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»Die Liebe macht den Menschen zum Menschen« - und Musik hilft dabei. Daher beenden Ben Süverkrüp am Klavier, Stephan Picard Violine und Tina Teubner, nicht lesend, sondern an der singenden Säge, den Nachmittag mit Beethovens »Ich liebe Dich«.

Hinter dem Herkules-Mythos

  • VonHanna von Prosch
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Bad Nauheim (hms). Wer beim Thema griechische Mythologie in der Schule nicht aufgepasst hat, der bekam seine Lektion am Sonntag beim ersten Kammerkonzert nach dem Lockdown. Mitgeliefert wurden die kabarettistisch pfiffige Transformation ins 21. Jahrhundert und die auf den Punkt passende Musik. Tina Teubner, Rezitation, Stephan Picard, Geige, und Ben Süverkrüp, Piano - ein Trio vom Feinsten.

Mit dem strahlendsten Lächeln, als ob sich der vollste Saal der Welt vor ihnen auftäte, betrat das Trio die Bühne in der Tinkkuranlage. Dabei wäre »zahlreich erschienen« schon übertrieben gewesen. Wer also nicht dabei war, hat nicht nur großartig interpretierte Kammermusik verpasst, sondern auch das, was hochklassiges Musikkabarett ausmacht: eine Symbiose aus Wort und Musik, inspirierend und virtuos. Dazu eine Erkenntnisgeschichte, die über 90 Minuten trug, ohne auch nur eine Sekunde langweilig zu werden.

Ein, man könnte sagen typisch deutscher, 56-jähriger Durchschnittsmann namens Richter fährt im Auto zu einem Kongress, wo er als Geschichtsprofessor einen Vortrag über Herkules halten soll. Er und das Publikum hören Schubert: Fantasie f-Moll. Er denkt an seine Kindheit und den mehr dozierenden als liebevollen Vater und an dessen eiserne Prinzipien. Eine Kindheit in Zwängen, sogar beim Besuch des Herkules-Denkmals in Kassel, wo ihm der tonnenschwere Bronzekoloss Furcht eingeflößt hatte.

Doch die Geschichte des Göttersohns, die Teubner, Geigerin und Kleinkunst-Preisträgerin, mit humorigen Beispielen und einleuchtenden Vergleichen erlebbar macht, lässt Richter nachdenklich werden. Ben Süverkrüp, Komponist und Pianist, verband die mit aktuellem Wortschatz gespickten Texte durch die Musikauswahl zu inszenieren.

Herkules, der Mann mit der Keule, soll die Welt retten. Schon als Baby ist er ein Held. Kein Wunder, dass er frühzeitig die Muskeln spielen lässt und seinen Musiklehrer mit der Lyra erschlägt. Sein erster Mord und nicht sein letzter. Zu diesem Lebensabschnitt feuerte Picard, international gefragter Solist und Dozent, ein Feuerwerk von Sarasate und Anton Webern ab. Wie ein roter Faden zog sich die gesamte Sonate für Violine und Klavier A-Dur von César Franck durch die Geschichte. Purcell war für die stimmungsvollen Teile gut, Bach strukturiert mit dem Präludium es-Moll des Wohltemperierten Klaviers. Den Heldentaten des antiken Superman setzen Geige und Piano knappe Schlussakzente.

»Man bedient sich des Herkules, seiner Kraft und seines Ruhms. Aber er bleibt ein Proll, er bleibt allein mit seiner Einsamkeit«, heißt es an einer Stelle.

Tatsächlich heiratet er und bekommt Kinder. Der Terminator kommt zur Ruhe. Doch diese treibt ihn in den Wahn. Er erschlägt seine Familie. Danach schläft er drei Tage: »Après un rêve« von Gabriel Fauré. Der innere Kampf brodelt auch in Richter mit Brahms‹ Scherzo c-Moll.

Richter entschließt sich, nicht zum Kongress zu fahren sondern nach Delphi zum Orakel. Dabei kommt er seinem unfreiwilligen Helden immer näher. Herkules soll mit zwölf Aufgaben seine Schuld abtragen, demütig werden. Das macht er mit Hingabe, wobei der Dreck im Stall der Antike nur so aus den ersten Takten von César Francks Allegro spritzt. Als Herkules seine Schwester heiratet, bleibt die Keule ungenutzt in der Ecke. Aber sie ist da. Am Ende verbrennt der testosterongesteuerte Muskelprotz buchstäblich an der Liebe.

Der Terminator kommt zur Ruhe

Wie dieser ertappt sich Richter beim Ungehorsam - er gegenüber seinem Vater. Er nimmt sich endlich das Recht, sein Leben selbst zu bestimmen. Erneut kehrt er um. Er tritt ans Rednerpult und entdeckt seinen immer noch prinzipientreuen Vater, gebrechlich. Im Publikum sieht er die Generationen vor ihm und deren Zwänge.

Die Geschichte geht weiter. Sein abschließendes Fazit: Der Preis für neue Erkenntnisse ist, dass die alten Sicherheiten verloren gehen. Entschlossen und versöhnlich setzt Francks Allegro poco mosso den Schlusspunkt. Es bleibt die unstillbare Sehnsucht, ein Mensch zu sein.

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