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Ins Leben mit Musik

  • vonHanna von Prosch
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Bad Nauheim (hms). Das Summen einer Melodie beim Wiegen des Kindes beruhigt, Klänge und Rhythmen wecken Emotionen, ein Instrument zu spielen, zu singen oder zu tanzen schafft persönliche Zufriedenheit. Die Grundlagen dafür werden in den ersten Lebensmonaten gelegt, sagt Lucie Meltke, Fachbereichsleiterin für Elementare Musikpädagogik an der Musikschule Bad Nauheim. Sie weiß: »Für Musikerfahrungen ist es nie zu früh und nie zu spät.«

Der Gang der derzeit geschlossenen Musikschule steht normalerweise voll mit Kinderwagen. Auch beim WZ-Besuch vor der Corona-Krise. So klein und schon Musik machen? Lucie Meltke bejaht das ungläubige Staunen: »Wir bieten sogar einen Kurs für Schwangere an, denn das Ungeborene erkennt die Stimme der Mutter nach der Geburt unter vielen anderen wieder, also ist Singen gut.« Meltke sagt, es gehe es vor allem um den emotionalen Gehalt. Die Musikrichtung sei zweitrangig, ebenso ob man glaube, singen zu können oder nicht.

Bald nach der Geburt geht es weiter mit dem »Musiktreff«. Bunte Tücher, Stoffbälle, Glöckchen regen alle Sinne und die gefühlsmäßige Wahrnehmung an, denn Babys können Musik noch nicht kognitiv erfassen. »Die Mütter und Väter sind dankbar für jede Anregung. Sie lernen einfache Liedchen, Finger- und Bewegungsspiele und die Wichtigkeit der Rituale.« Ab dem zehnten Monat bietet die Musikschule dann den »Musik-Spiel-Kreis« für die Kinder und je einen Eltern-/Großelternteil an. Dabei hören sie Musik aus aller Welt, bewegen sich dazu, singen und experimentieren mit Materialien. »Es geht ja nicht nur um die Musik«, sagt Meltke, »die Sprache wird gefördert und die Feinmotorik, der Gleichgewichtssinn geschult, Klänge setzen Impulse und Empfindungen frei.«

Jedes Kind ist musikalisch

Wenn also Eltern meinten, ihr Kind sei unmusikalisch, weil es sich nur für Toben oder Malen interessiere, dann widerspricht die Musikpädagogin: »Es gibt kein unmusikalisches Kind. Musik geht immer Hand in Hand mit anderen Interessen. Wie stark der Hang zum aktiven Musizieren dann werden wird, hängt natürlich von der individuellen Ausprägung und der Persönlichkeit ab.« Wichtig sei für sie, dass Kinder früh viele Erfahrungen machen könnten, sodass sie ihr Leben lang Musik als Bereicherung erfahren würden, ob in Pop oder Klassik, instrumental oder im Tanz.

Die ab einem Alter von vier Jahren beginnenden dreistufigen Kurse der musikalischen Früherziehung zielten dann auf »echtes Musikverständnis« ab: Das Gehör schulen für unterschiedliche Stilrichtungen, freies Bewegen zu Musik. Stimme und Instrumente erschließen die Welt des Rhythmus. Spielerisch würden Taktarten, Noten und Notenwerte vermittelt. Wer dann Lust hat, weiterzumachen, begibt sich auf das Musikkarussell (ab fünfeinhalb Jahren). Mit Blockflöte, Geige, Gitarre und Klavier probieren die Kinder sich aus: Wie fühlt es sich an, den Ton dicht am Ohr zu hören? Was macht der Atem am Blasinstrument? Oder will ich lieber alle zehn Finger auf den Tasten hüpfen lassen? Am Ende einer Phase gibt es ein Vorspiel für die Eltern. So können Eltern und Kinder mit pädagogischer Beratung eine relativ genaue Entscheidung treffen, auch wenn diese vielleicht erst später umgesetzt wird.

Um das Musikerleben im Kindergarten zu fördern, gibt es Kooperationen mit fünf Bad Nauheimer Kindergärten. Einmal in der Woche sind die Musikschulpädagoginnen vor der Krise in die Kitas gegangen, um mit allen Gruppen Musik zu machen. »Das fördert nicht nur das Gruppenerlebnis und den Zusammenhalt, sondern ist quasi auch eine Weiterbildung für die Erzieherinnen«, sagt Meltke. Musik werde so schon sehr früh als schöne Erfahrung erlebt.

Einen Wunsch hat Lucie Meltke: »Dass zu Hause wieder mehr gesungen und musiziert wird. Gehörte Musik ist schön, aber sie ersetzt nicht das aktive Erleben.«

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