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Bad Nauheim: Ob NSDAP-Mitglied oder Sklavenhalter – Politiker wollen Straßen nicht umbenennen

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Von: Bernd Klühs

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Über die Rolle Rudolf Thauers in der Nazi-Zeit ist einst heftig gestritten worden. Nach wie vor ist nach dem ehemaligen Direktor des Max-Planck-Instituts und Ehrenbürger der Stadt ein Weg im Sichler-Gebiet benannt. © Nicole Merz

Bad Nauheimer Politiker sind sich einig: Straßen, die Namen umstrittener Personen tragen, werden nicht umbenannt. Auch QR-Codes mit mehr Informationen auf den Straßenschildern wird es nicht geben.

Bad Nauheim – Lokalhistoriker und andere Bürger haben sich immer wieder zu Wort gemeldet, wenn es um Straßennamen in Bad Nauheim geht. In einer Straße zu wohnen, die nach dem US-Südstaaten-General und Sklavenhalter Robert E. Lee benannt ist, schmeckt nicht jedem. Manchmal hielten Debatten lange an.

So lieferten sich Historiker Ernst Klee und der damalige Bürgermeister Bernd Rohde zwischen 2002 und 2004 einen Streit über die Rolle von Rudolf Thauer in der Nazizeit. Der Wissenschaftler - nach dem Zweiten Weltkrieg Direktor des Max-Planck-Instituts und Ehrenbürger Bad Nauheims - war Mitglied von NSDAP und SA. Laut Klee beteiligte er sich an Menschenversuchen außerhalb der Konzentrationslager. Rohde sah keinen Anlass, dem Wissenschaftler die Ehrenbürgerschaft zu entziehen oder den Rudolf-Thauer-Weg umzubenennen. Für eine Verstrickung Thauers in Nazi-Verbrechen gebe es keine Belege.

Statt Umbenennung von Straßen in Bad Nauheim: FDP will QR-Codes auf Straßenschildern

Das Thema Straßennamen ploppt immer wieder hoch, in jüngster Zeit ging es um den Lee Boulevard. Diesbezüglich machten die Freien Wähler einen kuriosen Vorschlag. Da kein Vorname genannt wird, könne die Stadt den Boulevard künftig auf die berühmte US-Schriftstellerin Harper Lee beziehen. Ein Lokalhistoriker hatte angeregt, Straßen Widerstandskämpfern gegen die Nazis zu widmen. Jüngste Idee einer Bürgerin: Benennung nach Holocaust-Opfern aus Bad Nauheim.

Die FDP sieht ebenfalls Handlungsbedarf, allerdings nicht in Form neuer Namen. »Es geht darum, Geschichte greifbar zu machen und manche Namen kritisch zu beleuchten«, sagte FDP-Vertreter Sven Klausnitzer in der jüngsten Sitzung des Kulturausschusses. Die Liberalen schlugen vor, Straßenschilder mit QR-Codes zu versehen, um Smartphone-Nutzer zu Informationen über die Persönlichkeiten zu führen. In vielen Fällen - etwa Goethe- oder Schillerstraße - sei, so die UWG, ein Verweis auf Wikipedia ausreichend.

Bad Nauheimer Stadtarchivarin listet namensgebende Personen von Straßen auf

Albert Möbs maß dem Thema geringe Bedeutung zu. »Für mich sind Straßenschilder in erster Linie Orientierungshilfen. Über deren Bedeutung mache ich mir keine großen Gedanken«, sagte der Christdemokrat. Stadtarchivarin Brigitte Faatz habe gute Vorarbeit geleistet. Die Einträge im Internet könnten seitens der AG Geschichte ergänzt werden. Von QR-Codes an Schildern hält Möbs wegen des großen Pflegeaufwands nichts.

Kreß erläuterte die Auflistung im städtischen Internet-Auftritt (zu finden unter »lebenswert« und »Stadtinfo & Geschichte«). Die Archivarin nennt 85 Straßen und gibt jeweils an, ob die Persönlichkeit einen Lokalbezug hatte und welche Funktion sie ausübte. »Brigitte Faatz kann nur Fakten liefern, eine kritische Einordnung ist aus Zeitgründen nicht möglich«, betonte der Bürgermeister. Eine Erweiterung durch die AG Geschichte oder gymnasiale Leistungskurse schloss der Rathauschef nicht aus. Kreß: »99 Prozent der Bürger interessiert das Thema nicht, sie haben kein Problem mit den Straßennamen.«

Webseite der Stadt Bad Nauheim: Kein Hinweis auf NSDAP-Mitgliedschaft von Thauer

Was für Fakten werden im Internet geliefert? Ein Beispiel: Im Fall von Rudolf Thauer wird seine Nachkriegstätigkeit am Max-Planck-Institut ab 1951 erwähnt. Nach dem Krieg sei er in die USA zum 1933 dorthin emigrierten Dr. Franz Groedel gereist, dem Gründer und »Direktor auf Lebenszeit« des Instituts. Groedel war von den Nazis als Jude eingestuft und aus Bad Nauheim vertrieben worden. Wie es in dem Eintrag weiter heißt, sei Thauer von Groedel zum Nachfolger ernannt worden. Zur Rolle Thauers vor 1945 gibt es keine Informationen. Es wird auch nicht ersichtlich, ob Groedel die Mitgliedschaft seines Nachfolgers in NSDAP und SA bekannt war.

Der FDP gehen solche Einträge nicht weit genug. Sie wollte ihren Antrag zurückziehen - allerdings erst nach der Abstimmung über einen Änderungsantrag. Das lehnte Ausschuss-Vorsitzender Sinan Sert (SPD) aus formellen Gründen ab.

Bad Nauheim: QR-Code soll jetzt auf Broschüren – nicht auf den Straßenschildern – erscheinen

Mit sechs Ja- bei vier Nein-Stimmen beschlossen wurde der von der Kenia-Koalition getragene Änderungsantrag. Danach soll der QR-Code, der zum städtischen Internet-Eintrag führt, nicht auf Straßenschildern, sondern auf bestimmten Broschüren abgedruckt werden, die in der Tourist-Info ausliegen.

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