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»Hol mir die Zimtsterne vom Himmel«

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Von: Gerhard Kollmer

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Ihm steht der Schalk ins Gesicht geschrieben: der Butzbacher Kabarettist Martin Guth. © Gerhard Kollmer

Bad Nauheim (gk). Martin Guth - langjähriger WZ-Kolumnist und Buchautor - wird seinem Ruf als hochkarätiger Kabarettist wieder einmal voll gerecht. Gut zwei Stunden brilliert er am Donnerstagabend auf Einladung des Kulturforums im Gemeindesaal der Wilhelmskirche mit einem Programm auf höchstem Niveau. So ist es nicht verwunderlich, dass ihn das begeisterte Auditorium im gefühlten Durchschnittsalter von 70+ erst nach lang anhaltendem Beifall und einer zwerchfellerschütternden Zugabe, die dem Besuch eines Restaurants der Fastfood-Kette Subway gewidmet ist, ins Freie entlässt.

Untrügliches Gespür für Situationskomik und die Absurditäten des Alltags; Kunst der Übertreibung, ohne dabei in öden Klamauk abzugleiten; großes Fabuliertalent; Wortwitz; Fähigkeit zur Selbstironie: Auf diese knappen Formeln lässt sich das kabarettistische Ingenium Martin Guths bringen.

In atemraubenden Lese- und Erzähltempo präsentiert der Butzbacher Ausschnitte aus seinem Buch »Meine Frau, ihr Mann und ich«. Jan, die mit autobiografischen Zügen ausgestattete Hauptperson des Buches, gibt seinen halbwüchsigen Kindern ein folgenschweres Versprechen: »Morgen dürft ihr selbst bestimmen, wie der Tag ablaufen soll.« So wird er denn von ihnen zum »verkaufsoffenen Sonntag« nach Frankfurt entführt.

Ein begnadeter Erzähler

Dort raubt ihm in der Parfümerie Douglas der Geruchsmix aus Hunderten Essenzen schier den Atem. Viel lieber wäre er jetzt bei Obi, im Paradies aller Heimwerker. Zwischen diesen Etablissements tun sich etliche Gemeinsamkeiten auf: So werden hier wie dort zahlreiche Artikel feilgeboten, die sowohl der Renovierung häuslicher wie auch weiblicher »Fassaden« dienen. Im Jeansshop redet ein magersüchtiges »Store-Model« in unverständlichem Pseudo-Englisch auf den entnervten Papa ein. Guth ist ein begnadeter Erzähler, der auch die hohe Kunst der Abschweifung beherrscht. So kommt er beim verkaufsoffenen Sonntag irgendwie auf das Mysterium einer »Doppelhaushälfte« zu sprechen.

Zu Beginn der zweiten Konzerthälfte spricht er dem Auditorium mit einem Lied über die untrüglichen Anzeichen des Älterwerdens aus dem Herzen: »Seit mir Nasenhaare wachsen«. Warum wachsen Haare an falscher Stelle, während sie zum Beispiel am Schädel ungefragt ausfallen?

Aus seiner Kolumnenanthologie »Vatertage« gibt Guth einige Perlen zum besten. So widmet er sich dem Thema »Familienkalender«, mit dessen Hilfe vergeblich versucht wird, dem alltäglichen Chaos eine Struktur zu verleihen.

Leicht bekleidet besucht er den ersten »Weihnachtsmarkt« Mitte Oktober bei gefühlten 20 Grad. Schokoladennikoläuse stehen bereits seit Anfang September im Regal. Eines von vielen Highlights ist der einer »Bäckereifachangestellten« zugedachte Song: »Du bist meine Sahneschnitte«. Leider holt sie ihm nicht die erträumten »Zimtsterne« vom Himmel.

Die folgende Eloge auf eine Hightech-Kaffeemaschine zum stolzen Preis eines Mittelklassewagens löst Beifallsstürme aus. Im Geiste von Winston Churchills berühmtem Ausspruch »No sports!« präsentiert Guth seinen Song: »Nie wieder Bundesjugendspiele!« und spricht damit wohl vielen im Saal aus dem Herzen.

Mit der Story vom gefühlt sechsstündigen Marathon im schier unentrinnbaren Ikea-Labyrinth, wo alle Besucher - quasi als »Entschädigung« - mit dem vertrauten »Du« angesprochen werden, erreicht Guth den Gipfelpunkt seiner kabarettistischen Kunst. Ein wunderbarer Abend neigt sich seinem Ende zu.

Dieter Heßler, Leiter des Kulturforums Bad Nauheim, konnte für die Auftaktveranstaltung zur Herbst-Winter-Vortragsreihe keine bessere Wahl treffen. FOTO: KOLLMER

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