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Kerb-Gedichte: WZ-Beiträge krachend gescheitert

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Von: Jürgen Wagner

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Für dieses Bild der siebenjährigen Fine gibt es beim Kerb-Gedichtwettbewerb einen Sonderpreis. © pv

Am Freitag, 30. September, beginnt die Bad Nauheimer Kerb. Der Gewinner des Kerb-Gedichts steht fest. Zwei WZ-Redakteure sind gescheitert - geben aber eine Kostprobe ihres Schaffens.

Die Lyrik gilt als Königsklasse des literarischen Schreibens. Gefühlsüberschwang und Handwerkskunst treffen hier prall aufeinander. Gefühlsüberschwang kennt man von der Kerb. Was lag da näher für die Stadt Bad Nauheim, als die Bürgerinnen und Bürger aufzurufen, ein Kerbgedicht zu schreiben.

Nun steht der Sieger fest. Gewonnen hat Didi Hartkopf aus Rockenberg, wir gratulieren. Außerdem hat die Kerbweihkommission einen Sonderpreis ausgelobt: Der geht an die siebenjährige Fine aus Wisselsheim. Auch die WZ-Redakteure Michael Humboldt (mi) und Jürgen Wagner (jw) spitzten die Federn und beteiligten sich an dem Wettbewerb, scheiterten aber kläglich mit ihren lyrischen Ergüssen.

Nun sind die beiden Profi-Autoren mit Niederlagen vertraut. (mi) etwa bekam noch nie einen Grammy für seine Schlagertexte, gewann aber immerhin mit dem Titel »Phänomenal« als Texter den Publikumspreis beim Internationalen Schlagerwettbewerb »Stauferkrone«. Das nur in aller Bescheidenheit, um zu verdeutlichen, wie hart die Konkurrenz war.

Es bleibt ein Trost: Wagner hat Humboldts Text »Ich seh sie dort in meinen Träumen« mit Gesang und Gitarre vertont. Das Video in den sozialen Netzwerken erntet Lob. Am Samstag nach der kirchlichen Andacht um 13 Uhr auf dem Autoscooter wird er den Song präsentieren. Im Anschluss wird auch das Kerb-Gedicht 2022 vorgetragen, das wir exklusiv vorab drucken.

Der Sieger

Nun endlich nach Corona-Pleiten grüßt Nauheims Kerb, man freut sich schon, so bunt wie in vergang’nen Zeiten und nach alter Tradition!

Der Kerbbaum steht wie abgesprochen - und alles strahlt in buntem Licht, das Bierfass wurde angestochen und mancher ist bald hackedicht.

Die Massen strömen, Kinder lachen, die Fahrgeschäfte laden ein, und Lose locken mitzumachen, es könnte ja der Hauptpreis sein!

Und der Geruch nach Zuckerwatte, nach Crêpes und Schaschlik füllt die Luft, erzeugt mit Mandeln, Käseplatte den trauten Wohlfühl-Kirmesduft.

Am Kinderkarussell gibt’s Dramen, dort schreit ein Zwerg ganz laut und schrill, weil er nach vielen, vielen Malen partout noch einmal fahren will!

Und bei den wilden Fahrgeschäften hört man so manchen spitzen Schrei, die Fliehkraft zerrt mit allen Kräften, egal, was soll’s - man ist dabei!

Zwei Alte in vertrauten Banden, die halten Händchen inniglich, er hat für sie ein Herz erstanden und darauf steht »Ich liebe Dich!«

So kann man dieses Fest erleben - in Frieden, ohne Aggression: Drum möge es sie ewig geben, die Kerb in alter Tradition!

Der Sonderpreis

Die siebenjährige Fine aus Wisselsheim hat ihr Kerb-Gedicht mit bunten Blumen umrahmt (siehe Foto); sie schrieb dazu schlichte, aber nicht von der Hand zu weisende Verse:

Die Kerb ist toll.

Die Kerb ist klar.

Die Bad Nauheimer Kerb ist wunderbar.

In der Lyrik-Szene wird man noch viel von Fine hören.

Der Kerbschlager

Michael Humboldts Kerbschlager beruht auf eigenem Erleben. Als »schön und berührend« wurde der Titel auf Facebook charakterisiert.

Ich seh sie dort in meinen Träumen

Daniela und ich - nur wir zwei in der Berg-und-Tal-Bahn. Wir waren 14 oder 15 - und die Kerb fing endlich an.

Die größten Teenager-Gefühle - mit Popcorn, Coke und Eis. Als sie im Riesenrad meine Hand nahm - wurde mir im Himmel kalt und heiß.

Refrain:

Ich hab sie im Gewühl verloren. Wir waren damals nie ein Paar. Doch ich seh sie dort in meinen Träumen - auf der Nauheimer Kerb in jedem Jahr.

Wild und frei im Autoscooter - und im Wind ihr offnes Haar. Wir machten halt an allen Buden - es war das schönste Fest im Jahr.

Manchmal geh ich auf den Alten Friedhof, wo die Kinder glücklich sind - in Raketen und im Taumler, wenn die laute Musik erklingt.

Refrain: Ich hab sie im Gewühl verloren. Wir waren damals nie ein Paar. Doch ich seh sie dort in meinen Träumen - auf der Nauheimer Kerb in jedem Jahr.

(jw) ohne Chance

Auch WZ-Redakteur und Chef-Glossist Jürgen Wagner hatte bei der strengen Jury nicht den Hauch einer Chance. Vielleicht ja auch, weil er sein Kerb-Gedicht vorab im »Kurstadt-Cocktail« veröffentlicht hatte. Dabei treffen seine poetischen Preziosen den frühen Ton der spätavangardistischen Alltagslyrik: »Die blaue Kolonne / stellt den Baum auf mit Wonne / Und wird das Bierfass angestochen / Kommen alle aus ihren Löchern gekrochen / Da entpuppen sich selbst Dichter / als Freibiergesichter / Und mit jedem Glas Bier wird das Gedichtete schlichter.« Wurde die Freibierzeremonie der Nauheimer Kerb jemals einfühlsamer und lebenspraller beschrieben? Ja, schon? Na gut! Dann gibt’s eben keinen Sonderpreis.

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