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Seit gut zwei Wochen ist Hündin Lucy im Tierheim in Rödgen untergebracht. Die Polizei sieht das Tierwohl gefährdet und hat Lucy beschlagnahmt. Nach Ansicht der Halterin sind die Vorwürfe haltlos, sie hat einen Anwalt eingeschaltet.

„Lucy“ landet in Tierheim

Bad Nauheim: Polizei stellt Hund sicher – Halterin bestreitet Tierquälerei-Vorwurf

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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Da weder Mutter noch Tochter erreichbar waren, stattet die Polizei einer Bad Nauheimer Familie einen Besuch ab – und stellt kurzerhand die Hündin sicher. Die Halterin kämpft nun darum, „Lucy“ aus dem Tierheim zurückzubekommen.

Als alleinerziehende Mutter einer zehnjährigen Tochter, die gehörlos ist und ein Cochlea-Implantat hat, muss Astrid Pallmer (Name geändert) allerlei Schwierigkeiten meistern. Wichtiger Bestandteil der kleinen Familie ist die vierjährige Hündin Lucy. Astrid Pallmer, die gesundheitlich ebenfalls angeschlagen ist, versucht ihr Leben so gut wie möglich zu organisieren – es gibt Höhen und Tiefen.

Zu den schwärzesten Tagen zählt die Bad Nauheimerin den 21. Januar. Gegen 17 Uhr klingelten zwei Polizeibeamte an der Haustür. Sie wollten wissen, ob alles in Ordnung sei. Eine Lehrerin der Johannes-Vatter-Schule für Hörbehinderte in Friedberg, in der die Tochter unterrichtet wird, habe um diese Kontaktaufnahme gebeten, weil die Pallmers seit Tagen telefonisch nicht zu erreichen seien. »Ich hatte zwei Bandscheibenvorfälle, mir ging es nicht gut. Deshalb hatte ich das Telefon leise gestellt und vergessen, das rückgängig zu machen«, erzählt die alleinerziehende Mutter. Die Tochter nutze zurzeit das Homeschooling, deshalb müsse oft telefoniert werden.

Polizei stellt Hündin Lucy sicher und bringt sie ins Tierheim: Halterin aus Bad Nauheim bestreitet Vorwurf der Tierquälerei

Der Besuch der Streife sorgte bei Lucy für Aufregung. Nach Angaben seiner Halterin neigt das Tier dazu, bei Angst oder Freude zu urinieren - auch im Haus. Das passierte Lucy an diesem Donnerstag. Der eine Polizist stellte sich als Diensthundeführer vor und schlug laut Astrid Pallmer einen unfreundlichen Ton an. »Er behauptete, die Hündin sei seit 24 Stunden nicht draußen gewesen. Das sei Tierquälerei.« Er habe Lucy angeleint und die verstörte Hündin in eine Box im Kofferraum des Streifenwagens verfrachtet. Das Tier sei sichergestellt, lautete die Botschaft.

Mutter und Tochter waren perplex, konnten kaum reagieren. »Als die Polizei kam, habe ich mich gerade umgezogen, weil wir mit dem Hund raus wollten. Ich hatte keine Socken an«, sagt die Bad Nauheimerin. Als sie sich vom Schreck erholt hatte, war die Polizei weg. Astrid Pallmer suchte am Freitag zunächst das Tierheim in Rödgen auf, wo Lucy untergebracht wurde. Die Leitung der Einrichtung konnte das Tier allerdings nicht herausgeben. Nächste Station war die Polizei in Friedberg. »Dort hieß es, der Beamte müsse noch den Bericht schreiben, Auskunft könne nicht erteilt werden.«

Bad Nauheimerin schaltet Anwalt ein: Handelt es sich bei dem Hund um einen Kampfhund-Mix?

Die Hundebesitzerin informierte einen Anwalt, der sich an die Polizei wandte. Wie er aus den Akten erfuhr, sei nicht nur von Tierwohlgefährdung die Rede, sondern auch von einem Kampfhund-Mix. Wer solche Tiere hält, muss besondere Nachweise erbringen und höhere Steuern bezahlen.

»Diese Behauptung ist völliger Quatsch. Wie die Papiere eindeutig zeigen, handelt es sich bei Lucy um eine Mischung aus Boxer und Appenzeller«, sagt Astrid Pallmer. Sie sei früher bei den Tierfreunden Rodheim aktiv gewesen und könne Zeugen benennen, die den ordnungsgemäßen Umgang mit Lucy bestätigten und die mit dem Tier Gassi gingen, wenn sie selbst verhindert sei. »Auch im Tierheim verstehen sie nicht, warum die Hündin beschlagnahmt wurde. Sie sei gepflegt und nicht verhaltensauffällig.« Kurz vor der Sicherstellung sei Lucy beim Tierarzt gewesen.

Polizei wendet sich an das Jugendamt: Frau aus Bad Nauheim will die Vorwürfe aus der Welt schaffen

Doch mit der Sicherstellung begnügte sich der Polizist offenbar nicht. Er wendete sich nach Angaben von Astrid Pallmer auch ans Jugendamt. »Er gab an, Tochter und Wohnung seien verwahrlost, obwohl davon keine Rede sein kann. Er hat nicht mal einen Blick in unsere Wohnung geworfen.« Sie und ihr Anwalt kämpften darum, alle Vorwürfe aus der Welt zu schaffen. Die Bad Nauheimerin hofft, Lucy bald zurückzubekommen. Die vierjährige Hündin wird bereits gut zwei Wochen im Tierheim betreut. Für jeden Tag soll Astrid Pallmer eigenen Angaben zufolge 13 Euro zahlen.

Polizeisprecherin Corinna Weisbrod bestätigte den von der Schule veranlassten Besuch der Streife bei der Familie. »Man machte sich große Sorgen, da weder Mutter noch Kind telefonisch erreichbar waren.« Das Tier sei von den Beamten »gefahrenabwehrend« sichergestellt worden. Es werde nicht ausreichend versorgt – diesen Schluss zogen die Beamten aus dem Verhalten von Lucy und Auskünften der Halterin. Zudem gebe es Hinweise, dass es sich bei Lucy um einen Listenhund handeln könnte. Ordnungsamt und Veterinäramt seien informiert.

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