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In der Bad Nauheimer Arztpraxis von Dr. Alexander Jakob ist die Zahl der Patienten Mitte März wegen der Abstandsregelungen schlagartig zurückgegangen. Mittlerweile hat wieder eine Normalisierung eingesetzt. 

Nicht immer volles Haus

Das Leerlaufproblem: Wetterauer Arztpraxen in Corona-Zeiten

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Das Wartezimmer ist voll, es dauert lange, bis man zum Arzt vorgelassen wird - so kann es in Kliniken und Arztpraxen aussehen. Doch in Corona-Zeiten gibt es auch Praxen, in denen Leerlauf herrscht(e).

Der Mann spürt einen Schmerz, der von der Brust in den Arm ausstrahlt, das Atmen fällt ihm schwer, Schweiß bricht aus. Doch statt auf die Herzinfarktsymptome zu reagieren, kontaktiert er lieber keinen Arzt, denn mit Corona möchte er sich nicht anstecken. Zugegeben, das ist ein Extrembeispiel, doch tatsächlich meiden viele Menschen in Zeiten von Corona den Besuch beim Arzt. Das weiß auch Dr. Alexander Jakob, Allgemeinmediziner mit Praxis in Bad Nauheim und Vorsitzender des Bezirkes Wetterau im Hausärzteverband Hessen.

Als Mitte März die Abstandsregelungen eingeführt worden seien, habe die Zahl seiner Patienten schlagartig abgenommen. "Da scheint im Moment aber auch die Normalisierung da zu sein", sagt Jakob mit Blick auf die Lockerungen in der Corona-Krise. Dennoch: Abgerechnet werde in Quartalen, also könne er erst Ende Juni ein Fazit ziehen, "Ich gehe schon davon aus, dass im April ein Drittel weniger Routinearzttermine stattgefunden haben", sagt Jakob mit Blick auf die vergangenen Wochen. Die Patientenzahl könne bis Ende Juni noch stark steigen, sodass der Rückgang womöglich noch ausgeglichen werde.

Eine Arztpraxis ist auch ein Wirtschaftsunternehmen. Kommen weniger Patienten, wird weniger Geld verdient. Er selbst habe für seine Praxis keine Kurzarbeit angemeldet, sagt Jakob. Das Team umfasst zwei Ärzte und sechs Arzthelferinnen. Im Kreise von Kollegen sei Kurzarbeit aber diskutiert worden.

Wetterauer Arztpraxen: Die Sache mit der Vergütung

Ein Vertragsarzt bekomme eine bestimmte Anzahl an Patienten vergütet, sagt Jakob. Liege die tatsächliche Zahl der Behandelten höher als diese vergütete Zahl, dann würden die zusätzlichen Behandlungen von der Kasse geringer oder gar nicht übernommen, erklärt der Allgemeinmediziner. Werde aber normalerweise pro Quartal die Behandlung von 800 Patienten vergütet und es kämen nur 500, dann würden umgekehrt nicht 800 vergütet. Zugunsten des Arztes kann die Rechnung also nicht aufgehen.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung habe einen Schutzschirm angekündigt, der den Ärzten 90 Prozent der Leistungen eines vergleichbaren Vorjahresquartals auszahlen solle, erläutert Jakob. Je nach Praxis seien aber auch zusätzliche Einnahmen, wie zum Beispiel IGEL-Leistungen, weggefallen. Also fehle es auch da an Einnahmen. Nicht zu vergessen: weniger Einnahmen durch Privatpatienten.

Irgendwie musste es in den letzten Wochen und muss es auch jetzt weitergehen: Jakob und sein Team trennen bei der Behandlung strikt zwischen Infekt-Patienten und anderen Menschen, die sich in der Praxis nicht begegnen sollen. Es gibt eine Terminsprechstunde. "Das hat sich durch Corona in vielen Köpfen dahingehend gewandelt, dass man doch vorher anruft", sagt Jakob. Bei seinen Patienten sehe er Verständnis für die Maßnahmen, auch hinsichtlich des Tragens von Mund-Nase-Schutz.

