Verschmust statt blutrünstig: Staffordshire Terrier "Lady" lebt seit vier Jahren im Tierheim, Mitarbeiterin Regina McGee kümmert sich um die Hündin.
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Verschmust statt blutrünstig: Staffordshire Terrier "Lady" lebt seit vier Jahren im Tierheim, Mitarbeiterin Regina McGee kümmert sich um die Hündin.

Listenhunde: Wer durchfällt, dem droht der Tod

Bad Nauheim/Gießen (vpf). Oft sieht man es ihnen nicht an, auch an ihrem Verhalten zeigt sich keinerlei Auffälligkeit, dennoch: Steckt auch nur der kleinste Teil eines Listenhundes, weithin bekannt als "Kampfhund", in einem Tier, ist ein Wesenstest fällig. Der ist gar nicht ohne, wie Expertinnen vom Tierheim Wetterau in Rödgen und aus Gießen berichten. Zudem drohen schlimme Konsequenzen: Wer durchfällt, wird in der Regel eingeschläfert.

"Wir hatten vor einiger Zeit Welpen, ein Mix aus Dogge, Boxer, Labrador und Pitbull. Das waren die süßesten Welpen, die sie je gesehen haben, richtige Familienhunde. Trotzdem mussten alle neun zum Wesenstest", erzählt Regina McGee vom Tierheim in Rödgen. Eine Spur Pitbull reicht aus, um die Kleinen zum Listenhund zu machen. Die Racker hätten die Prüfung mit Bravour bestanden, so einfach laufe das aber nicht immer.

"Wenn man sich einen Listenhund zulegen möchte, muss der Wesenstest gemacht werden", erklärt McGee. Das Tierheim Wetterau im Rödgener Brunnenweg habe eine Liste von Sachverständigen, die den Test abnehmen. Wer aber glaubt, die Prüfung verlaufe immer gleich, liegt falsch. "Es gibt Sachverständige, die die Hunde richtig triezen und zur Weißglut bringen. So lang, bis sie nicht mehr anders können, als aggressiv zu werden", sagt die Mitarbeiterin des Tierheims.

"Es handelt sich oft um Hunde, die noch nie einer Fliege etwas zuleide getan haben", weiß Barbara Hoffmann. Die Tierärztin bietet in ihrer Praxis in Gießen seit 2001 Wesenstests für Listenhunde und "gefährliche Hunde" an. Gebissen worden sei sie bei 480 Tests nie. Hunde, die als "gefährlich" gelten, wurden aufgrund ihres Verhaltens angezeigt. "Dabei werden alle in einen Topf geschmissen", erläutert die Tierärztin. "Klar muss ein Hund, der einen Menschen gebissen hat, getestet werden. Aber auch wenn der Hund nur den Eindruck erweckt, er könne unkontrolliert zubeißen, muss er zum Test."

Der Wesenstest gliedert sich in drei Teile, fällt der Hund durch, drohen schlimme Konsequenzen. Die Annahme, nur gefährliche Hunde fielen durch, täuscht nach Aussage der Veterinärmedizinerin. Die Tiere durchliefen während des Tests Situationen, die so bedrohlich auf sie wirken, dass es fast unmöglich scheine, ruhig zu bleiben. "Der erste Teil ist eine Routine-Untersuchung", sagt Hoffmann. Augen, Nase und Schnauze werden in Augenschein genommen, der Chip abgelesen.

"Vertrauen wird zerstört"

Entscheidend werde es im zweiten Teil, in dem der Umgang des Hundes mit Alltagssituationen geprüft wird. "Der Besitzer nimmt den Hund an die Leine. Wir laufen eine Strecke, auf der uns Radfahrer und Autos begegnen. Wir kommen an einer Grundschule und einem Kindergarten vorbei. Einen besseren Test gibt es nicht." Zeige der Hund Zeichen von Aggression oder gar Angriffsverhalten, werde es kritisch. Richtig schwierig werde es für die Tiere im dritten Abschnitt der Prüfung. "Zunächst muss sich der Besitzer entfernen, während ich den Hund anrempele", erläutert Barbara Hoffmann. Allein das Fernbleiben des Besitzers in fremder Umgebung bedeute enormen Stress für den Hund.

