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Letzter Arbeitstag: Heute verlässt Jürgen Patscha, langjähriger Fachbereichsleiter für Stadtentwicklung, das Rathaus.

Bad Nauheimer Stadtentwickler geht in Ruhestand

Jürgen Patscha: In 17 Jahren viele große Projekte umgesetzt

  • VonPetra Ihm-Fahle
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2003 trat Jürgen Patscha die Stelle als Fachbereichsleiter für Stadtentwicklung im Rathaus an. Nun geht der 65-Jährige in den Ruhestand und kann zufrieden zurückblicken.

Das Grün der Baumkronen leuchtet durch die Bürofenster von Jürgen Patscha im Bad Nauheimer Rathaus. Es ist so wie jeden Tag. Doch wenn der 65-Jährige heute den Raum verlässt, wird etwas anders sein: Patscha tritt den Ruhestand an. »Es geht eine Ära zu Ende«, sagte Bürgermeister Klaus Kreß (parteilos) kürzlich im städtischen Bauausschuss. Patscha sei top-engagiert gewesen, habe die Stadtentwicklung maßgeblich geprägt und Impulse gesetzt. »Die Landesgartenschau war ein Motor der Stadtentwicklung - Du warst ein weiterer Motor«, sagte Kreß zu Patscha. Für ihn, der mehrere hundert Sitzungen begleitete, war es die letzte Bauausschusssitzung.

Noch gut erinnert sich der gebürtige Bremer an die Zeit vor 18 Jahren, als er Fachbereichsleiter für Stadtentwicklung wurde. »Ich fand zwei Überraschungen vor: Große Teile der Stadt gehörten dem Hessischen Staatsbad. Außerdem war Bad Nauheim die älteste Kommune Deutschlands«, erzählt Patscha. Zu den Zielen gehörte es, wieder führende Wohn- und Einkaufsstadt in der Wetterau zu werden. Der Einwohnerrückgang sollte gestoppt, die Parkanlagen sollten weiterentwickelt und aufgewertet werden.

Landesgartenschau als erstes Projekt

Schon seinerzeit diskutierte man über die Landesgartenschau (LGS). Es war einer der Gründe, weswegen der damalige Bürgermeister Bernd Rohde (CDU) Patscha holte: Der studierte Stadtplaner war in Fulda Geschäftsführer der Landesgartenschau 1994, der ersten in Hessen. Als er 2003 aus Hanau kam, wo er hauptamtlicher Baudezernent war, zog er nach Bad Nauheim um. »Ich fand es wichtig, in der Stadt zu leben, in der ich arbeite.«

Über 150 größere Projekte hat Patscha in 18 Jahren federführend umgesetzt. Eine Teamarbeit, wie er betont, sowohl im Rathaus mit vier Bürgermeistern und seinem Fachbereich, als auch mit den politischen Gremien.

»Wir hatten zwei große Schübe. Das waren einmal die Jahre vor der Landesgartenschau und die letzten vier, fünf Jahre.« In diese Zeit fielen die Projekte Parkstraße, Bahnhofsvorplatz, Goldstein 1 und LGS. In der zweiten Phase ging es um die Neubaugebiete Hempler und Bad Nauheim-Süd sowie um die Therme. Stets war auch die Förderung der Kernstadt ein zentraler Punkt. »Jede Stadt lebt gut, wenn die Innenstadt belebt und attraktiv ist«, konstatiert Patscha. Zufrieden ist er, dass alle Brach- und Konversionsflächen eine neue Nutzung gefunden haben, darunter das Stollgelände. »Ich finde gut, wie es geworden ist.«

Einwohnerzuwachs: 2000 neue Bürger

Immer wieder werde kritisiert, dass durch die Bautätigkeiten »zu viele Menschen« zugezogen seien. Kritiker sagen, es sei schwierig, eine ausreichende Infrastruktur für alle aufrechtzuerhalten. Das sieht Patscha anders: »Es sind nur 2000 Neubürger mehr, und ich bin froh, dass die Einwohnerzahl nicht geschrumpft ist.« Mit einem Einwohnerzuwachs seien Vorteile verbunden wie etwa ein Zuwachs an Einkommen- und Gewerbesteuer.

