Am 23. September 1920, unmittelbar nach dem Disput zwischen Einstein und Lenard, versammeln sich rund 190 Tagungsteilnehmer zum Fototermin auf der Sprudelhof-Treppe. FOTOS: A: WENZEL/NICI MERZ/STADTARCHIV
+
Am 23. September 1920, unmittelbar nach dem Disput zwischen Einstein und Lenard, versammeln sich rund 190 Tagungsteilnehmer zum Fototermin auf der Sprudelhof-Treppe. FOTOS: A: WENZEL/NICI MERZ/STADTARCHIV

Kurstadt im Ausnahmezustand

Bad Nauheim. Die Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte suchte im Jahr 1920 für ihre 86. Versammlung einen Ort, der zwei Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs die Versorgung der Teilnehmer gewährleisten und genügend Quartiere zur Verfügung stellen konnte. In Deutschland herrschten Arbeitslosigkeit, Lebensmittelknappheit, Hunger und Wohnungsnot. Die Wahl fiel auf Bad Nauheim, und die Kurstadt nahm die Herausforderung an. Dies war in den schwierigen Nachkriegsjahren kein leichtes Unterfangen, auch nicht mit ursprünglich geschätzten 600 Besuchern. Der Ansturm überstieg aber alles bisher Dagewesene. Es herrschte Ausnahmezustand.

Die Ausrichtung des Kongresses wurde zur nationalen Ehrensache erklärt unter dem Motto: "In wenigen Tagen stehen 2000 Vertreter der Wissenschaft vor unserer Tür und erwarten unsere Gastfreundschaft." Und die Herkulesaufgabe wurde tatsächlich erledigt: In einer Vorbereitungszeit von nur sechs Monaten schaffte es die Bad Nauheimer Bevölkerung mit vereinten Kräften, etwa 2600 Tagungsteilnehmer zu beherbergen.

Heilbad-Ruf in alle Welt getragen

Vermutlich sorgte das Kriegsende für die riesige Zahl: Die Wissenschaftler wollten endlich wieder neue Erkenntnisse austauschen, was nur im Rahmen einer derartigen Versammlung möglich war. Für Bad Nauheim bot das Treffen die einzigartige Chance, den Ruf des Heilbads wieder in alle Welt zu tragen.

Bad Nauheim stellte alle Räumlichkeiten zur Verfügung, die sich für große und kleine Veranstaltungen eigneten. Alle Hotels und Pensionen sowie Privatquartiere waren auf dieses Ereignis vorbereitet, brachten die Gäste kostenfrei unter. Viele Einwohner trugen zum Gelingen der Tagung bei. Sogar Schüler waren eingebunden. Sie begleiteten die Gäste in die Quartiere oder zu Versammlungsorten. Die Schüler waren begeistert, denn sie waren vom Unterricht befreit, weil auch in den Schulräumen Vorträge der Tagungsteilnehmer zu hören waren.

Für die gut 300 Vorträge der medizinischen und wissenschaftlichen Hauptgruppen fungierten hiesige Ärzte, Wissenschaftler und Lehrer als Schriftführer, etwa Sanitätsrat Dr. Hess, Apotheker Hennemann oder Lehrer Dr. Anton Plank. Der Beirat aus Ärztevereinigung und Naturwissenschaftlern übernahm unter anderem die Redaktion der fünf Tageblätter, die alle Teilnehmer, Vortragsthemen, Referenten und Versammlungsorte sowie das bunte Begleitprogramm der Tagung auflisteten.

Auch die mediale Begleitung war sichergestellt. Die Bad Nauheimer Zeitung und der "Frankfurter Generalanzeiger" berichteten aktuell über den Kongress, ebenso wie überregionale Zeitungen und die Fachpresse. So waren in diesen Tagen Bad Nauheim, die hiesige Zusammenkunft bedeutender Naturforscher und Ärzte sowie die Heilmittel der Kurstadt herausragende Themen in deutschen und ausländischen Zeitungen.

Disput über die Relativitätstheorie

Unter allen Veranstaltungen der Tagung hat die Diskussion über die allgemeine Relativitätstheorie und das Streitgespräch zwischen den Professoren Albert Einstein und Philipp Lenard wohl weltweit die größte Beachtung erfahren. Einstein selbst hatte angeregt, dieses Thema in Bad Nauheim zur Diskussion zu stellen und ihm so Gelegenheit zur Verteidigung seiner Thesen zu bieten. Zu diesem spektakulären Ereignis kam es - unter der Sitzungsleitung von Max Planck - im ehemaligen Badehaus 8, das auf dem Gelände des heutigen Parkdecks Sprudelhof stand. Es sollte das einzige Zusammentreffen von Einstein und Lenard bleiben. Die Auseinandersetzung dauerte Jahre, wobei es auch ein Streit zwischen dem Juden Einstein und dem Antisemiten und späteren überzeugten Nationalsozialisten Lenard war. Dieser Aspekt spielte bei dem Disput in Bad Nauheim - auch dank der Moderation Plancks - keine große Rolle.

Die GDNÄ und hochrangige Tagungsteilnehmer waren voll des Lobes für diese gelungene Tagung. Hier ein Auszug: "Das glänzende Gelingen der Tagung war zum Großteil ein Verdienst der hiesigen Geschäftsführung, die ja auch die volle Wucht der Arbeit zu tragen hatte. Es war ein hochherziger Entschluss der Nauheimer Herren, die Verantwortung von dieser Tragweite zu übernehmen. Mit der Durchführung hat Bad Nauheim den unschätzbaren Dienst geleistet, den Vertretern so vieler Fachrichtungen nach fünf Jahren die erste Möglichkeit zum Austausch zu geben." Die Organisation der Tagung war eine Meisterleistung. Ohne das Zusammenwirken aller Bevölkerungsschichten wäre ein Gelingen nicht möglich gewesen.

Brigitte Faatz/Brigitta Gebauer

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare