Corona bestimmt den Alltag in der Kerckhoff-Klinik. Notfallpatienten mit anderen Symptomen werden auch behandelt, geplante Untersuchungen werden aber - falls medizinisch vertretbar - verschoben.	FOTO: KERCKHOFF-KLINIK
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Corona bestimmt den Alltag in der Kerckhoff-Klinik. Notfallpatienten mit anderen Symptomen werden auch behandelt, geplante Untersuchungen werden aber - falls medizinisch vertretbar - verschoben. FOTO: KERCKHOFF-KLINIK

Covid-19-Patienten

Bad Nauheim: Corona bestimmt Alltag in Kerckhoff-Klinik - Kurz vorm Katastrophenfall

  • Christoph Agel
    vonChristoph Agel
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Tag für Tag hunderte Tote und Corona-Zahlen um die 30.000er Marke: Mittendrin Krankenhäuser deren Personal am Limit angelangt ist. So auch in der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik.

Bad Nauheim - Wer einen Herzinfarkt erleidet, wird behandelt, wer einen Termin für eine nicht dringende Untersuchung hätte, muss warten. Das Personal der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik ist immer mehr in die Behandlung von Covid-19-Patienten eingespannt. Jenseits davon werden weitgehend nur Notfälle behandelt. »Wir schieben nicht dringlich notwendige Eingriffe auf, soweit es medizinisch verantwortbar ist«, sagt Prof. Hossein-Ardeschir Ghofrani, ärztlicher Geschäftsführer der Kerckhoff-Klinik. Die Patienten, die aktuell nicht behandelt werden könnten, würden aber engmaschig medizinisch begleitet - via Telefon und Telemedizin.

Beunruhigend findet es Ghofrani, wenn Menschen mit akuten, ernst zu nehmenden Symptomen nicht in die Klinik kommen - aus Angst, sich das Coronavirus einzufangen. »Wenn es Beschwerden gibt, darf man nicht die Zähne zusammenbeißen.«

Corona Hessen: Interne Eskalationsstufe in Bad Nauheim 4 von 5

Corona-Infizierte bestimmen den Krankenhaus-Alltag. An der Klinik gibt es zwei Infektionsstationen. Ist bei einem Patienten unklar, ob er das Virus in sich trägt, wird er dort isoliert. Sind zwei Patienten nachweislich infiziert, dann können sie auf dieser Station in einem Zimmer gemeinsam untergebracht werden. Das Einschleusen und Ausschleusen von Patienten und Personal, spezielle Schutzausrüstung, die Möglichkeit der Isolierung - all das zeichnet die beiden neu geschaffenen Stationen aus, auf denen es insgesamt Platz für bis zu 40 Patienten gibt. Aktuell befinden sich dort - Stand Freitagmorgen - 27 Patienten.

Hinzukommt die Intensivstation mit bis zu 40 Beatmungsbetten. »Wir versuchen, so viele Intensivbetten zu betreiben wie nur irgend möglich«, sagt Ghofrani. Doch das ist eine Frage des Personals, und das ist in diesen Zeiten knapp. Derzeit liegen 25 beatmete Patienten auf der Intensivstation, 15 von ihnen mit Covid-19 infiziert. »Auch das kann sich von Stunde zu Stunde ändern«, sagt Ghofrani. Bei den 15 mit Covid-Patienten belegten Plätzen handele es sich um »gut zwei Drittel der Beatmunsgkapazität, die wir aktuell bepflegen können«. Dass ein solcher Umfang zur Verfügung steht, ist möglich, weil Ärzte und Pflegekräfte aus anderen Bereichen der Klinik unterstützen.

Corona in Hessen: Ist Triage-Szenario realistisch?

Der ärztliche Geschäftsführer gibt zu bedenken, dass sich bei etwa jedem fünften Patienten von der »Normalstation« der Zustand so verschlechtern kann, dass er oder sie auf Intensiv muss. Außerdem werden schwer kranke Covid-Patienten von anderen Krankenhäusern in die Kerckhoff-Klinik verlegt, die als Level-1-Haus einen besonderen Status hat.

