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Krankenstand unverändert hoch

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Fehltage wegen psychischer Erkrankungen liegen seit Jahren auf hohem Niveau, auch wenn sie 2015 rückläufig gewesen sind. Rückenleiden und andere Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems sorgen in der Wetterau für die meisten Fehltage.
Fehltage wegen psychischer Erkrankungen liegen seit Jahren auf hohem Niveau, auch wenn sie 2015 rückläufig gewesen sind. Rückenleiden und andere Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems sorgen in der Wetterau für die meisten Fehltage. © DPA Deutsche Presseagentur

Wetteraukreis (bk). Ist es ungesund, in der Wetterau zu leben? Eine provokante Frage, die sich aus dem Gesundheitsreport 2015 der DAK Friedberg ergibt.Im Vergleich aller 22 hessischen Landkreise und Großstädte wies die Wetterau im vergangenen Jahr nämlich den sechsthöchsten Krankenstand auf.

Mit Abstand die meisten Fehltage am Arbeitsplatz werden durch Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems verursacht (23,9 Prozent). Vorgestellt hat den Report Thorsten Scheld aus dem Friedberger Büro der Krankenkasse, die im Kreisgebiet 42 000 Versicherte hat. Aus ärztlicher Sicht nahm Andreas Schneider Stellung, er ist Leitender Oberarzt für Psychiatrie und Psychotherapie der Burghof-Klinik Bad Nauheim. Mit 4,6 Prozent hat sich der Krankenstand in der Wetterau im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2014 nicht verändert. In absoluten Zahlen ausgedrückt: An jedem Arbeitstag waren von 1000 Arbeitnehmern 46 krankgeschrieben. Fast 45 Prozent aller Fehltage entfallen übrigens auf Langzeiterkrankungen, die nur 3,6 Prozent aller Krankmeldungen ausmachen. Höhere Zahlen weisen im Bundesland nur drei nordhessische Landkreise sowie in Mittelhessen der Landkreis Gießen und der Lahn-Dill-Kreis auf. Der hessische Durchschnitt liegt bei 4,2 Prozent.

Rückenleiden haben ihren Ruf als Volkskrankheit unterstrichen: Sie tauchen in der Statistik unter dem Punkt Muskel-Skelett-System auf. Auf diese Art von Erkrankungen entfallen fast ein Viertel aller Fehltage. Auf Platz zwei folgen Atemwegserkrankungen wie Erkältungen und Bronchitis. »2015 gab es in der Wetterau eine Grippewelle, deshalb hat die Zahl dieser Fälle im Vergleich zum Vorjahr deutlich zugenommen«, sagt Thorsten Scheld.

Seit Jahren auf hohem Niveau liegen Fehltage wegen psychischer Erkrankungen. 2015 waren sie rückläufig, nahmen mit einem Anteil von 15,3 Prozent in der Statistik aber immer noch Rang drei ein.

Psychiater Andreas Schneider gewinnt den hohen Fallzahlen in seinem Fachgebiet etwas Positives ab. Begründung: »Endlich sind psychische Erkrankungen enttabuisiert. Früher wollte man nicht als ›bekloppt» gelten, ging deshalb nicht zum Arzt. Das hat sich völlig gewandelt, auch durch die Berichterstattung über prominente Fälle wie den Fußballer Robert Enke.

« Nach Ansicht des Leitenden Oberarztes der Burghof-Klinik sind heute nicht mehr Leute psychisch krank als vor Jahrzehnten, die Symptome würden aber schneller und häufiger richtig zugeordnet. »Früher hat es bis zu vier Jahre gedauert, ehe ein psychisch Kranker endlich beim Facharzt oder in der Klinik behandelt worden ist. Heute sind es nur elf Monate«, erläutert Schneider. Anteil an dieser Entwicklung habe eine deutlich bessere Ausbildung der Hausärzte. Den Modebegriff Burn-out, unter dem ein allgemeiner Erschöpfungszustand verstanden wird, rechnet er aus medizinischer Sicht übrigens nicht zu den psychiatrischen Diagnosen. Diese Patienten landeten meist beim Hausarzt.

Besonders intensiv hat sich die DAK mit dem schon immer bestehenden Phänomen befasst, dass Frauen deutlich mehr Fehltage aufweisen als Männer. Im Wetteraukreis lag der Unterschied 2015 bei acht Prozent, obwohl Männer mehr rauchen, mehr Alkohol und andere Drogen konsumieren sowie häufiger Stress am Arbeitsplatz ausgesetzt sind. Neben dem Sonderfall der Schwangerschaftsprobleme werden andere Ursachen ausgemacht. So erkranken Frauen häufig in der Erwerbsphase an Brustkrebs, während das weitverbreitete Prostatakarzinom bei Männern oft erst im Rentenalter auftritt.

Das drückt sich in den Zahlen für die Wetterau deutlich aus: Frauen melden sich mehr als doppelt so oft wegen Tumorneubildungen krank als Männer. Ähnlich ist der Trend bei den psychischen Erkrankungen: Frauen weisen 61 Prozent mehr Fehltage auf als Männer. Obwohl Frauen mehr rauchen als früher, sind Männer von Herz-Kreislauf-Erkrankungen dagegen immer noch deutlich häufiger betroffen (78 Prozent). Nach Ansicht von Schneider gehen Frauen deutlich sensibler mit ihrem Körper um, entdecken Krankheitssymptome früher, sind eher bereit, darüber zu reden, und gehen deshalb öfter zum Arzt. Das gelte auch für das Fachgebiet der psychischen Erkrankungen. Frauen litten oft unter einer Mehrfachbelastung aus Beruf, Kind und Pflege von Angehörigen. »Von ihren Männer fühlen sie sich nicht selten alleinegelassen«, weiß der Oberarzt aus vielen Gesprächen in der Burghof-Klinik. Geschlechterübergreifend seien Angstzustände die psychische Erkrankung Nummer eins. Die zunehmende Belastung im Beruf spiele ein wichtige Rolle. »Es gibt Patienten, die haben schon Angst, wenn sie nur in die Nähe ihres Arbeitsplatzes kommen.«

Positives hat DAK-Mann Scheld bezüglich der Versorgung der Wetterauer Bürger mit Ärzten zu berichten. Es gebe dazu zwar noch keine Zahlen, doch die seit Januar bestehenden Terminservicestellen für Fachärzte zeigten die gewünschte Wirkung. Bekanntlich sollen diese Stellen jedem Versicherten innerhalb von vier Wochen einen Termin vermitteln. »Früher hatten wir oft Beschwerden über monatelange Wartezeiten, haben Termine teilweise selbst vermittelt. Heute meldet sich kaum noch jemand«, sagt Scheld. Der in Medien häufig beklagte Mangel an Hausärzten sei im Kreisgebiet kein Thema. »Wenn Sie die Kaiserstraße in Friedberg runtergehen, gibt es eine Praxis nach der anderen. Auch im Ostkreis ist die Versorgung ausreichend.«

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