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Voller Einsatz gegen die Krankheit: Physiotherapeut Timo Sattler von der Kerckhoff-Klinik demonstriert, wie er Rheumapatienten hilft.

Für die Gesundheit

Kampf mit Schmerz und Psyche: Projekt an Klinik in Bad Nauheim

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Wer an Rheuma leidet, hat für lange Zeit Schmerzen. Das wirkt sich aufs Gemüt aus. An der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik weiß man das - und tut etwas dagegen.

Dr. Rebecca Hasseli hatte kürzlich Besuch von einer Patientin, bei der 1989 Rheuma diagnostiziert worden war und die bis vor kurzem keinen ärztlichen Rat zwecks Therapie aufgesucht hatte. Damit fängt das Problem an: Körper und Psyche machen sich gegenseitig das Leben schwer. "Manche Patienten lehnen die Krankheit ab", sagt Hasseli. "Sie möchten sich nicht mit der Erkrankung beschäftigen." Deshalb nähmen sie keine Medikamente und gingen nicht zum Arzt. Hasseli selbst ist Ärztin, arbeitet in der Rheumatologie der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik. Sie weiß, dass chronischer Schmerz, der ihre Patienten plagt, in der Psyche Spuren hinterlässt. Deshalb hat sie ein Konzept entwickelt und sich gemeinsam mit Mitarbeitern der Klinischen Psychologie und Psychotherapie des Fachbereichs Psychologie der Gießener Justus-Liebig-Universität an die Umsetzung gemacht.

Voneinander lernen

Seit dem vergangenen Jahr gilt die Kerckhoff-Klinik als Campus der Uni. Theorie und Praxis sollen einander befruchten. Und natürlich können Studenten aus verschiedenen Fachbereichen voneinander lernen - in diesem Falle Mediziner von Psychologen und umgekehrt. Eine Woche lang haben sich 14 Studenten gemeinsam mit Rheumapatienten beschäftigt, haben Einblicke in Physio- und Schmerztherapie, Neurologie und Logopädie erhalten.

Die angehenden Mediziner und Psychologen lernen voneinander.

"Beide Fächer haben große Wissenslücken, müssen aber später mit den anderen Disziplinen zusammenarbeiten", sagt Hasseli über Psychologen und Mediziner. Ihr und ihren Kollegen fehle die Zeit, sich näher mit der Psyche des Patienten zu befassen, und die Psychotherapeuten wüssten nicht, wie schwer der Mensch erkrankt sei. "Der Patient ist derjenige, der es ausbadet", sagt die Rheumatologin.

Depression, Existenzangst, Schmerz

Auch so mancher Patient selbst trage einen Teil zu seiner misslichen Lage bei. Indem er nämlich die Krankheit verdränge. Hasseli meint vor allem Menschen aus der Nachkriegsgeneration, sie seien anders groß geworden. Damals habe man nicht jammern dürfen. "Die reden sich vieles weg." Wenn man die Krankheit verdrängt, gar keine Diagnose zulässt und somit auch keinen Namen für die Krankheit hat, dann ist sie auch irgendwie noch nicht real, sagt Hasseli. Dennoch sind die Beschwerden da, die körperlichen und die psychischen. Patienten leiden womöglich an Depressionen, haben Existenzangst, etwa wenn sie gerade eine Familie gegründet oder ein Haus gebaut haben und dann das Rheuma auftaucht.

Künftig in jedem Semester

Von der Verdrängung, über Ängste bis hin zum Schmerz, der einen Tag für Tag verzweifeln lässt - Körper und Seele, Rheuma und psychische Probleme, hängen zusammen. Deshalb soll es künftig in jedem Semester eine Woche geben, in der jeweils acht Gießener Studenten der Medizin und der Psychologie intensiv in Bad Nauheim zusammenarbeiten. An den ersten beiden Tagen steht die medizinische und psychologische Theorie im Vordergrund, etwa die Frage, wie die Schmerzverarbeitung im Gehirn abläuft und wie man mit Hilfe von Psychotherapie und Medikamenten dagegen steuern kann.

Am dritten Tag stehen Physiotherapie und Logopädie im Vordergrund. Schmerztherapie und die Aspekte der Neurologie werden an Tag vier behandelt. Zum Abschluss machen immer zwei Studierende gemeinsam bei einem Patienten die Anamnese, schauen sich den Einfluss der Erkrankung aus psychologischer und medizinischer Sicht an und nehmen den Stand der Krankheitsbewältigung unter die Lupe. Bei alledem geht es um die akute Erkrankung, aber auch um den chronischen Verlauf mit seinen Aufs und Abs. Hasseli: "Sie können einen guten Tag haben, da fühlen Sie sich wie Arnold Schwarzenegger, und am nächsten Tag kommen sie nicht aus dem Bett heraus."

Uni und Kerckhoff-Klinik sind anscheinend auf einem guten Weg. In der einen Woche wurden Netzwerke gesponnen und Handynummern ausgetauscht. Am Anfang seien Mediziner und Psychologen jeweils unter sich geblieben, sagt Hasseli. "Am letzten Tag saßen sie kreuz und quer beieinander."

Zahlen zum Thema Rheuma

Laut Deutscher Gesellschaft für Rheumatologie leiden bundesweit etwa zwei Prozent der Bevölkerung an entzündlich-rheumatischen Erkrankungen, also circa 1,5 Millionen Menschen. Da sind die etwa 20 000 rheumakranken Kinder noch nicht mitgerechnet. Es gibt über 300 verschiedene rheumatische Erkrankungen. Die Abteilung der Rheumatologie der Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim verfügt über 49 akut-stationäre Betten, jährlich werden etwa 1800 Menschen stationär aufgenommen. Die Patienten kommen aus ganz Deutschland. Der Lehrstuhl für Innere Medizin und Rheumatologie unter Prof. Ulf Müller-Ladner ist bundesweit einer von sieben Lehrstühlen. Für die Kooperationswoche zeichneten vonseiten der Uni Gießen Prof. Christiane Hermann, Dr. Judith Kappesser und Silas Pfeiffer und vonseiten der Kerckhoff-Klinik Dr. Rebecca Hasseli und Prof. Uwe Lange verantwortlich. Es referierten Timo Sattler (Kerckhoff-Klinik), Ulrike Hofmann (Logopädische Praxis in Ossenheim), Privatdozentin Marlene Tschernatsch, ärztliche Leiterin des Medizinischen Versorgungszentrums am Bad Nauheimer Hochwald-Krankenhaus, und Dr. Katrin Richter-Bastian (Uniklinik Marburg).

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