»Wir sind in unserer internen Eskalationsstufe 4 von 5. Das heißt, dass wir eine Stufe vom Ausrufen des Katastrophenfalls entfernt sind«, erläutert Ghofrani.

Ist angesichts der angespannten Situation ein Triage-Szenario an der Kerckhoff-Klinik denkbar, bei dem man den Einen behandelt, den Anderen aber sterben lassen muss? Glücklicherweise habe man noch keinen Notfallpatienten abweisen müssen, antwortet der Arzt. Im Prinzip sei schon das Aufschieben einer Behandlung eine Form der Triage - die Frage, wer im Krankenhaus aufgenommen wird. Und die Triage mit der Retten-oder-nicht-retten-Entscheidung? »Ich denke, dass der harte Lockdown dazu führt, dass dieser Kelch an uns vorbeigeht«, sagt Ghofrani. Was aber mit Entwarnung nichts zu tun hat, denn selbst wenn die Infektionskurve im Zuge der Corona-Einschränkungen steil nach unten gehen sollte, werde sich das in den Krankenhäusern erst mal nicht bemerkbar machen, sagt Ghofrani.

Corona Hessen: Patienten aller Altersgruppen an Kerckhoff-Klinik

Dort liegen jetzt schon so viele Covid-Kranke, dass das Personal am Limit ist. »Wir haben Patienten aller Altersgruppen bei uns«, sagt der ärztliche Geschäftsführer. »Corona kann jeden betreffen, unabhängig vom Alter. Allerdings sind schwere Verläufe bei älteren Patienten häufiger. Aber wir sehen auch Patienten mittleren und jüngeren Alters mit teilweisen schweren Verläufen. Letzteres liegt häufig, ähnlich wie bei älteren Patienten, an Vorerkrankungen wie zum Beispiel Asthma, Diabetes, Übergewicht, Herzkreislauferkrankungen«, sagt Ghofrani. Vorerkrankungen seien einer der größten Risikofaktoren. Meist seien die Patienten, die in die Klinik kämen, sehr symptomatisch, hätten hoch fieberhafte Infekte und Luftnot. Bei einem großen Teil helfen Sauerstoff, Flüssigkeit und Medikamente.

»Wir stellen uns auf sehr harte Wochen und Monate ein«, sagt Ghofrani. Was eine Entspannung bis Mitte Januar angehe, sei er eher skeptisch. Einen Lichtblick sieht er in den Impfungen. Der Mediziner appelliert eindringlich an die Menschen, sich gegen Corona impfen zu lassen. »Die Sorge vor Nebenwirkungen von Impfstoffen ist verständlich. Die Sorge vor Corona sollte viel größer sein.«

Corona in Hessen: Personal dringend gesucht

Prof. Hossein-Ardeschir Ghofrani ist voll des Lobes für seine Mitarbeiter - auch wegen ihrer großen Disziplin im Schutz vor einer eigenen Ansteckung mit dem Coronavirus.Die Zahl der Infektionen beziehungsweise der Mitarbeiter, die sich in Quarantäne befinden - fünf bis zehn im Wochenschnitt - sei angesichts von etwa 1500 Mitarbeitern sehr gering. Das Personal sei dazu verpflichtet, FFP-2-Masken zu tragen, es gebe hohe Hygienestandards und klare Regeln für die Pausen. Einen großen Dank spricht Ghofrani auch den niedergelassenen Ärzten und dem Gesundheitsamt aus, die die Kliniken entlasten. Nun hofft er seitens der Bevölkerung auf eine ähnliche Welle der Solidarität wie in der ersten Corona-Welle. Insbesondere geht es ihm um Menschen mit medizinischen oder pflegerischen Kenntnissen, die in der Kerckhoff-Klinik dabei helfen möchten, die Personalnot zu entschärfen. »Wir brauchen dringend helfende Hände.« Wenn nämlich Menschen - am besten mit Erfahrung in Pflege und Medizin - unterstützen, können sich die hochqualifizierten Klinik-Mitarbeiter mehr auf die komplexen Dinge fokussieren. Wer mithelfen möchte, sollte sich an die Personalabteilung wenden (Telefonnummer 0 60 32/996 2980 oder E-Mail an personalabteilung@kerckhoff-klinik.de).

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