Derzeit ist die Lage in Sachen Covid-19 für Prof. Hossein-Ardeschir Ghofrani und sein Team an der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik relativ entspannt. Die Hygienekonzepte werden eingehalten, die Covid-Betten sind leer. Die Klinik ist aber auf den Ernstfall vorbereitet.
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Derzeit ist die Lage in Sachen Covid-19 für Prof. Hossein-Ardeschir Ghofrani und sein Team an der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik relativ entspannt. Die Hygienekonzepte werden eingehalten, die Covid-Betten sind leer. Die Klinik ist aber auf den Ernstfall vorbereitet.

Pandemie

Kerckhoff-Klink Bad Nauheim: Ruhe vor dem vierten Corona-Sturm?

  • Christoph Agel
    VonChristoph Agel
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Die Inzidenzen steigen, der Herbst steht vor der Tür. Zeit für ein Gespräch mit Prof. Hossein-Ardeschir Ghofrani, den Ärztlichen Geschäftsführer der Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim, zur Corona-Lage.

Die Zahl der Covid-19-Patienten auf deutschen Intensivstationen hat die 1000er-Marke überschritten. Zum gleichen Zeitpunkt im vergangen Jahr war die Zahl vier- bis fünfmal niedriger. Wie bange ist Ihnen um den Herbst, Herr Prof. Ghofrani?

Man muss schauen, wie die Covid-Belegungszahl in Krankenhäusern im Vergleich zur Inzidenz ist - und nicht zum vergleichbaren Zeitpunkt. Wir haben hier kein saisonales, sondern ein pandemisches Phänomen, das sich bisher an die Regel gehalten hat, dass die Krankenhausaufnahmezahlen mit einem Abstand von zwei bis drei Wochen dem Anstieg der Inzidenzzahlen gefolgt sind. Das ist jetzt bei der vierten Welle anders. Wir hatten bei vergleichbaren Inzidenzen in der dritten Welle mehr Krankenhausaufnahmen als bei den aktuellen Inzidenzen.

Weil viele ältere Menschen geimpft sind und es viele Jüngere nicht so erwischt?

Genau, wir sehen jetzt live und für jeden nachvollziehbar die Effekte der Impfung. Trotz der sich ändernden Virusvarianten haben wir eine stabile, unkritische Belegungszahl in den Krankenhäusern unserer Region. Je höher die Rate der Durchgeimpften, insbesondere in den Risikogruppen, desto mehr wird die Inzidenz als Orientierungsgröße relativiert.

Aber ist es für Sie nicht nach wie vor sinnvoll, auf die Inzidenzen zu schauen?

Natürlich schauen wir nach wie vor nach den Inzidenzen. Das Ganze gibt ja Aufschluss über die Dynamik, die die Infektion derzeit hat. Allerdings: Während die Inzidenz mit Bezug auf Krankenhausaufnahmen in der ersten Welle etwas anderes bedeutet hat als in der zweiten und dritten Welle, bedeutet sie jetzt wieder etwas anderes. Wir können möglicherweise steigende Infektionszahlen in der Inzidenz sehen, dabei aber einen Bevölkerungsanteil haben, der nicht zur Risikopopulation gehört. Das sind zum Beispiel die Jüngeren und die Impfverweigerer - und die, die noch gar nicht die Chance hatten, sich durchimpfen zu lassen. Von denjenigen, die den normalen Impfabstand einhalten, sind noch einige dabei, die ihre zweite Impfung noch gar nicht hätten haben können.

Wie viele Covid-19-Patienten sind momentan bei Ihnen auf Intensiv- oder Infektionsstation?

Glücklicherweise keine. Das ist seit circa zwei Wochen stabil. Bevor man vereinzelte behandlungsbedürftige Patienten unkoordiniert in wohnortnahen Kliniken versorgt, versuchen wir derzeit, die Patienten erst mal in »Level-1«-Kliniken beziehungsweise den regional koordinierenden Kliniken, für unsere Region also das Universitätsklinikum in Gießen, zu »poolen«. Sollten es die Kapazitäten erfordern, würde man die nächsten Kliniken scharfschalten. Das ist auch wegen der Nicht-Covid-19-Patienten wichtig. Wir sind gerade dabei, die häufig erwähnte »Bugwelle« von Patienten, die lange auf ihren Eingriff warten mussten, schrittweise abzuarbeiten.

Glauben Sie, das klappt? Oder rechnen Sie damit, dass die Zahl der Covid-19-Patienten in Ihrer Klinik wegen Urlaubsrückkehrern und Schulstart wieder stark steigt?

Ich hoffe nicht und erwarte auch nicht, dass wir eine vergleichbare Situation wie in der zweiten und der dritten Welle bekommen. Jetzt muss man mehr und mehr die Impfskeptiker überzeugen, sich impfen zu lassen. Weil - auch das ist eine traurige Wahrheit - die Intensivpatienten in Deutschland derzeit zu über 80 Prozent Nichtgeimpfte sind.

Könnten auch Ältere wieder betroffen sein, die ganz früh geimpft worden sind? Wenn man die Auffrischungsimpfung verpassen würde?

