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Ob bei der Unterstützung direkt in der Familie oder der Vorbereitung auf die Schule, wie hier bei Alex (r.) und Niclas: Notvater Sven Huttel ist mit seiner ruhigen Art ein Segen für den Notmütterruf.

Notmütterruf Wetterau

Im Corona-Jahr 2020: Hilfe nur für die Härtefälle

  • VonHanna von Prosch
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Die Bilanz 2020 des Notmütterrufs im Müfaz Bad Nauheim liest sich wie ein Katastrophenplan. Im Corona-Jahr konnte wegen Personalmangel nur den Härtefällen geholfen werden.

Hilfe für Familien in Notlagen - das ist ihre täglich Aufgabe: Notmütter und ein Notvater gehen an fünf Tagen bis zu acht Stunden in die Familien. Zum Beispiel wenn die Mutter ins Krankenhaus muss, bei Schwangerschaft oder nach der Entbindung, generell, wenn plötzlich die Person ausfällt, die für die Versorgung der Kinder zuständig ist. Die Notmutter übernimmt alle wichtigen Haushaltsaufgaben und kümmert sich um die Betreuung der Kinder.

Doch durch Corona wurde beim Notmütterruf des Mütter- und Familienzentrums (Müfaz) Bad Nauheim ab Frühjahr 2020 alles viel schwieriger. Die meisten Schwangeren nahmen den Dienst aus Angst vor Ansteckung gar nicht in Anspruch. Die Verantwortlichen des Notmütterrufs erarbeiteten in Windeseile ein strenges Hygienekonzept. Beim geringsten Anzeichen von Erkältung durfte die Notmutter zwei Wochen nicht zur Familie. Mit den Eltern wurde vereinbart, welche Verhaltensregeln einzuhalten waren und ob ein Kind in den Arm genommen werden konnte.

Die Situation wurde dadurch erschwert, dass die damals zwei Festangestellten, sieben Minijobber und elf Ehrenamtlichen noch nicht geimpft waren und es noch genügend Tests gab. Manche mussten ihren Hauptjob, meist im sozialen Bereich, aufstocken. Im November 2020 waren es schließlich sechs Beschäftigte weniger. Bei 47 von 80 Anfragen - 2019 waren es noch 137 gewesen - konnte Chantal Francisco de Sousa, Leiterin des Notmütterrufs, trotzdem helfen. »Wir konnten nur die allerhärtesten Fälle annehmen. Wie den eines Vaters im Homeoffice mit zwei Grundschülern und zwei größeren Kindern. Seine Frau musste ins Krankenhaus. Zwei Laptops standen zur Verfügung, mit denen sollte er selbst arbeiten, die vier Kinder sollten Homeschooling machen und Kontakt mit den Lehrern halten. Dazu kam die Belastung, dass sie die Mutter nicht besuchen durften.«

Mehr Kindeswohlgefährdung

Weniger Glück bei der Bewilligung der Notmutter durch die Krankenkasse hatte Francisco de Sousa im Fall einer alleinerziehenden Mutter, die dreimal in der Woche zur Dialyse muss. Deswegen durfte der Sohn nicht in die Schule und bekam nur eine Stunde Sonderunterricht pro Woche. Francisco de Sousa: »Wir machen uns Sorgen um das Fortkommen des Kindes, das jetzt schon von der zweiten Klasse in die erste zurückmuss.« Die Krankenkasse habe im November 2020 zwei Wochen Hilfe bewilligt. Jetzt warte der Notmütterruf vergebens auf eine neue Bewilligung, auch von der Schule komme keine Unterstützung. »Aber die noch nicht gut Deutsch sprechende Mutter kämpft an allen Fronten für ihr Kind.« In solchen Fällen springen manchmal Spender wie der Zonta Club ein.

Auch die Fälle von Kindeswohlgefährdung und psychischen Problemen bei Müttern und Kindern seien gestiegen, weiß die Notmütterruf-Leiterin: »Nach dem Juli 2020 war das besonders auffällig. Wir sind dann direkt in die intensive Elternarbeit gegangen und haben versucht, die Kinder zu stabilisieren. Gott sei Dank meist mit Erfolg.«

Lerndefizite durch Lockdowns

Um Verhaltensauffälligkeiten von Kindern besser zu erkennen und zu bewerten, machen gerade alle Müfaz-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter eine Fortbildung. »Wir wissen noch nicht, welche psychischen Probleme durch die Pandemie bleiben. In jedem Fall soll dieses Thema konzeptionell in unsere Arbeit eingebunden werden«, sagt Francisco de Sousa.

Ein anderes Problem, das sich in Elterngesprächen gezeigt hat, ist das Lerndefizit durch die Lockdowns. Bis zuletzt hatten manche Familien nicht ausreichend technisches Material und vielfach kein stabiles WLAN zur Verfügung. Durch die Überlastung der Eltern und oft beengte Wohnverhältnisse blieb die Motivation bei den Kindern auf der Strecke.

In einem Kooperationsangebot des Rotary Clubs Friedberg - Bad Nauheim mit dem Müfaz soll noch in den Ferien, spätestens aber danach mit einem Aufhol-Lerntraining begonnen werden.

Trainerinnen und Trainer gesucht

Das Aufhol-Lerntraining ist für die Klassen 5 bis 9 gedacht und kostenfrei. Es handelt sich um ein Angebot für Familien, die sich eine teure Nachhilfe nicht leisten können. Bei Bedarf kann das Lerntraining auch längerfristig bis zu einem Jahr angeboten werden, um den Aufholprozess zu stabilisieren. Das Lerntraining wird in den Räumen des Müfaz in Bad Nauheim (Friedberger Straße 10) veranstaltet. Anmeldungen sind ab sofort möglich. Den Betroffenen wird dann der Start des Projekts mitgeteilt.

Momentan sucht das Mütter- und Familienzentrum noch geeignete Trainerinnen oder Trainer, zum Beispiel Studenten oder ehemalige Lehrerinnen und Lehrer. Man übernimmt dabei an einem Nachmittag pro Woche zwei Stunden im jeweils angebotenen eigenen Fach. Wer sich in dem Projekt »Aufhol-Lerntrainig« gegen eine Aufwandsentschädigung engagieren möchte, kann sich ab sofort beim Müfaz Bad Nauheim melden: Telefon 0 60 32/3 12 33, E-Mail info@muefaz.de.

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