Bei der Grünpflege muss die Stadt immer mehr Aufträge an Firmen vergeben. Angesichts der Folgen des Klimawandels kommen die 30 kommunalen Gärtner mit der Arbeit nicht mehr nach. FOTO: NICI MERZ
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Bei der Grünpflege muss die Stadt immer mehr Aufträge an Firmen vergeben. Angesichts der Folgen des Klimawandels kommen die 30 kommunalen Gärtner mit der Arbeit nicht mehr nach. FOTO: NICI MERZ

Bäume sterben

Klimawandel: Grünpflege wird in Bad Nauheim immer teurer

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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Der Klimawandel ist längst in Bad Nauheim angekommen und macht sich auch in der Stadtkasse negativ bemerkbar. Spürbar wird das nicht zuletzt auf dem Gebiet der Grünpflege.

War die Entwicklung wirklich unvorhersehbar? Diese Frage stellte CDU-Mann Sebastian Schmitt in der Haupt- und Finanzausschuss-Sitzung am Dienstagabend. Nur dann darf die Verwaltung nämlich Geld für überplanmäßige Ausgaben beantragen. Nach Ansicht von Schmitt, der sich Benjamin Pizarro (FDP) anschloss, kann davon in Sachen Grünpflege nicht die Rede sein. In den vergangenen Jahren hätten extreme Hitze und Trockenheit zu denselben Problemen geführt, die 2020 aufträten. "Bei geplanten Ausgaben von 1,4 Millionen Euro sind 260 000 Euro ein großer Batzen. Das sind fast 20 Prozent mehr. Wir wünschen uns eine realistischere Haushaltsplanung", sagte der Fraktionschef der Liberalen.

Der Aussage, die Mehrausgaben seien vorhersehbar gewesen, widersprach Bürgermeister Klaus Kreß. Zentrales Argument: Durch die Corona-Krise hätten im städtischen Kur- und Servicebetrieb Trupps gebildet werden müssen, die abwechselnd arbeiten. Tritt eine Covid-19-Infektion auf, muss nicht die gesamte Belegschaft in Quarantäne geschickt werden. Deshalb müsse die Stadt vermehrt Aufträge an Firmen vergeben. Kreß: "Das war nicht zu prognostizieren."

Krankheit "killt" 100 Ahornbäume

Für den Klimawandel galt das nicht. Aufgrund der trocken-heißen Witterung machten sich im Stadtgebiet zunehmend Schädlinge wie Pilze, Bakterien oder der Eichenprozessionsspinner breit. Krassestes Beispiel sei die Rußrinden-Krankheit, der im Goldsteinpark 100 Ahornbäume zum Opfer gefallen seien. Es falle immer mehr Arbeit an, die von den 30 städtischen Gärtnern nicht zu bewältigen sei. Das gelte vor allem für die Pflege der 10 000 Bäume, an denen immer mehr Totholz entstehe. Die Mehrausgaben, bei denen die Parks noch nicht einmal berücksichtigt wurden, seien nötig, damit die Stadt ihrer Verkehrssicherungspflicht nachkommen könne.

Ein recht düsteres Bild malte Frank Ludwig. Chef der Gärtner. Er verwies auf den besonders schweren Befall durch den Eichenprozessionsspinner (EPS), der auch dem Menschen gefährlich werden kann. Die Zahl dieser Schädlinge steige kontinuierlich an. Um die EPS-Nester zu beseitigen, sei der Einsatz von Spezialfirmen zwingend erforderlich.

Suche nach resistenten Arten

Auch ansonsten verschlechtere sich die Lage. "Normalerweise fallen pro Jahr etwa 100 Bäume aus, was einem Prozent entspricht. 2020 sind es bereits drei Prozent", erklärte Ludwig. Nach mehreren trockenen Jahren hintereinander sei die Vitalität der Bäume geschwächt, sie verfügten nicht mehr über genügend Widerstandskraft. Nach Angaben des Fachdienstleiters beobachtet der Kur- und Servicebetrieb alle aktuellen Forschungsprojekte und verwende für Nachpflanzungen Baumarten, die eher resistent gegen die Folgen des Klimawandels seien.

Die Veränderung des Klimas wird zwar seit geraumer Zeit beobachtet, trotzdem konnte die Entwicklung der vergangenen Jahre nach Auffassung von Dr. Martin Düvel (Die Grünen) nicht vorhergesagt werden. "Es ist unfassbar, wie schnell die Bäume in unseren Wäldern kaputtgehen." Davon seien selbst die Revierförster überrascht, die ein solch rasches Absterben vor zwei Jahren noch nicht prognostiziert hätten. Wer etwa von der B 3 in Richtung Winterstein schaue, sehe einen erschreckenden Kahlschlag.

Die Anfälligkeit der Bäume habe sich schlagartig erhöht, das betreffe längst nicht mehr nur die Fichten. Die finanzielle Ausstattung des Kur- und Servicebetriebs für die Baumpflege müsse 2021 deutlich erhöht weden. "Der Klimawandel wird uns richtig viel Geld kosten, schließlich wollen wir den Kurpark nicht wegen Lebensgefahr schließen", sagte der Grünen-Politiker.

Ausschuss-Vorsitzender Markus Philippi erinnerte an Zeiten, in den das Parlament 1,85 Millionen Euro für die Grünpflege bewilligt habe. "Wir selbst haben den Ansatz reduziert und wundern uns jetzt über die Folgen." Die überplanmäßigen Ausgaben in Höhe von 260 000 Euro wurden vom Ausschuss letztlich einstimmig (bei zwei Enthaltungen) gebilligt.

"100 Bäume für den Goldsteinpark"

In Bad Nauheim gibt es mehr als 10 000 Bäume. Angesichts des Klimawandels müssen derzeit pro Jahr zwischen 200 und 300 gefällt und ersetzt werden. Rund 150 Bürger der Kurstadt haben nach Angaben aus dem Rathaus eine Baumpatenschaft übernommen. Solche Paten werden immer gesucht, nicht nur Privatleute können sich melden, auch Unternehmen oder Organisationen sind aufgefordert, die Bemühungen der Stadt um den Erhalt der Bäume zu unterstützen.

Durch die Rußrinden-Krankheit waren die Ahornbäume im Goldsteinpark besonders betroffen. Aber auch Arten wie Kiefer, Buche, Eiche und Fichte machen Hitze und Trockenheit zunehmend zu schaffen. Im Herbst startet die Stadt die Aktion "100 Bäume für den Goldsteinpark", auch dafür werden Paten gesucht. Kontakt: Telefon 0 60 32/ 343-630, E-Mail baumpatenschaft@bad-nauheim.de.

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