Ich glaube nicht, dass da was verpasst wird oder die Gefahr da ist. Es gibt reichlich Impfstoff. Und wir haben jetzt den Luxus, dass wir weltweit auf riesige Datenmengen zugreifen können. Wenn man genug Evidenz dafür hat, dass sich zum Beispiel die Risikopatienten, die mit hoher Priorität geimpft worden sind, jetzt langsam wieder so infizieren, dass sie auch schwer erkranken, beginnt man mit der Auffrischungsimpfung. Oder sogar kurz davor. Das einzige Problem, das wir momentan haben, ist, dass sich von der reinen Messung der Antikörper keine sicheren Schlüsse auf die Immunität des Einzelnen ableiten lassen.

Das bedeutet?

Wir können uns leider nur grob darauf verlassen. Wenn jemand einen sehr hohen Antikörper-Spiegel hat, dann kann man auch mit hoher Sicherheit sagen, dass ein guter Schutz da ist. Hat jemand einen niedrigen Spiegel, kann man derzeit nicht mit Sicherheit sagen, ob das für das Individuum ausreicht oder nicht. Es gibt auch noch keine richtige Zahl, die besagt, wo die Grenze an Antikörpern ist, unterhalb derer man nicht mehr geschützt ist.

Was könnte man mit diesem Wissen anfangen?

Für unsere Immunität gegen Infektionserreger sind nicht nur die vorhandenen, also messbaren Antikörper entscheidend, sondern auch die sogenannten Gedächtniszellen, das sind weiße Blutkörperchen, die sowohl an der Erkennung der Erreger, als auch an der Neuproduktion von Antikörpern beteiligt sind. Zukünftig könnten Tests, die sowohl nach solchen Zellen Ausschau halten, als auch die Antikörperbestimmung vielleicht mal so ausgereift sein, dass man sich daran orientiert, um sagen zu können, wer jetzt eine Auffrischungsimpfung braucht. Derzeit werden die Empfehlungen auf der Basis großer Populationsdaten und nicht anhand eines individuellen Risikoprofils ausgesprochen. Darüber wird sich die Stiko ständig Gedanken machen und - ich bin mir sicher - noch vor dem Winter eine belastbare Empfehlung herausgeben.

Ein heiß diskutiertes Thema sind die Tests, ob sie kostenpflichtig sein sollten. Was meinen Sie?

Die Frage ist ja: Was ist die Konsequenz, wenn man nur testet, damit aber Menschen in einer falschen Sicherheit wiegt? Ein Test ist nur eine Kurzzeitbetrachtung. Wenn der Test aussagt, dass man negativ ist, sagt das nicht mit Sicherheit, ob man sich unmittelbar vor dem Test infiziert hat und der Test es noch gar nicht messen kann. Oder ob man sich unmittelbar nach dem Test infiziert. Wer sich impfen lassen kann und darf, der muss nicht einen Test bezahlt bekommen.

Werden wir bald alle entweder doppelt geimpft oder durchseucht sein und aus der Pandemie rauskommen?

Das Virus ändert sich permanent. Wenn man es nicht schafft, diese frühe Phase des Virus durch eine globale und durchgängige Impfung und damit durch das Erreichen der globalen Herdenimmunität in den Griff zu kriegen, dann wird es immer wieder zirkulieren. Dann wird es aber auch seinen Schrecken verlieren, weil die Pharmafirmen heutzutage auf einem ganz anderen Level in der Lage sind, schnell gezielte Impfstoffe zu produzieren, als es noch vor fünf Jahren der Fall war. Wir werden Corona entweder als dauerhaften Begleiter haben mit der Notwendigkeit, sich jedes Jahr eine angepasste Auffrischungsimpfung geben zu lassen, oder man erreicht im nächsten halben Jahr eine globale Herdenimmunität - woran ich meine Zweifel habe.

Vorbereitung auf den Ernstfall

»Wir sind im Regelbetrieb unter Pandemie-Bedingungen«, sagt Prof. Hossein-Ardeschir Ghofrani zur aktuellen Covid-19-Situation in der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik. Für die Klinik ist dies die niedrigste Stufe, derzeit sei in Sachen Corona alles entspannt. Dennoch sei die Klinik jederzeit in der Lage, behandlungsbedürftige Covid-Erkrankte aufzunehmen, da alle notwendigen Maßnahmen sofort aktiviert werden könnten. Zudem werde das Hygienekonzept stringent eingehalten, sagt Prof. Ghofrani und verweist auch darauf, dass alle Patienten bei der Aufnahme in die Klinik getestet werden - auch die Geimpften. Für Besucher gelten die weithin bekannten 3G-Regeln. Für den Fall, dass wieder Covid-19-Patienten stationär behandelt werden, muss die Klinik garantieren, innerhalb von 24 Stunden eine gewisse Bettenkapazität auf der Intensiv- und auf der Infektionsstation aktivieren zu können. Wird dieses Szenario Realität, dann wird wieder Personal aus anderen Bereichen der Klinik abgezogen und auf den Covid-Stationen eingesetzt.

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