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Lichtkirche: Wer möchte, darf die Glocke läuten

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Bad Nauheim (bf). Montagmorgen in der LichtKirche: Nach dem großen Eröffnungswochenende ist es ruhig im Goldsteinpark. Der Himmel ist ein wenig bewölkt, und es sind hauptsächlich die Dauerkarteninhaber, die übers Gelände streifen.

Renate Alt und Brigitte Hochstein aus Södel haben sich ehrenamtlich zur Betreuung der Besucher gemeldet. Warum? »Mein Mann hatte auf der Dekanatssynode gehört, dass Helfer gesucht werden«, erzählt Alt. Und weil sie nicht allein gehen wollte, nahm sie Freundin Brigitte mit. Diese singt seit 50 Jahren im Kirchenchor und ist »schon immer« irgendwie in ihrer Kirchengemeinde aktiv gewesen.

Rund 30 Besucher haben sie bis elf Uhr schon betreut. Die meisten wollen wissen, wann man denn die spektakuläre Beleuchtung der Kirche sehen kann. Täglich, sobald die Dunkelheit anbricht, erklären die Helferinnen geduldig. Dann sind zwar die Kassengeschlossen, doch wer mag, kann noch auf dem Gelände bleiben und es durch Drehtore verlassen. Auch von außen wird die Kirche gut sichtbar sein. Außerdem hat die Landesgartenschau während der »Lichterwochen« im Juli und August abends länger geöffnet.

Sieben Minuten vor zwölf klingt eine Glocke weithin über das Gelände und ruft zu den Mittagsgedanken, der täglichen Kurzandacht in der Lichtkirche. Wer möchte, darf zu diesem Zeitpunkt gerne am Glockenseil ziehen, genauso wie zum Reisesegen um 16 Uhr. So mancher stört sich allerdings nicht an diesem dezenten Hinweis auf einem Schild neben dem Glockenturm. Auch um 9 Uhr morgens oder um zwei Uhr mittags bereitet das Läuten offensichtlich Vergnügen - und seltsamerweise sind es immer die Männer, die unbedingt läuten wollen, weiß Lichtkirchenpfarrerin Anja Schwier schmunzelnd zu berichten.

Zu den Mittagsgedanken gibt es eine Überraschung: Kurt Anders begleitet den Minigottesdienst live auf dem E-Piano. Normalerweise spielt der Reichelsheimer in der katholischen Kirche die Orgel - und als Organist hat er sich auch bei Anja Schwier vorgestellt. Wie hätte sie da nicht fragen sollen, ob er die Andacht musikalisch begleiten möchte? Gerne hat Anders das übernommen - und wohl auch nicht zu letzten Mal, denn montags hat er frei. So schreibt die Lichtkirche bereits ihre eigenen Geschichten von Begegnungen und kleinen Wundern.

Zur Andacht haben rund 20 Menschen auf bunten Hockern in der Kirche Platz gefunden. Heute friert die Pfarrerin und hat darum den Gottesdienst nach innen verlegt. Vor dem Außenaltar an der Rückseite werden an schönen Tagen über hundert Menschen sitzen können. Wer am Sonntag das bunte Treiben zur Eröffnung erlebt hat, sieht sie nun verwandelt: Auf einmal ist da Stille, ein sakraler Raum. Am Ende fassen sich alle Gottesdienstbesucher zum Segen an den Händen und man spürt: Hier entsteht ein besonderer Ort. Ein Ort, der sicher für jeden Besucher etwas anderes bedeutet. Die einen suchen Ruhe, wie die Mutter, die am Samstag hier verweilte, um an ihren in Afghanistan stationierten Sohn zu denken. Andere freuen sich über das Gesprächsangebot oder einfach ein ruhiges Plätzchen zum Ausruhen. Bei kleinen Wunden hält das Lichtkirchenteam Hilfe von Pflaster bis Sonnencreme bereit. Auch für seelische Wunden ist Platz und Zeit zum Zuhören.

Viele der ehrenamtlichen Helfer, die Pfarrerin Schwier beim Empfang der Besucher unterstützen, bringen Erfahrung aus anderen kirchlichen Engagements mit. Ingrid Reineck aus Butzbach hat jahrelang in der Bahnhofsmission mitgearbeitet und weiß, wie man auf Menschen zugeht. Hans-Jürgen Hoos ist Vorstand der Friedberger Diakoniestation und des Seniorenbeirats.

Bei der Lichtkirche macht er mit, weil er hier, hier »mal nicht Funktionär sein muss«, sondern Zeit hat für das direkte Gespräch mit den Menschen. »Hier bin ich ‘miles christianus’«, erklärt der ehemalige Lateinlehrer lächelnd, ein einfacher christlicher Soldat. Damit hat er zusammengefasst, was alle Mitstreiter des LichtKirchenteams bewegt: als Christen dort sein, wo die Menschen sind - und für sie da sein.

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