»Es war eine spannende Zeit«, sagt Patscha. Unterm Strich habe das Stadtparlament alles beschlossen, was er vorschlug. »Es gab um das eine oder andere Projekt vielleicht mehr Diskussionen als ich gedacht habe. Aber das haben wir immer gut überstanden.« Eine Sache findet er schade: »Der ehemalige Bürgermeister Bernd Witzel und ich hatten eine Lösung für das Stollgelände. Wir wollten das Eisstadion dorthin verlagern.« Verein und Politik waren aber nicht überzeugt - nun ist das Stollgelände besetzt.

Einen weiteren Wermutstropfen sieht er im bezahlbaren Wohnraum. Es gebe zwar Wohnungen zu günstiger Miete in Bad Nauheim, in der heutigen Phase vielleicht aber zu wenig. »Gerade diesen Aspekt muss die Wobau in Zusammenarbeit mit der Stadt stärker in den Fokus nehmen.« Die Zukunft sieht er in den Stadtteilen. Das Angebot, dorthin zu ziehen, werde immer öfter angenommen.

»Mit dem Ergebnis meiner Arbeit bin ich zufrieden. Ich gehe mit einem guten Gefühl«, sagt Jürgen Patscha. Ein weinendes Auge sei dabei. »Aber man muss sehen, wann Schluss ist und man sich neuen Dingen widmet. Und darauf habe ich große Lust.«

Stadtentwicklung: Die Zahlen weisen nach vorn

Eine Erhebung des Fachbereichs Stadtentwicklung veranschaulicht den Fortschritt Bad Nauheims in Zahlen: Zwischen 2009 und 2019 nahm die Einwohnerzahl um rund 7,1 Prozent zu, das entspricht 2189 Personen. Die Zunahme der Erholungsflächen ist höher als die der Gebäudeflächen: Von 2007 bis 2015 nahmen die landwirtschaftlich genutzten Flächen um 5,7 Prozent ab. Demgegenüber nahmen die Gebäude- und Freiflächen um etwa 5,5 Prozent zu, die Verkehrsflächen um 8,5 und die Erholungsflächen um 8,9 Prozent. Der Schwerpunkt der Entwicklung liegt in der Innenstadt. Von insgesamt 47 Bebauungsplänen in den Jahren 2005 bis 2020 stellte die Stadt 39 B-Pläne für die Gemarkung Kernstadt neu auf beziehungsweise änderte sie. Fünf entfallen auf Steinfurth, zwei auf Nieder-Mörlen und einer auf Schwalheim. In den letzten 15 Jahren (bis 2020) wurden insgesamt rund 1750 Wohneinheiten errichtet. Der Schwerpunkt liegt auf der Einfamilienhausbebauung: 1045 Wohnhäuser, darunter 918 Einfamilien- und 127 Mehrfamilienhäuser mit mehr als drei Wohnungen entstanden. Zwischen 2013 und 2020 stiegen die Gewerbesteuereinnahmen um rund 86 Prozent. Bei den Übernachtungszahlen liegt die Zunahme bei etwa 38 Prozent (2000 bis 2018). 63 Prozent der Übernachtungen im Wetteraukreis werden in Bad Nauheim gebucht. Ebenfalls gestiegen sind die Boden- und die Mietpreise. 2016 lag der durchschnittliche Mietpreis in einer Bestandswohnung bei 8,46 Euro, 2020 bei 9,83 Euro pro Quadratmeter. Zugenommen hat die Zahl der Arbeitsplätze um rund 30 Prozent (von 2004 bis 2018). Die Kaufkraft ist um über 16 Prozent angestiegen (2006 bis 2018). Zwischen 2005 und 2020 pflanzte die Stadt 477 Bäume im öffentlichen Raum neu (ohne Nachpflanzungen). Durchschnittlich investiert die Stadt 10 Millionen Euro pro Jahr.

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