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Im Zeichen der Völkerfreundschaft

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Von: Gerhard Kollmer

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Folklore trifft Klassik: Dirigent Uwe Krause hat dafür gesorgt, dass das Orchester präzise zusammenspielt. FOTOS KOLLMER © Gerhard Kollmer

Bad Nauheim (gk). Ein äußerst hörenswertes zweistündiges Konzert im Zeichen der Völkerfreundschaft wurde am Sonntagnachmittag im Jugendstiltheater unter Leitung von Uwe Krause gegeben. Es endete in lang anhaltendem begeisterten Applaus der hitzebedingt nur in geringer Zahl erschienenen Gäste. Die Kammerphilharmonie Bad Nauheim spielte auf Einladung des Vereins zur Förderung sinfonischer Musik Werke von Chatschaturjan, Glière und Tschaikowski

Hornist zeigt sein Können

Der 1903 geborene Armenier Aram Chatschaturjan (bekannt geworden durch seinen »Säbeltanz«) zählte zu den Vorzeigekomponisten der ehemaligen Sowjetunion. Tief verwurzelt in der armenisch-kaukasischen Folklore seiner Heimat, verweigerte er sich erfolgreich den kunstfeindlichen Anmaßungen des »sozialistischen Realismus« - was ihm und anderen Tonsetzern wie zum Beispiel Schostakowitsch im Jahr 1948 einen Rüffel wegen »abstrakt-formalistischer« Tendenzen in ihrem Schaffen einbrachte.

Seine Bühnenmusik zu Michail Lermontows Stück »Masquerade« erlebte ihre Uraufführung am 21. Juni 1941 in Moskau - einen Tag vor dem Angriff der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion.

Die Kammerphilharmonie präsentierte Chatschaturjans fünfteilige, zwischen zartester Lyrik und mitreißendem Schlussgalopp oszillierende Suite zupackend in präzisem Zusammenwirken. Im Mittelpunkt standen dabei - wie auch in den folgenden Werken - die zahlreichen Blechbläserinnen und Blechbläser. Wie gut es dem Armenier gelang, Folkloristisches und Klassisches zu verschmelzen, zeigt vor allem die Mazurka im 3. Teil. Für sein unspektakuläres, dafür umso präziseres Dirigat erhielt Uwe Krause heftigen Applaus.

Das folgende dreisätzige Konzert für Horn und Orchester B-Dur, op. 91 des 1874 geborenen ukrainischen Tonsetzers und Musikwissenschaftlers Reinhold M. Glière war unbestrittenes Highlight des Nachmittags. Der mehrfach prämierte Hornist und Professor an der Musikhochschule Mannheim, Samuel Seidenberg, ließ dieses wenig bekannte Bravourstück durch seine kongeniale Interpretation zum lange nachklingenden Erlebnis werden. Begonnen vom schwungvoll-spannungsgeladenen Allegro über die Kantilenen des folgenden Adagio bis zum abschließenden Allegro vivace reiht sich eine technische Herausforderung an die andere. Vor allem die lange Solokadenz gab Seidenberg Gelegenheit zur Demonstration seiner virtuosen Könnerschaft.Krause sorgte dafür, dass Orchester und Solist präzise zusammenwirkten. Auf begeisterten Applaus folgte die verdiente Pause.

Mit Pjotr Tschaikowskis gut halbstündiger 1873 in Moskau uraufgeführter und 1879 umgearbeiteter Sinfonie Nr. 2 c-Moll, op. 17, der »Kleinrussischen«, ging das hochsommerliche Konzert zu Ende.

Dass Tschaikowskis »Kleinrussische« ebenso wie die ihr folgende »ruthenische« 3. Sinfonie in D-Dur immer noch zu Unrecht im Schatten seiner drei großen Sinfonien steht, bewies Uwe Krause mit seiner Interpretation des viersätzigen dramatischen Werks aufs Schönste.

»Kleinrussisch«, »ruthenisch«: Beide Worte sind Bezeichnungen der Ukraine bzw. ihrer Kultur - Ersteres aus »großrussischer«, Letzteres aus der Perspektive der untergegangenen Donaumonarchie, zu der die Westukraine mit ihrer Hauptstadt Lemberg bis 1918 gehörte.

War »kleinrussisch« zu Tschaikowskis Zeiten noch ein rein geografischer Begriff, so ist er mittlerweile ein herabsetzender Terminus für die angeblich minderwertige ukrainische Kultur geworden.

In kein weiteres Werk Tschaikowskis sind so viel ukrainische Volksliedweisen integriert wie in die beiden o. g. Sinfonien. Schon allein deshalb war es ein glücklicher Einfall Uwe Krauses, die »Kleinrussische« mit ins Programm zu nehmen.

Gemeinsam mit drei ukrainischen Musikerinnen ließ die Kammerphilharmonie das C-Moll-Konzert mit dem großartigen, pathetischen Finale ausklingen - und setzte damit ein unüberhörbares Zeichen für die völkerverbindende, vermenschlichende Macht der Musik.

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Besonderes Talent: Der mehrfach prämierte Hornist und Professor an der Musikhochschule Mannheim, Samuel Seidenberg. © Gerhard Kollmer

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