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Fit für den Frühling: Auch Petra Rapp hat jede Menge zu tun, um den Rosengarten zwischen Trinkkuranlage und Dankeskirche zu pflegen.

Milder Winter

Klimawandel: Baumarten im Kurpark fallen weg

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Der Winter, der keiner ist, passt den Gärtnern der Stadt Bad Nauheim nicht ins Konzept. Das Ausbleiben von Frost erschwert das Arbeiten in den Parks, der Klimawandel zwingt zum Umdenken.

Der 24. April 2019 wird den Mitarbeitern des Bad Nauheimer Kur- und Servicebetriebs (KuS) in Erinnerung bleiben. "Selbst langjährige Beschäftigte haben noch nie solch einen Sturm erlebt, das glich einem Tornado", sagt Frank Ludwig, Fachdienstleiter Park- und Grünpflege. Noch heute haben Ludwig und seine Kollegen mit den Folgen der Windhose zu tun, die im Kurpark etliche Bäume abknickte. Darunter eine alte Eiche, die auf Bäume des Kastanienrondells stürzte. Drei mussten gefällt werden und werden jetzt durch neue Kastanien ersetzt, die zehn Meter hoch sind und vier Tonnen wiegen. Diese Arbeiten sind Teil des Programms, um die Grünanlagen fit für den Frühling zu machen.

Mit solchen Stürmen - jüngstes Beispiel ist "Sabine", die allerdings kaum Schäden angerichtet hat - rechnen Ludwig und Fachbereichsleiter Steffen Schneider künftig häufiger. Sie machen Tag für Tag ihre Erfahrungen mit Veränderungen, die der Klimawandel mit sich bringt. Am meisten Sorgen müssen sie sich um den städtischen Baumbestand machen, der 11 000 Exemplare umfasst. Ludwig spricht von Baumarten, die "ausfallen", weil sie sich Krankheiten und Schädlingen nicht mehr erfolgreich erwehren können. "Das betrifft zum Beispiel Spitz- und Bergahorn, aber auch Fichten und Birken, die wir vor der Landesgartenschau im Goldsteinpark gesetzt haben. Solche Verluste tun einem schon weh", betont der Fachdienstleiter. Für Bäume dieser Sorten müssten Alternativen gefunden werden, möglichst mit demselben Erscheinungsbild.

Klimawandel Bad Nauheim: Extreme Trockenheit sorgt für Unsicherheit

Somit müssen die Gärtner beim Ersatz von einer jahrzehntelang praktizierten Verfahrensweise abweichen, die Ludwig so beschreibt: "Selbe Baumart, selbe Stelle." Darauf habe der Denkmalschutz immer großen Wert gelegt, auch diese Behörde denke jetzt aber um. Den abgängigen Ahornbäumen setzt die Rußrindenkrankheit zu, andere Pilzarten oder Schädlinge wie Miniermotte, Borkenkäfer oder Eichenprozessionsspinner machen anderen Bäumen zu schaffen oder sind ein Gesundheitsrisiko für Parkbesucher.

Laut Ludwig ist die Arbeit des KuS angesichts der Wetterveränderung, die 2018 und 2019 ihren Ausdruck in extremer Trockenheit fand, durch Unsicherheit geprägt. "Wir haben noch nie so viel gewässert wie jetzt, hatten aber trotzdem noch nie so viele Ausfälle bei den Bäumen wie zurzeit", sagt Fachbereichsleiter Schneider.

Klimawandel Bad Nauheim: Frost fehlt, Parkwiesen zu weich

2020 könnten neue Krankheiten oder Schädlinge auftreten, neue Baumarten befallen werden. Das erschwere eine langfristige Planung. Der KuS hält sich ständig über Studien zu diesem Thema auf dem Laufenden, beobachtet Projekte wie "Stadtgrün 2021". Nach Angaben von Ludwig laufen in den Bad Nauheimer Grünanlagen Versuche mit Arten wie Schnurbaum, Silberlinde, Ginkgo oder Blumen-Esche. Mit Blick auf den Bestand seien Eichen, Linden und Kastanien recht widerstandsfähig. Viele Buchen seien aufgrund der Trockenheit dagegen ebenfalls sehr gestresst.

Bis Ende Februar dürfen Bäume gefällt oder massiv beschnitten werden. Dann beginnt die Brutzeit. "Der Frost fehlt uns, dadurch können mache Arbeiten nicht erledigt werden", erklärt der Fachdienstleiter. Die Parkwiesen seien nicht gefroren, sondern weich. Mit schwerem Gerät wie Hubsteigern könne deshalb nicht zu den Bäumen gefahren werden, die nicht in der Nähe von Wegen liegen. Der Klimawandel kostet die Stadt auch Geld. Vom Sturm gefällte Bäume müssen ersetzt werden, wobei etwa eine der drei neuen Kastanien am Rondell rund 2400 Euro kostet. Zudem muss der Kur- und Servicebetrieb mehr Aufträge an Privatfirmen vergeben.

Klimawandel Bad Nauheim: Durchgefault: Holzpergola wird ersetzt

Das Problem der ausreichenden Bewässerung stellt sich auch bei den Beeten in den Grünanlagen. Die Blumen sind dagegen resistenter gegen Witterungseinflüsse als die Bäume. Das zeigt sich im Rosengarten vor der Trinkkuranlage, wo sich seit einigen Tagen etliche KuS-Mitarbeiter um die Beete kümmern. "Die Rosen halten eigentlich ewig", weiß Teamleiter Siegfried Labitzke.

Bei der Pflege geht es also weniger um Ersatz, sondern um den richtigen Schnitt, der zweimal im Jahr erfolgt. Auch an der Trinkkuranlage wird der KuS allerdings eine große Veränderung vornehmen müssen. Schneider zufolge ist die Holzpergola durchgefault und wird ersetzt.

Klimawandel Bad Nauheim: Neues Pflegewerk

Für Bad Nauheim liegt ein neues Parkpflegewerk vor, das zurzeit in den politischen Gremien beraten wird. Seit 2017 wurde an dem fast 40 000 Euro teuren Gutachten gearbeitet. "Das bisherige Pflegewerk ist 30 Jahre alt und überholt. So sind die deutlichen Veränderungen durch die Landesgartenschau in der alten Version nicht enthalten", sagt Fachbereichsleiter Steffen Schneider.

Ziele des neuen Pflegewerks seien eine deutlichere Annäherung des Kurparks an das von Heinrich Siesmayer entworfene Original, mehr Artenvielfalt durch extensive Bewirtschaftung von Teilflächen (weniger mähen und mulchen) sowie Freistellen von Blickachsen, Auslichten von zu dichten Beständen und Neuanpflanzung von Blütengehölzen.

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