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Kita »Maria Himmelfahrt«: Aus katholisch wird städtisch

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Von: Bernd Klühs

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Die Trägerschaft für die Kita »Maria Himmelfahrt« in Nieder-Mörlen wird zum 1. Januar von der katholischen Pfarrgemeinde an die Stadt übergeben. Für die Nutzung des Gebäudes muss das Rathaus keine Miete bezahlen. © Nicole Merz

In Nieder-Mörlen geht eine lange Tradition verloren: Die Kita »Maria Himmelfahrt« wird nicht mehr den Zusatz »katholisch« tragen. Zum 1. Januar gibt die Pfarrgemeinde die Trägerschaft an die Stadt ab.

Angesichts des Bevölkerungswachstums benötigt die Stadt Bad Nauheim dringend jeden Kinderbetreuungsplatz. Auf die Anfrage der Pfarrgemeinde Nieder-Mörlen, ob die Stadt bereit sei, die Trägerschaft für die Kita Maria Himmelfahrt zu übernehmen, konnte es deshalb nur eine Antwort geben: Ja. Jetzt muss der Übergang formell vollzogen werden.

Der Haupt- und Finanzausschuss stimmte am Donnerstagabend einhellig für die vorzeitige Aufhebung des Tagesstättenbetriebsvertrags zwischen Stadt und Pfarrgemeinde zum Jahresende. Die Stadt wird in der Kita ab 1. Januar das Sagen haben, wobei die Räumlichkeiten an der katholischen Kirche mietfrei genutzt werden können. Das Personal wird übernommen. Wenn das Parlament am kommenden Donnerstag dem Votum des Ausschusses folgt, fehlt nur noch die Zustimmung des Bistums Mainz.

Erhalt der Plätze unabdingbar

Wie Erster Stadtrat Peter Krank in der Sitzung sagte, seien die Gespräche im zweiten Quartal 2021 aufgenommen worden. Eine Einigung kam schnell zustande. »Es ist unabdingbar, diese Betreuungsplätze für die Stadt zu sichern«, sagte der Sozialdezernent. Krank zeigte Verständnis für den Wunsch der Pfarrgemeinde. Der Verwaltungsbeirat haben die Arbeit der Kita jahrzehntelang ehrenamtlich organisiert. Das sei heutzutage kaum noch möglich. »Es bedarf einer professionellen Verwaltung«, betonte Krank.

Mehrkosten für die Stadt werden kaum anfallen. Wie der Dezernent gegenüber der WZ erklärte, trägt die Stadt bereits über 90 Prozent der Gesamtkosten. Um drei Ü 3-Gruppen und eine U 3-Gruppe mit insgesamt 82 Plätzen zu betreiben, stellt die Verwaltung pro Jahr fast 600 000 Euro bereit. Der Anteil des Bistums beträgt knapp 60 000 Euro. »Die Betriebskosten für Ü 3 hat die Stadt bereits komplett übernommen, bei U 3 waren es 85 Prozent. Fielen Investitionen an, hat das Rathaus 65 Prozent der Ausgaben bezahlt«, nannte Maria Helena Möbs, stellvertretende Vorsitzende des Verwaltungsbeirats der Pfarrgemeinde, im Gespräch mit der WZ Details.

Etwas mehr Geld für Erzieherinnen

Die zwölf Erzieherinnen der Kita werden nach Aussage von Bürgermeister Klaus Kreß nicht nur übernommen, sondern auch etwas mehr verdienen. Der Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes sehe ein höheres Gehalt vor, als der Arbeitgeber Kirche bislang überwiesen habe. Änderungen sind bei der pädagogischen Ausrichtung zu erwarten. Laut Krank orientieren sich zwar alle städtischen Kitas an christlichen Werten, in »Maria Himmelfahrt« könnten aber vermutlich nicht alle bisherigen Punkte abgebildet werden. Aus Sicht von Maria Möbs kein großes Problem: »Diese Kita ist eigentlich nicht katholisch geprägt, nur etwa ein Drittel der Kinder gehört diesem Glauben an. Die Eltern entscheiden sich vor allem aufgrund der Lage für diese Einrichtung.«

Die Gründe für die Beendigung der Trägerschaft nannte Tobias Blum von der Pressestelle des Bistums Mainz. Die Finanzen hätten keine Rolle gespielt, ausschlaggebend seien »betriebliche Schwierigkeiten«, die vom bisherigen Träger nicht alleine gelöst werden könnten. »Inbesondere ist die personelle Besetzung in Zeiten des Erziehermangels zu nennen«, erklärte Blum. Die Stadt sei ein viel größerer Träger, der flexibler reagieren könne.

»Der Markt für Erzieherinnen ist leer gefegt«, bestätigte Maria Möbs. Eine Pfarrgemeinde, die nur eine Tagesstätte betreibe, habe bereits große Probleme, wenn nur zwei Mitarbeiterinnen kurzfristig ausfielen. Das Rathaus könne in solchen Notfällen Personal für kurze Zeit umsetzen.

Vor gut 100 Jahren gegründet

Etliche Generationen von Bürgern aus Nieder-Mörlen sind im katholischen Kindergarten betreut worden. Vor rund 100 Jahren wurde diese pädagogische Einrichtung geschaffen - ungewöhnlich früh für einen kleinen Ort wie das damals selbstständige Nieder-Mörlen. 1911 war dort ein Verein gegründet worden, um ein Schwesternhaus aufzubauen. Das westlich der Kirche gelegene alte Pfarrhaus wurde erworben und durch einen Neubau ersetzt, der nach dem Ersten Weltkrieg fertig war. 1919 zogen dort die Schwestern von der göttlichen Vorsehung ein. Die Nonnen betrieben Krankenambulanz, Nähschule und Kindergarten. 1927 entstand im Hof eine überdachte Halle, damit die Kinder auch bei schlechtem Wetter draußen spielen konnten. Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt vertrieb die Schwestern und übernahm den Kindergarten 1940. Direkt nach dem Krieg kehrten die Nonnen zurück und zogen 1950 ins alte Schulhaus um. In den 60er Jahren wurde ein neues Schwesternhaus gebaut, das 1981 aufgrund von Nachwuchsmangel aufgegeben werden musste. Nur die Kita blieb erhalten.

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