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Kerckhoff-Klinik nicht "unterbuttern" lassen

Bad Nauheim/Gießen (sha). Wurde ein früherer kaufmännischer Geschäftsführer der Kerckhoff-Klinik gefeuert, weil er sich dagegen stemmte, dass das Herz- und Rheumazentrum "im Rahmen der Privatisierung der Unikliniken in Gießen und Marburg mit untergebuttert" wird? Die Zeugenaussage eines früheren Vorsitzenden des Kuratoriums der Stiftung der Kerckhoff-Klinik am Montag vor dem Gießener Landgericht werfen zumindest diese Frage auf.

Vor Gericht verantworten muss sich der 64-jährige Angeklagte wegen des Vorwurfs der Untreue (die Wetterauer Zeitung berichtete). Er soll von März 2005 bis November 2008 einen Schaden von über 300 000 Euro verursacht haben – unter anderem, weil er Kerckhoff-Gebäude für eine ambulante Augenklinik modernisieren ließ, obwohl mit dem potenziellen Interessenten zuvor kein Mietvertrag geschlossen worden war. Der Angeklagte bestreitet die Vorwürfe.

Das Land Hessen – als einer der Gesellschafter der als Stiftung geführten Spezialklinik – betrachte "Kerckhoff wie eine Beteiligung an Messe und Flughafen, obwohl die Stiftung qua Gesetz unabhängig ist", beklagte der Zeuge, selbst früherer hessischer Sozialminister und bis 1999 Aufsichtsratsvorsitzender der Kerckhoff-Klinik GmbH. Als Teil der Geschäftsführung habe der Angeklagte "mit Recht darauf gepocht, dass Kerckhoff unabhängig bleibt" und nicht "verhökert" werde.

"Gesundheitspolitische" Motivation

Dies ist nach Ansicht des Zeugen der Grund, warum die "Chemie zwischen Wiesbaden und der Geschäftsführung nicht gestimmt" habe. Seit 1999 bekleideten Staatssekretäre aus dem hessischen Finanzministerium die Position des Aufsichtsratsvorsitzenden, berichtete der 75-Jährige. Bei einer Sitzung von Aufsichtsrat und Gesellschafterversammlung am 26. November 2008 habe sich der damalige Aufsichtsratvorsitzende aus einer "gesundheitspolitischen" Motivation heraus von der Geschäftsführung in Person des Angeklagten und des medizinischen Geschäftsführers trennen wollen.

Die angeführten Gründe – beispielsweise Kooperationen der Kerckhoff-Klinik mit anderen Krankenhäusern wie den Lahn-Dill-Kliniken – bezeichnete der Zeuge als "nicht nachvollziehbar". Kooperationen mit anderen Krankenhäusern "gab es immer", unterstrich der ehemalige Minister. Das sei ein berechtigtes Anliegen gewesen, um Patientenströme nach Bad Nauheim zu leiten. Zudem habe die damalige Geschäftsführung schon auf einer Sitzung von Aufsichtsrat und Gesellschafterversammlung im Juni 2008 über den bevorstehenden Vertragsabschluss informiert. Er selbst habe an dieser Sitzung teilgenommen.

Deshalb sei er "aus allen Wolken gefallen", als im November der Vorwurf geäußert worden sei, die "Geschäftsführung habe die Organe nicht informiert" und der Aufsichtsrat erst aus der Presse von der Kooperation erfahren. Darüberhinaus sei bei der Sitzung im Juni die geplante Zusammenarbeit mit den Lahn-Dill-Kliniken nicht kritisiert worden, schilderte der Zeuge.

Vorsitzende Richterin Regine Enders-Kunze zitierte eine im Protokoll vermerkte Äußerung des damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden aus der Sitzung im November. Darin ist von einer "Konkurrenzveranstaltung" zu der favorisierten Zusammenarbeit mit dem Uniklinikum Gießen-Marburg die Rede. Der Prozess wird fortgesetzt.

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