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Zwischen 80 und 100 Teilnehmer folgen der Einladung zur Kundgebung gegenüber des Aliceplatzes.

Kundgebung in der Innenstadt

Demonstranten klagen Alltagsrassismus in Bad Nauheim an

  • VonPetra Ihm-Fahle
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Ausländerfeindlichkeit und Diskriminierung sind allgegenwärtig, weshalb am Sonntag in der Wetterau eine Kundgebung stattfand - mit deutlichen Worten gegen Rassismus.

Bad Nauheim – Es war am 24. oder 26. Mai 1982, die Quellen nennen unterschiedliche Daten. In den frühen Morgenstunden übergoss sich die junge Dichterin Semra Ertan in Hamburg mit Benzin und zündete sich an. Sie starb am 26. Mai, ihrem 25. Geburtstag. Als Beweggrund für ihren öffentlich begangenen Selbstmord, den sie mit Anrufen bei NDR und ZDF ankündigte, nannte Ertan die zunehmende Ausländerfeindlichkeit. Ihre Geschichte setzte am Sonntag den Schlusspunkt der Kundgebung für Solidarität gegen systemischen Alltagsrassismus in Bad Nauheim auf dem Kiesstreifen gegenüber des Aliceplatzes.

Wortbeiträge, zum Teil von Betroffenen, gingen voran. Als Veranstalter fungierten der Ausländerbeirat, das TAF-Theater und der Förderverein Jugendkultur und Jugendarbeit (JUKA). Bereits im vergangenen Jahr hatten Akteure des Stadtgeschehens eine Kundgebung auf die Beine gestellt. Anlass damals war der gewaltsame Tod von George Floyd in den USA gewesen, aber auch der tägliche latente Rassismus.

Demonstranten: Auch in Bad Nauheim gibt es Rassismus

Wie die stellvertretende Ausländerbeiratsvorsitzende Lara Tomasoni am Sonntag den 80 bis 100 Teilnehmern erklärte, lägen die Ursachen für Rassismus in Strukturen der Gesellschaft. »Auch in Bad Nauheim können wir Beispiele nennen.« Vor Jahren etwa hätten einige Kindergärten eine Quotenregelung gehabt. »Es wurden ab einer bestimmten Anzahl keine Kinder mehr aufgenommen, die zum Beispiel eine andere Religion hatten.« Der Ausländerbeirat wurde aktiv, heute gibt es diese Regel laut Tomasoni nicht mehr.

Stadtrat Ali Bulut (SPD) sagte: »Viele von uns haben in ihrem Leben bereits Diskriminierung erleben müssen. Sei es aufgrund des Aussehens, der Sprache, des Geschlechts, der Religion - die Liste ist lang.« Umso wichtiger findet es Bulut, Erfahrungen zu teilen und Diskriminierung nicht zu tolerieren.

Gedichte aus „Mein Name ist Ausländer“ in Bad Nauheim vorgelesen

Veronika Ewzenko (AG JUKA Goals) lud dazu ein, Kritik zu alltagsrassistischem Verhalten anzunehmen. »Auch wenn es euch stört, aber wenn ihr hingewiesen werdet, dass ihr etwas falsch gemacht habt: Nehmt es an.« Wie die Bad Nauheimerin Gabriela Horcher erklärte, müssen sich schwarze Menschen immer wieder wehren und für ihre Rechte kämpfen. »Wir sind immer noch keine Einheimischen, sondern stehen immer wieder außen vor.« Sie sei in Deutschland geboren, ihre Muttersprache sei Deutsch. »Wir werden die Hoffnung nicht aufgeben, mehr Akzeptanz in den nächsten Jahren zu erhalten. Darum müssen wir immer wieder darüber reden.« Ausländerbeirätin Rita Orfali trug ein Poem aus eigener Feder vor. In ihrem Gedicht »Diskriminierung« heißt es unter anderem: »Wir müssen uns verstehen und lieben, auch wenn es Unterschiede gibt, denn unsere Mutter Erde ist es, die uns alle nährt.«

Viola Tscheuschner (TAF) rezitierte aus einem Essay von Simone Dede Ayivi. Darin heißt es unter anderem: »Alltagsrassismus begegnet man am besten mit Alltagssolidarität.« Gemeinsam mit dem Ausländerbeiratsvorsitzenden Sinan Sert trug Tscheuschner zwei Gedichte der so tragisch verstorbenen Semra Ertan vor. Sert las auf Türkisch, Tscheuschner auf Deutsch. Die Texte erschienen in dem Buch »Mein Name ist Ausländer«, einer der Poeme entstand kurz vor Semra Ertans Tod. Ihr Schmerz, den sie darin ausdrückte, rührte laut Tscheuschner von dem Gefühl, einfach nicht dazuzugehören.

Kritik bei Protest in Bad Nauheim: „Einiges ist aber auch schlimmer geworden.“

Sert erinnerte an die Zeit von Ertans Selbstmord vor fast 40 Jahren. Einiges, vielleicht sogar vieles, habe sich seither verbessert. »Einiges ist aber auch schlimmer geworden. In systemisch bedingten Bereichen liegt immer noch viel im Argen«, sagte er. Sert blickte auf die frühen 80er Jahre zurück, als er 14 gewesen war. Die türkische Gemeinschaft der damaligen BRD habe den Suizid und die Gründe dafür sehr bewusst wahrgenommen. In der breiten Öffentlichkeit und den deutschen Medien sei die Tragödie untergegangen, auch das habe einen systemischen Grund gehabt. Als Stichwort für die damalige politische Stimmung nannte Sert den Begriff »Rückkehrprämie«. Das sei ein großer Frustrationsfaktor für die ausländische Gemeinschaft gewesen.

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