Die Post ohne Barrierefreiheit ist seit Jahrzehnten ein Ärgernis. Für die Inklusion behinderter Menschen reicht es aber nicht aus, die Behebung baulicher Mängel zu fordern. Viele kleine Schritte sind nach Ansicht der Stadt ebenso notwendig. FOTO: NICI MERZ
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Die Post ohne Barrierefreiheit ist seit Jahrzehnten ein Ärgernis. Für die Inklusion behinderter Menschen reicht es aber nicht aus, die Behebung baulicher Mängel zu fordern. Viele kleine Schritte sind nach Ansicht der Stadt ebenso notwendig. FOTO: NICI MERZ

Aufgabe für alle

Inklusion: Stadt Bad Nauheim startet Plakatkampagne

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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Behinderung hat weit mehr Gründe als körperliche oder geistige Beeinträchtigung. Inklusion muss deshalb breit gefächert sein, wie die Stadt Bad Nauheim jetzt in einer Plakataktion verdeutlicht.

Die Hauptpost im Ernst-Ludwig-Ring ist der Klassiker, wenn es um unzureichende Barrierefreiheit in Bad Nauheim geht. Seit Jahrzehnten stehen gehbehinderte Menschen vor einer steilen Treppe, die ihnen den Zutritt zum Schalterraum erschwert oder ganz verwehrt. Das gilt auch für die 68-jährige Gabriele Müller (Name geändert).

Sie war nicht nur beruflich stark eingespannt, sondern auch sportlich aktiv - als begeisterte Schwimmerin. Die Rentnerin lebt seit dem Tod ihres Mannes allein, leidet seit sieben Jahren an schwerem Rheuma. An schlechten Tagen igelt sich Gabriele Müller zu Hause ein, doch auch an guten Tagen hält das Leben viele Hürden für sie bereit. Sie quält sich die Treppen zur Post hoch, schon ein hoher Bordstein kann zur Falle werden. Für die 68-Jährige ist es nicht einfach, den Alltag zu meistern und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Wie Gabriele Müller geht es nach Angaben der Bundesregierung 95 Prozent aller Menschen mit Behinderungen. Beeinträchtigungen sind nämlich in fast allen Fälle nicht angeboren, sondern treten im Lauf des Lebens auf - meist im Alter. Wer sich intensiv mit Inklusion beschäftigt, muss aber auch andere Betroffene berücksichtigen. Etwa den Flüchtling, der sich integrieren möchte, oder die alleinerziehende Mutter, die kaum Zeit hat, kulturelle oder sportliche Angebote zu nutzen.

Fachgruppe arbeitet seit drei Jahren

"Bauliche Mängel sind die größte Barriere. Aber wir dürfen das Thema Inklusion nicht darauf reduzieren", sagt Jochen Mörler, Fachbereichsleiter für Soziales, Kultur, Gesundheit und Sport im Bad Nauheimer Rathaus. Er arbeitet in der 2017 gegründeten Fachgruppe Inklusion mit und ist für das städtische Inklusionsbüro verantwortlich.

"Alle Menschen in Bad Nauheim sollen selbstbestimmt, chancengleich und gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können": Das ist das Ziel dieser Gruppe, die Ende November eine Plakatkampagne startet. "Der Inklusionsgedanke soll damit ein Stück aus seiner Ecke herausgeholt werden. Wir wollen Bewusstsein und Engagement für das Thema wecken", sagt Fachbereichsleiter Mörler.

Die Integrationsarbeit sollte bereits auf eine breitere Basis gestellt sein, doch das hat Corona verhindert. Wegen der Pandemie musste der für die erste Jahreshälfte 2020 geplante Inklusionskongress abgesagt werden. Viele Vereine und Organisationen hatten ihre Teilnahme zugesagt. Bei dieser Tagung sollte auch das von der Fachgruppe entwickelte Handbuch eine Rolle spielen.

Handbuch mit zahlreichen Tipps

Es handelt sich um ein großes Paket mit praktischen Tipps, das letztlich allen Bürgern hilfreich sein kann. Gegliedert ist das in 27 Gruppentreffen entwickelte Handbuch, das auf der Internetseite der Stadt (www.bad-nauheim.de) zu finden ist, in die vier Handlungsfelder "Barrierefreier Zugang", "Barrierefreie Kommunikation", "Teilhabe ermöglichen" und "Emotionaler Zugang".

Nach Ansicht der Verfasser reicht es nicht aus, sich auf baulichen Mängeln wie fehlende Aufzüge oder Behinderten-Parkplätze "auszuruhen". Vielmehr müsse nach kleinen Lösungen gesucht werden, die es etwa allen Interessenten ermöglichten, an einer Veranstaltung teilzunehmen.

Start am Wochenende

Die vierteilige "Plakatkampagne Inklusion" der Stadt Bad Nauheim startet am 28. November und endet am 30. Januar. Unter dem Motto "Inklusion geht uns alle an" wird auf Missstände in unserer Gesellschaft und wichtige statistische Zahlen hingewiesen. So treten 95 Prozent aller Beeinträchtigungen erst im Verlauf des Lebens auf, 36 Prozent der Bevölkerung wurden aus den unterschiedlichsten Gründen schon einmal diskriminiert, 67 Prozent der Menschen mit Behinderungen treffen sich in ihrer Freizeit nicht mit anderen und 30 Prozent der Bevölkerung fühlen sich manchmal einsam, 17 Prozent sogar häufig oder ständig.

Im Stadtgebiet von Bad Nauheim sind die Plakate ab dem 28. November zu sehen. Die digitale Veröffentlichung auf Instagram und Facebook folgt immer kurz nach der Plakatierung.

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