Wetterauer Arztpraxen: Videosprechstunde als eine Option

In Zeiten der Pandemie fällt verstärkt auf, welche Rolle die Digitalisierung spielt - Stichwort Videosprechstunde. Die Praxis von Dr. Denise Lucas und Dr. Alexander Jakob hat diese Variante kürzlich eingeführt. Er wisse von viele Praxen, die jetzt auch damit beginnen werden, sagt Jakob.

Die Sprechstunde aus der Ferne kann eine Lösung sein. Doch wie sieht es mit einem Netzwerk aus, in dem Ärzte, die gerade nicht ausgelastet sind, denen helfen, die nicht wissen, wo ihnen vor lauter Arbeit der Kopf steht? Es gebe eine regionale Vernetzungsstruktur, sagt Jakob. Wenn Engpässe entstünden, würden Kollegen unterstützen. Ein Beispiel: Im März seien Ärzte aus dem Österreich-Urlaub zurückgekommen und deshalb erst einmal in Quarantäne gegangen. Der zwischenzeitliche Ausfall habe kompensiert werden müssen.

Was lernen Ärzte aus der Krise? Es gelte, den Vorrat an Schutzausrüstung immer im Blick zu haben, sagt Allgemeinmediziner Jakob. "Wobei das auch nur bedingt die Aufgabe des einzelnen Arztes sein kann." Da sei die Kassenärztliche Vereinigung gefragt. Aber das sei dann auch gut abgelaufen.

Von der Politik wünscht sich der Bad Nauheimer Arzt, dass sie der ambulanten Medizin mehr Beachtung schenke. Die habe sie auch angesichts der aktuellen Pandemie verdient: "Sechs von sieben Corona-Patienten sind eigentlich in Hausarztpraxen betreut worden."

Wetterauer Arztpraxen: Das sagt die Kassenärztliche Vereinigung

"Ich kann das Problem nicht exakt einkreisen", sagt Karl Roth, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH). Er höre von Praxen, in denen sehr wenig los sei, aber auch von solchen, in denen es anders aussehe. Kurzarbeit und Ängste spielen laut Roth eine Rolle. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn habe einen Schutzschirm gespannt. "Man muss gucken, wie dicht dieser Schirm tatsächlich auch ist", sagt Roth. Die Maßnahme solle die Verluste von Ärzten bis 90 Prozent ausgleichen. "Unter dem Vorbehalt, dass das so funktioniert, müsste es eigentlich keinen Grund für Existenzsorgen geben." Rund 100 Praxen haben laut Roth die KVH darüber informiert, dass sie Kurzarbeitergeld beantragt hätten. Ob das ein vollständiges Bild sei, könne er nicht sagen. Von den Corona-Einschränkungen sei besonders der medizinische Bereich betroffen, in dem ambulant operiert werde. Ein entsprechender Erlass des Ministeriums sei einem Berufsverbot gleichgekommen, abgesehen von Notfällen, sagt Roth. Es gebe KV-Mitglieder, die vorrangig oder ausschließlich ambulant operativ tätig seien oder als Anästhesisten arbeiteten. Die Einschränkung sei aber wieder aufgehoben worden. 

Wetterauer Arztpraxen: Kassenärztliche Vereinigungen kümmern sich selbst um Schutzausrüstung 

Zum Thema Schutzausrüstung sagt Roth, die Versorgung damit sei keine Aufgabe einer KV. Am Ende des Tages seien selbstständige Unternehmen zuständig. Angesichts der außergewöhnlichen Situation habe die Kassenärztliche Vereinigung aber reagiert: "Wir als KV haben angefangen, uns zu einem Logistik-unternehmen zu entwickeln." So sei ein Web-Shop für Mitglieder etabliert worden. Bis zu 1000 Pakete seien pro Tag ausgeliefert worden. Stichwort Vermeidung des Arztbesuchs: Es sei früher sicherlich mit einer gewissen Berechtigung darüber gesprochen worden, dass Leute zu viel zum Arzt gingen, sagt Roth. Die KV werde aber Praxen und Patienten weiter dazu auffordern, wieder in die Regelversorgung einzusteigen.

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