Der Sinn der nächsten Übung hat sich der Tierärztin nie erschlossen: "Nun muss ich den Hund bedrohen. Nachdem ich seinen Blick fixiert und immer lauter gerufen habe, laufe ich mit einem Stock in der Hand auf ihn zu, als würde ich ihn schlagen." In dieser Situation habe jeder Hund panische Angst, das Vertrauen in den Menschen werde zerstört. Dennoch müsse sich das Tier direkt nach dem angedeuteten Angriff wieder vom Tester anfassen lassen.

Keine leichte Übung, auch für Nicht-Listenhunde. Trotzdem: Fällt ein Hund durch, droht ihm der Tod. "Die meisten Hunde, die nicht bestehen, werden eingeschläfert" bedauert Hoffmann. "Da gibt es eben nur schwarz oder weiß."

Der Hundehalter muss mindestens 18 Jahre alt sein und ein lupenreines polizeiliches Führungszeugnis vorweisen. Er muss sich zudem einer Sachkundeprüfung unterziehen. Im theoretischen Teil müssen Fragen zur Hundehaltung beantwortet werden, im praktischen Teil muss der Besitzer beweisen, dass das Tier seine Befehle wie "Sitz" und "Bei Fu? befolgt. "Ich beobachte aber auch während des Wesenstests des Hundes das Verhalten des Besitzers: Achtet er darauf, wohin sein Hund läuft, gleicht er unruhiges Verhalten aus. Durch richtige Reaktionen des Halters können viele kritische Situationen vermieden werden", sagt Barbara Hoffmann.

Ein Wesenstest ist eine enorme Belastungsprobe. Wohlgemerkt auch für solche Tiere, die nur zum kleinsten Teil einen Listenhunderasse in sich tragen. Die Folge: Das Tierheim bleibt auf den Tieren sitzen. "Viele Leute sind voreingenommen" sagt Regina McGee vom Tierheim. "Sie sagen, sie wollen einen Hund der ›nicht so groß, nicht so alt und kurzhaarig" ist. Oft trifft das auf Listenhunde zu." Erfahren die Interessenten, dass ein "Kampfhund" drin steckt, würden sie sich abwenden. "›So einer kommt mir nicht ins Haus", sagen dann die meisten. Die Leute denken, alle Listenhunde wären Totbeißer."

Das Verhalten dieser Rassen sei häufig auf ihre Vergangenheit zurückzuführen. "Die meisten Listenhunde werden nur zur Zucht benutzt, im Keller eingesperrt und schließlich auf dem Schwarzmarkt verkauft", sagt McGee. Ein solcher Hund, der zuvor noch nie eine Straße betreten habe, reagiere natürlich ängstlich auf einen Radfahrer. Dennoch hätten auch diese Hunde eine Chance verdient: "Man muss sich nur etwas Zeit nehmen, um mit dem Tier zu trainieren", weiß Regina McGee.

Das gilt auch für "Lady". Sie ist ein Listenhund, wurde vor vier Jahren beschlagnahmt. Seitdem fristet sie ihr Dasein im Tierheim. "Wenn jemand mit ihr trainiert, zu dem sie Vertrauen findet, kann auch ›Lady" den Wesenstest bestehen", ist sich McGee sicher. Habe der Staffordshire-Terrier Vertrauen gefasst, sei er richtig verschmust.

Um "Lady" und alle anderen Tiere in Rödgen kennenzulernen, können Interessenten am morgigen Sonntag von 11 bis 17 Uhr das Tierheim im Brunnenweg besuchen. Dort gibt es einen Tag der offenen Tür.

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