ein Grundstatus erreicht ist, kommt ein individuell angefertigter Strumpf zum Einsatz. Classen zeigt verschiedene »flachgestrickte« Strümpfe und Hosen mit Füßen. Sie bestehen aus sehr festem Material und wirken für den Laien steif und unbequem. »Das sind sie nicht. Die Patienten empfinden sie als angenehm und erleichternd.«

In leichteren Fällen und zur Dauertherapie könnten mit Aquacycling gute Erfolge erzielt werden. Das ist Training mit einem Unterwasserfahrrad, wobei der Wasserdruck den Lymphtransport anregt. In sehr schweren Fällen von Ödemen ist ein stationärer Aufenthalt nötig. Doch das ist laut Classen selten, weil Krankenkassen keine Kosten übernähmen. In jedem Fall ist es für den erfahrenen Spezialisten wichtig, dass die Therapie immer an das Lebensumfeld des Menschen angepasst ist, damit sie Erfolg hat.

Beim Kongress am Wochenende werden neue Erkenntnisse über medikamentöse Therapien, Techniken und minimalinvasive chirurgische Methoden vorgestellt. Vor allem aber rät Classen Betroffenen, sich in den Workshops am ersten Kongresstag Anregungen zu holen und sich bei den Selbsthilfegruppen zu melden.

Tipps für Betroffene

Der Kongress der Kerckhoff-Klinik (Harvey-Gefäßzentrum) wird online veranstaltet. Im Livestream treffen sich Ärzte aller Fachrichtungen, Physiotherapeuten, Fachkräfte der Sanitätshäuser, Betroffene, die Lymphselbsthilfe und Interessierte zum Austausch. Am ersten Kongresstag (16. April) demonstrieren Spezialisten in Workshops einige moderne Behandlungen und neue Methoden in der praktischen Anwendung. In einem mehrstündigen Programm der Lymphselbsthilfe erhalten Betroffene von Betroffenen hilfreiche Informationen für den Alltag. Am zweiten Tag (17. April) stehen in Vorträgen Forschung und Wissenschaft im Vordergrund. Der Schwerpunktr liegt dabei auf den jungen Patienten.

An beiden Tagen präsentieren Hersteller neue therapeutische Hilfsmittel, die den Alltag erleichtern. Die Kongressteilnehmer können über Chat-Funktionen direkt Kontakt mit den Fachleuten aufnehmen. Die Inhalte der Tagung sind drei Monate lang abrufbar. Programm, Anmeldung und weitere Informationen unter www.dglymph.de/ aktuelles/kongresse-veranstaltungen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare