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Vision für Bad Nauheimer Stadtteil: Rosendorf Steinfurth soll auf Hanf-Anbau umstellen

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Von: Bernd Klühs

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Die vielen Gebäude der Rosen-Union am Ortseingang von Steinfurth stehen zum Verkauf. Eine Gruppe um Bio-Rosenbauer Werner Ruf hat für die Immobilie das Konzept eines ökologisch ausgerichteten Hanf-Zentrums entwickelt. Für eine Realisierung dieses Konzepts fehlen bislang allerdings die Grundlagen.
Die vielen Gebäude der Rosen-Union am Ortseingang von Steinfurth stehen zum Verkauf. Eine Gruppe um Bio-Rosenbauer Werner Ruf hat für die Immobilie das Konzept eines ökologisch ausgerichteten Hanf-Zentrums entwickelt. Für eine Realisierung dieses Konzepts fehlen bislang allerdings die Grundlagen. © Nicole Merz

In Bad Nauheims Rosendorf Steinfurth läuft seit Jahrzehnten ein Schrumpfungsprozess. Bald schließt auch die Rosen-Union. Ist der Hanf-Anbau die Zukunft?

Bad Nauheim - Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) formulierte 1980 folgenden Satz: »Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.« Diesen Spruch zitierte Werner Ruf, einziger Bio-Rosenbauer Deutschlands, in der jüngsten Sitzung des Ortsbeirats Steinfurth. Er und einige Mitstreiter haben eine Vision, hoffen aber, ohne medizinischen Beistand auszukommen. Die Gruppe hat ein konkretes Modell für die Zeit nach der Rosen-Union entwickelt. Spätestens Mitte 2023 wird die Genossenschaft aufgelöst, weil es nur noch eine Handvoll von Mitgliedern gibt, die Rosen produzieren.

Ruf umriss die letzten Jahrzehnte in Bad Nauheims Stadtteil Steinfurth, die vom starken Rückgang der Rosenanbaubetriebe geprägt gewesen seien. Jetzt gebe es nur noch ganz wenige. »Die Auflösung der Rosen-Union ist ein logischer Schritt«, sagte er. Gleichwohl könne die jahrhundertelange landwirtschaftliche Tradition in Steinfurth fortgesetzt werden, das gelte auch für die Spezialisierung auf Sonderkulturen.

Hanf-Anbau in Bad Nauheim: Erstes Interesse an Projekt in Steinfurth

Der Bio-Rosenbauer und seine Mitstreiter schlagen die weitgehende Umstellung der Produktion von Rosen auf Hanf vor, aus der Rosen-Union soll eine Hanf-Rosen-Union werden. »Wir haben viele nachhaltige Ideen entwickelt. Hanf kann zum Beispiel ohne Einsatz von synthetischem Dünger angebaut werden und bringt trotzdem enorme Erträge«, erläuterte Ruf.

Nach seinen Angaben bestehen Kontakte zu Investoren, die sich für Kauf und Umbau der vielen Rosen-Union-Gebäude interessierten. Im Bad Nauheimer Stadtteil Steinfurth gebe es genügend Ackerfläche für die Hanfproduktion, mit einigen Bauern seien Gespräche geführt worden. »Wir greifen nach den Sternen, wissen nicht, ob davon etwas verwirklicht werden kann«, betonte der Rosenbauer.

Hanf-Anbau in Bad Nauheim: Bauern aus Steinfurth wollen „CO₂-senkend arbeiten“

Details zum Konzept erläuterte Mike Kuhlmann, der aus Bad Nauheim stammt und in Frankfurt lebt. Er beschäftigt sich seit 20 Jahren mit der Hanfpflanze, begleitet ein Anbau-Projekt in Thüringen. »Der Gebäudekomplex der Rosen-Union ist ideal für ein Hanf-Zentrum«, sagte Kuhlmann.

Er skizzierte am Ortsausgang einen Mix aus Zucht, Anbau und Manufaktur, umrahmt von landwirtschaftlicher Schulungsstätte, Läden und Kulturangeboten. Die Verbindung zur Rosen-Tradition soll durch den Fortbestand des Rosengartens erhalten bleiben. Der Experte betonte die ökologische Ausrichtung: »Hanf bindet genauso viel CO2 wie Wald. Wir wollen CO2-senkend arbeiten und einen Beitrag zum Klimaschutz leisten«, unterstrich Kuhlmann.

