Literaturnobelpreisträger wider Willen?

Bad Nauheim (buc). Die Frage ist nach einem informativen Gespräch in der Regel ironisch oder rhetorisch gemeint: Sind nun alle Klarheiten restlos beseitigt?! Dies erlebten die Gäste der Veranstaltungsreihe "Nobel speisen" im Restaurant Johannisberg. Diesmal war der Abend dem britischen Staatsmann Sir Winston Churchill gewidmet.

Schon Günter Wagner vom Institut für Sporternährung, das neben der Buchhandlung am Park zu den Mitorganisatoren der Reihe gehört, warf in seiner Begrüßung die Frage auf, wieso sich das Nobelpreiskomitee für den früheren britischen Premierminister entschieden hatte. Ihm, so Wagner, sei das immer noch nicht vollends verständlich.

Ein unbedarfter Gast mochte es zu Beginn des Abends als nicht allzu befremdlich erscheinen, dass ein Politiker von solchem Format mit den hohen Ehren gewürdigt wurde. Ein wenig aufmerken ließ vielleicht, dass Churchill nicht mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Obwohl er einer der führenden Staatsmänner im Kampf gegen das national-sozialistische Regime in Deutschland war. Doch er erhielt 1953 den Literaturnobelpreis. Wem dies sonderbar erscheint, ist sich zumindest mit dem Geehrten einig. Dieser hatte den Friedensnobelpreis erhofft. Den Literaturnobelpreis empfand er Überlieferungen zufolge als Beleidigung. Es wird sogar gemunkelt, Churchill habe sich aus diesem Grund geweigert, den Preis persönlich entgegenzunehmen. Denn nicht er, sondern seine Frau Clementine erschien zum Festakt. Andere Quellen berichten von einem Schlaganfall, der ihn an der Reise nach Stockholm gehindert habe.

Kurzum: Seine Gattin trug seine Dankesrede vor und genoss das Menü, das beim feierlichen Bankett aufgetischt wurde. Ebenso nobel speisen wie Clementine Churchill konnten 57 Jahre später die Gäste in Bad Nauheim. Gemäß dem Konzept liest die Schauspielerin, Prof. Carmen Renate Köper, vor und zwischen den Essensgängen aus den Werken des jeweiligen Nobelpreisträgers vor. Damals wie kürzlich verspeisten die Gäste Hummertartar Pariser Art an kräftigem Brot. Als Hauptgang servierten die Johannisberg-Köche gebratenen Rehrücken mit Maronen-Sellerie-Püree und Preiselbeeren. Das Menü rundete ein mariniertes Fruchttörtchen mit Maraschino ab.

Vor dem ersten Gang erzählte Renate Köper aus dem Leben des Staatsmanns. Churchill starb 1965. "Er war immer rastlos, wollte immer in alles hineinreden. Tatenlosigkeit war für ihm ein Graus", beschrieb sie ihn. Churchill war nicht nur Regierungschef und Redner, sondern auch erfolgreicher Autor zahlreicher literarischer Werke. In den 1930er Jahren zählte er zu den bestbezahlten Schriftstellern der Welt, berichtet die Lektorin. Das Schreiben zieht sich wie ein "roter Faden" durch sein Leben. Er arbeitete als Journalist, schrieb Kolumnen zur Weltpolitik sowie Romane.

Für ihn sei es wie ein großes Abenteuer gewesen, eine Geschichte zu entwickeln. Als aus seinem Liebes- und Abenteuerroman "Savrola" (1900) gelesen wurde, bekam man einen ersten Geschmack. Rosamunde Pilcher hätte es nicht besser machen können. Auch sein Kriminalroman "Die Schlacht in der Sydney Street" zeugt nicht von höchster literarischer Qualität. Doch denkt man an seine berühmt-berüchtigte "Blut-Schweiß-und-Tränen"-Rede, die er 1940 während des Zweiten Weltkriegs zur Einstimmung seiner Mitbürger auf den Krieg hielt, ahnt man die Sprachgewalt des Autors, Politikers und eben auch Literaturnobelpreisträgers.

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