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»Kampf gegen Verhexung unseres Verstandes«

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Von: Gerhard Kollmer

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Paul Ziche Professor © Gerhard Kollmer

Bad Nauheim (gk). In seinem 1953 posthum erschienenen sprachanalytischen Werk »Philosophische Untersuchungen« spricht der 1951 in Cambridge verstorbene Philosoph Ludwig Wittgenstein an einer Stelle vom »Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache«.

Mit der Untersuchung des alltäglichen Gebrauchs von Wörtern und Sätzen will Wittgenstein den Nachweis führen, dass die großen Themen und Probleme der Philosophiegeschichte (zum Beispiel nach dem »Sein«, dem »Ich«, der »Substanz«, dem »Geist«, etc.) sich bei genauerer Betrachtung als unlösbare Scheinprobleme erweisen. Denn die klassische Philosophie operiert im Wesentlichen mit Begriffen, denen keine Bedeutung entspricht. Wittgensteins »Philosophische Untersuchungen« münden denn auch in der Erkenntnis: »Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.«

Es gelte, so Wittgenstein, Wörter und Sätze als Teile von »Sprachspielen«, das heißt, komplexer Einheiten von sprachlichen und nicht sprachlichen Verhaltensweisen, zu analysieren. Nur auf diesem - empirischen - Weg lässt sich deren wahre Bedeutung erkennen, jedoch nicht durch unfruchtbare metaphysische Spekulation. Sprachphilosophie muss, so Wittgenstein, an deren Stelle treten.

Bevor Prof. Paul Ziche von der Universität Utrecht - als gern gesehener Referent im Rahmen der »Philosophischen Reihe« - in seinem gut 70-minütigen Vortrag am Dienstagabend auf Wittgensteins epochemachende »Philosophische Untersuchungen« zu sprechen kam, gab er eine konzise Einführung in die Philosophie des »Wiener Kreises«, der sich in den Jahren zwischen 1924 und 1934 vor allem die Destruktion der klassischen Metaphysik zur Aufgabe stellte - unter dem Motto »Klarheit und Sauberkeit in der Philosophie«. Wer als Philosoph ernst genommen werden wolle, müsse Abschied von jeglicher Spekulation nehmen, die mit Begriffen operiere, denen kein verifizierbarer (Untersuchungs-) Gegenstand entspreche.

Als ein Leitgestirn der Mitglieder des Wiener Kreises gilt der Physiker Ernst Mach, der seit 1895 an der Universität Wien unterrichtete. Für Mach und seine Nachfolger ist Philosophie keine »Leitwissenschaft« mehr, sondern kann nur gemeinsam mit den empirischen Naturwissenschaften zu sinnvollen Resultaten gelangen.

Über Klarheit und Sauberkeit

Die selbst gestellte Frage, ob dem Wort bzw. Begriff »Ich« eine verifizierbare Realität entspreche, beantwortet Mach mit dem prägnanten Satz: »Das ›Ich‹ ist unrettbar.« Was so viel heißen soll wie: Es gibt kein personales »Ich« als metaphysische Entität. Die Bedeutung dieses Schlüsselwortes liegt, so Wittgenstein, einzig in seinem (alltäglichen) Gebrauch.

»Klarheit« und »Sauberkeit« stehen laut Prof. Ziche für weit mehr als Mathematik und formale Logik, sondern sind, so der 1936 von einem geistig verwirrten Wiener Studenten ermordete Moritz Schlick, auch Ausdruck eines aufklärerischen, ja sogar politischen Impetus. So gehörte zum Beispiel Hans Hahn der »Vereinigung sozialistischer Akademiker« an; und Otto Neurath stand dem »roten« Wiener Gemeinderat nahe.

Ziche evoziert in wenigen Sätzen das anregende geistige Klima im »roten Wien« der 1920er Jahre. Auch vor diesem Hintergrund erhält der »Wiener Kreis« seine Bedeutung.

Nach zehnjährigem Bestehen löst er sich 1934 unter dem Druck der neuen austrofaschistischen Machthaber auf. Etliche ehemalige Mitglieder emigrieren in die angelsächsischen Länder und werden dort zu Mitbegründern der analytischen Philosophie.

Für seinen erhellenden Vortrag erhält Prof. Ziche dankbaren Applaus. FOTO: KOLLMER

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