Hanf könne auf vielfache Weise verarbeitet werden. Genannt wurden pharmazeutische Produkte, der Lebensmittel-Sektor und die Weiterverarbeitung zu Material für die Bauwirtschaft. Kuhlmann: »Es geht ausschließlich um CBD-Produkte, eine Cannabis-Herstellung ist nicht geplant.«

Hanf-Anbau in Bad Nauheim: Unklare Realisierungschancen

Ruf betonte die Möglichkeit, in den Räumen der Rosen-Union eine Markthalle für regionale Produkte zu schaffen. Der vom Bad Nauheimer Magistrat vorangetriebene Bau eines Lebensmittel- und eines Getränkemarkts auf dem Nachbargrundstück hält Ruf für unnötig. Der Bedarf sei durch die vielen Angebote in der Kernstadt gedeckt. Das gelte auch für Bio-Lebensmittel.

Blüte einer Hanfpflanze
Die Blüte einer Hanfpflanze der kleinwüchsigen Sorte Finola. © Soeren Stache/dpa-Zentralbild/dpa/Symbolbild

Doch wie steht es um die Realisierungschancen der Pläne? Heinz Thönges, Aufsichtsratsvorsitzender der Rosen-Union-Genossenschaft, und Geschäftsführer Siegfried Karlin dämpften die Erwartungen deutlich. Thönges zufolge ist die Union zum Tode verurteilt: »Das tut keinem mehr weh als mir selbst, bin ich doch seit 50 Jahren Landwirt und Rosenbauer.« Die etwa 30 Mitglieder der Genossenschaft hätten den Auftrag erteilt, die Gebäude bestmöglich zu verwerten. »Es ist komisch, wenn Ideen über die Köpfe der Eigentümer hinweg entwickelt werden«, betonte Thönges.

Wie er nach der Ortsbeiratssitzung gegenüber der WZ erklärte, habe es zwischen der Gruppe um Ruf und der Rosen-Union bislang so gut wie keine Gespräche gegeben. Thönges und Karlin wollen den Verkauf der Gebäude vorantreiben, die der Rosen-Union gehören. Die rund 20 000 Quadratmeter große Fläche befindet sich im Eigentum der Kirchengemeinde. Schätzungen zufolge sind die Gebäude etwa 2 Millionen Euro wert.

»Die Union besteht noch etwa ein Jahr. Bislang gibt es vier Kaufinteressenten«, erläuterte Thönges. Ruf und seine Mitstreiter befänden sich bislang nicht darunter. Eine Entscheidung müsse bald getroffen werden.

Bad Nauheim: Steinfurth hat bald nur noch drei Rosen-Anbau-Betriebe

Die Rosen-Union galt einmal als Inbegriff des Rosendorfs Steinfurth, waren in ihr doch die vielen kleinen Bauern genossenschaftlich organisiert. In der Glanzzeit des Rosenanbaus im Bad Nauheimer Stadtteil, die zwischen 1960 und 1980 zu datieren ist, waren bis zu 200 Haupt- und Nebenerwerbsbetriebe aktiv. Vorübergehend war im Raum Steinfurth die größte Rosenanbaufläche Europas zu finden. Heute hat die Rosen-Union, die im kommenden Jahr nach 62-jähriger Existenz aufgelöst werden soll, nur noch eine Handvoll aktive Mitglieder, laut Ortsvorsteher Markus Philippi befinden sich fast alle außerhalb Steinfurths.

Wenn die Rosen-Union ihre Pforten schließt, gibt es in dem Rosendorf nur noch drei Betriebe, die von Zucht und Anbau leben: Rosen-Dräger, Rosen-Schultheis und Rosen-Ruf. Mit der Familie Schultheis begann die Rosenzucht in Steinfurth im Jahr 1868. Heinrich Schultheis, der Urahn der ältesten deutschen Rosenschule, hatte die Anbaumethoden auf Gesellen-Wanderjahren in England erlernt und zu Hause den Betrieb zusammen mit zwei Brüdern gegründet. Heute wird das Unternehmen von Christian Schultheis in füfnter Generation geleitet.

Wenn die Rosen-Union aufhört zu existieren, soll der Schaugarten erhalten bleiben. Dort sind 5000 Rosen von 500 Sorten zu sehen.

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