1. Wetterauer Zeitung
  2. Wetterau
  3. Bad Nauheim

Lärmsensoren am Holzdeck im Kurpark

Erstellt:

Von: Petra Ihm-Fahle

Kommentare

hed_Digitale_Stadt2_1205_4c
Manchmal ist es am Holzdeck zu laut, was Besucher und Anwohner ärgert. Datenschutzgerechte Sensoren könnten über die Geräuschkulisse informieren. © Petra Ihm-Fahle

Knapp eine Million Euro erhielt Bad Nauheim jetzt vom Land, um ein digitales Innenstadt-Management umzusetzen. Ob Müll, Parkdruck, Aufenthaltsqualität und Sicherheit - das Konzept berührt viele Felder.

Knapp eine Million Euro nahm Bürgermeister Klaus Kreß (parteilos) am Montag vom Land entgegen. Ziel ist, ein digitales Innenstadt-Management umzusetzen. Bei einer Online-Konferenz begleiteten den Rathauschef der städtische Fachbereichsleiter Matthias Wieliki und Oliver Wolf, der bei der Stadt für die IT zuständig ist. Das Geld stammt aus dem umstrittenen Förderprogramm »Starke Heimat Hessen« (siehe Info). Es befindet sich in seiner zweiten Phase und fördert unter anderem smarte Projekte von Kommunen und Regionen.

Wie Digitalministerin Prof. Kristina Sinemus (CDU) schilderte, liegt das Land laut dem ersten Hessischen Digitalen Index in Sachen Digitalisierung im Bundesvergleich weit vorn. »Wir sind deswegen gut, weil wir gute Kommunen haben, die gute Ideen haben, wie sie Digitalisierung voranbringen können«, sagte sie. Konkret geht es um 936 540 Euro für Bad Nauheim.

Rathauschef Kreß bedankte sich. »Wir können das Geld gut gebrauchen. Es macht uns stolz, die richtigen Weichen gestellt zu haben.« 2018 habe die Verwaltung begonnen, der Stadt und ihren Gesellschaften eine digitale Strategie zu geben. »Die Pandemie hat gezeigt, dass Digitalisierung tatsächlich Chancen bietet, die wir gezielt nutzen müssen.« Wie »im Brennglas« zeigte sich laut Kreß, wie wichtig es ist, die Innenstädte am Leben zu erhalten. »Da kann Digitalisierung schon die eine oder andere Chance bieten. Als Kurort legen wir die Messlatte dabei etwas höher als vielleicht andere Kommunen, denn wir haben mehr zu verlieren«, stellte der Bürgermeister fest.

Bad Nauheim wolle die Digitalisierung gezielt nutzen und verschiedene Bereiche steuern. Kreß dankte seinem Team, welches die Strategie entwickelte, an der Spitze Fachbereichsleiter Wieliki und IT-Experte Wolf.

Parksituation in der Innenstadt messen

»Wir haben vier Handlungsfelder definiert«, beschrieb Wieliki das Vorhaben. Ein Feld sei Verkehr und Mobilität, ein zweites seien die Bereiche Umwelt und Klima, ein drittes Stadtbild und Sauberkeit und ein viertes Feld sei die Sicherheit. Für die Themenfelder nannte er Beispiele. Was den Straßenverkehr angeht, plane die Stadt etwa, Sensoren an den Haupteinfahrtsstraßen zu installieren. »Das kann uns Aufschluss geben, wie hoch der Parkdruck in der Innenstadt ist«, erläuterte er. Ziel sei, den Verkehr zu steuern, um ihn beispielsweise zu Großparkplätzen zu leiten. Was das Thema Umwelt und Klima betrifft, gehe es unter anderem auch um Mikroklima, sprich die Aufenthaltsqualität an der einen oder anderen Stelle. »Der Kurpark ist eine Oase, die an heißen Tagen stärker besucht ist - die Innenstadt ist es dann weniger.« Über eine Visualisierung auf der Homepage der Stadt könnten sich Geschäftstreibende und Bürger Infos holen, wann und wo sie sich aufhalten möchten. In der Pandemie wäre es laut Wieliki beispielsweise interessant gewesen, zu wissen, wie voll die Innenstadt ist. Im Handlungsfeld Stadtbild und Sauberkeit spielen zum einen »smarte Mülleimer« eine Rolle, aber auch die Datenerhebung: Welche Plätze werden wann besonders stark frequentiert, um gezielt die Stadtreinigung hinzuschicken.

Die Sicherheit ist laut Wieliki ein weiterer relevanter Bereich: Wenn die Sensoren eine stärkere Geräuschkulisse an Orten wie beispielsweise dem Holzdeck im Kurpark und dem Marktplatz ans Licht brächten. »Dann können wir unsere Hilfspolizei gezielter einzusetzen«, erklärte er. Im Zweifel sei die Sicherheitskraft nie da, wo sie gerade sein müsste - »da kann man durch digitale Technik besser werden«. Alles sei datenschutzkonform, wie er und Kreß versicherten. Es gehe nicht darum, Gespräche aufzunehmen, sondern eine Dezibel-Zahl. Darum, Sensordaten auf einer Datenplattform zu sammeln, zu anonymisieren und auszuwerten. »Dashboards, wo sichtbar ist, wie der Park am Wochenende oder zu anderen Zeiten besucht war.« Diese Daten zu kombinieren, ermögliche der Stadt bessere Entscheidungen. Zum einen, um sofort zu reagieren, zum anderen, um die Geschehnisse auszuwerten und eine Basis für künftiges Handeln zu haben.

Kritik an »Heimatumlage«

2019 kündigte die schwarz-grüne Landesregierung das Förderprogramm »Starke Heimat Hessen« an. Ein Sturm der Entrüstung in den Städten und Gemeinden war die Folge. Hintergrund war, dass 2020 die erhöhte Gewerbesteuerumlage auslief und die Kommunen ab diesem Zeitpunkt weniger belastet worden wären. Stattdessen sollte das freiwerdende Geld in eine »Heimatumlage« verwandelt werden. Damit wollte das Land die Gelder nach eigenen Vorstellungen verteilen, zweckgebunden für Kinderbetreuung, Gesundheitsversorgung und Digitalisierung. Wie Digital-Ministerin Prof. Kristina Sinemus (CDU) auf Nachfrage dieser Zeitung erläuterte, hatte sich das Land mit der Kritik befasst. Sinemus bezog sich dabei auf den Bereich Digitalisierung: »Wir haben gesagt, wir gehen vom Gießkannenprinzip weg, hin zu einer effizienten Förderung, die es am Ende unseren Kommunen ermöglicht und ertüchtigt, hier schneller zu digitalisieren.« Laut Bürgermeister Klaus Kreß (parteilos) ist es »ein legitimer Ansatz von Kommunen, auf die finanzielle Situation hinzuweisen«. Im Kontext Pandemie und Ukraine-Flüchtlinge habe die Stadt immense Herausforderungen zu stemmen. »So gesehen fordern Kommunen eine auskömmliche, gute und bessere finanzielle Ausstattung. Andererseits erwarten wir auch von dem Land, dass es Schwerpunkte setzt. In dieser Abwägung halte ich ›Starke Heimat‹ für durchaus gelungen.«

Auch interessant

Kommentare