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Konfrontation ohne Eskalation: »Querdenker«-Demo und Gegendemo in Bad Nauheim

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Von: Michael Humboldt

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Das Bündnis »Demokratie schützen Bad Nauheim« wartet auf dem Bahnhofsvorplatz auf die sogenannten »Querdenker«, ehe es zu einer Begegnung kommt, die letztlich friedlich verläuft. © pv

An Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, sind am Mittwoch »Querdenker« durch die Kurstadt gezogen. Das Bündnis »Demokratie schützen Bad Nauheim« hat sich ihnen entgegengestellt.

Auf dem Bahnhofsvorplatz versammelten sich schon am frühen Mittwochabend viele bekannte Gesichter der Stadt, um mit dem Bündnis »Demokratie schützen Bad Nauheim« Stellung zu beziehen gegen die Demonstration der sogenannten »Querdenker«. Man sah die Pfarrerin in der Menge, Politiker aller Parteien und Sven Diederichs, der der Initiator dieser Veranstaltung war. Gleichzeitig starteten die Protestler am Usa-Wellenbad und hielten sich bei ihrem Spaziergang an das Urteil, welches das Verwaltungsgericht in Gießen gefällt hatte.

Denn an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, sollte die Demo 300 Meter von der Synagoge und 500 Meter vom Jüdischen Friedhof ohne Trommeln, Trillerpfeifen oder Lautsprecheranlagen über die Bühne gehen.

Ab 18 Uhr fanden sich zur gleichen Zeit die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in der Synagoge in der Karlstraße zum Gottesdienst zusammen. Letztlich wurde diese Zeremonie von den Demonstranten nicht gestört. »Versammlungsfreiheit und Gedankenfreiheit sind ein sehr hohes Gut unserer Demokratie. Trotzdem sollten Proteste dazu nur dann genehmigt werden, wenn andere hohe Güter wie Religionsfreiheit und deren Ausübung dadurch nicht zu Schaden kommen. Dem war so, als die angemeldete Querdenker-Demonstration an Jom Kippur, unserem höchsten Feiertag im Jahr, stattfinden sollte«, erklärte Manfred de Vries, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde.

Geschätzt 190 Teilnehmer

Doch de Vries beschwichtigt: »Es wäre respektlos von den Demonstranten, mit Trillerpfeifen und Schreien die Ruhe an diesem Feiertag zu stören. Die Politiker der Wetterau haben mit juristischen Maßnahmen dafür gesorgt, den Weg der Demonstration so umzuleiten, dass wir in der Karlstraße am Mittwoch nicht gestört wurden. Deshalb möchte ich mich bei allen Mitwirkenden für unsere Ruhe in der Synagoge bedanken.«

Als die Demonstranten am Bahnhofsvorplatz eintrafen und es zur Begegnung der beiden Gruppen kam, blieb letztlich alles ruhig. Nur die Parolen über die Lautsprecher waren zu hören. Zu sehen waren diesmal auch National-Fahnen, und ein Polizeisprecher bestätigte, dass die Gruppe größer gewesen sei als beim letzten Mal. Er schätzte die Teilnehmerzahl auf 190. »Mir fiel auf, dass alles viel organisierter wirkte. Die Plakate sahen von der Form her alle gleich aus«, meinte Sinan Sert, Vorsitzender des Ausländerbeirats. Dennoch war auch er von der Initiative der Stadt-Oberen angetan. »Die Stadt hat ihr Ziel erreicht und die Demonstranten von der Esso-Tankstelle rechts Richtung Frankfurter Straße umgeleitet. Somit haben sie die jüdischen Einrichtungen weit umgangen«, betonte er.

Schild an Arztpraxis beschädigt

An der Arztpraxis »Die Neurologen« in der Frankfurter Straße 23, die auf der »Querdenker«-Route lag, ging die Demo offenbar nicht spurlos vorüber, wie Prof. Dr. Tibo Gerriets mitteilt: Das Praxisschild wurde zerkratzt, Gerriets hat Strafantrag gestellt und sagt: »Wir impfen natürlich weiter.«

»Ich bedaure trotz des friedlichen Verlaufs, dass die Organisatoren dieser Demonstration den Termin am höchsten jüdischen Feiertag gewählt haben«, sagt Sinan Sert. Er habe sich mehr Rücksicht gewünscht. »An Heiligabend finden ja auch keine Demos statt.«

Manfred de Vries von der Jüdischen Gemeinde dankte Bürgermeister Klaus Kreß und dem Ersten Stadtrat Peter Krank für ihr Engagement. »Aber warum haben sich die Protestler nicht vorher respektvoll gezeigt? Die Organisation hätte diese Demo doch auch auf den 6. Oktober verschieben können«, rätselt er. Sein Dank gelte auch dem FDP-Landtagsabgeordneten Jörg-Uwe Hahn, »der schon so oft für unsere jüdische Gemeinde Partei ergriff und auch jetzt die Initiative zeigte, indem er einen Dringlichkeitsantrag gegen diese Demonstration mit CDU, SPD, Grünen und Freien Wählern an den Wetterauer Kreistag verschickte« (siehe Bericht auf dieser Seite). Das sei ein gutes Beispiel einer wehrhaften und doch respektvollen Demokratie gewesen, die Versammlungsfreiheit, Gedankenfreiheit sowie Religionsfreiheit gleichermaßen hochhalte, lobte de Vries. »Ich sehe es als meine Aufgabe an, das Judentum wieder in das Zentrum unserer multikulturellen Gesellschaft zu etablieren. Der Rückhalt so vieler an diesem Tag für unsere Gemeinde lässt mich für die Zukunft hoffen - jedenfalls in der Wetterau.«

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