Die Einkaufsliste ist abgearbeitet: Nicole Hahn, Initiator Kristian Kuhlmann und weitere Helfer kümmern sich um ihre Nachbarn im Bad Nauheimer Kaiserberg-Viertel.
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Die Einkaufsliste ist abgearbeitet: Nicole Hahn, Initiator Kristian Kuhlmann und weitere Helfer kümmern sich um ihre Nachbarn im Bad Nauheimer Kaiserberg-Viertel.

Hilfsaktion mit Flugblättern

Hilfe für Risikogruppe: Mehr als ein Einkaufsservice

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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In der Krise bewährt sich das Bürgerengagement in Bad Nauheim. Das zeigen die Hilfsaktivitäten für Menschen, die vom Corona-Virus besonders bedroht sind. Ein Beispiel aus dem Kaiserberg-Viertel.

Vor einem halben Jahr ist Kristian Kuhlmann nach Bad Nauheim zurückgekehrt. Seine Mutter, die im Kaiserberg-Viertel wohnt, war zum Pflegefall geworden, er wollte sich kümmern. Seine berufliche Tätigkeit als Verkaufsleiter für ein Schweizer Unternehmen stand dem Umzug nicht im Weg. »Die persönliche Betroffenheit ließ mich spontan aktiv werden, als es ernst wurde mit der Corona-Krise«, erzählt der 41-Jährige. Mit Flugblättern, die er im gesamten Wohngebiet verteilte, initiierte er eine Hilfsaktion für die sogenannte Risikogruppe, vor allem für Senioren.

»Das Feedback war super. Fast 15 Personen haben sich gemeldet, sich für das Angebot und die Empathie bedankt«, sagt Kuhlmann. Außerdem nahmen sechs weitere Leute mit ihm Kontakt auf, die sich als Helfer beteiligen wollten. Die Gruppe ist bunt gemischt: Die Hausfrau ist ebenso vertreten wie der Soldat oder der Angestellte, der zurzeit im Homeoffice arbeitet. Alle kommen aus der Nachbarschaft. »Schön, dass in Krisenzeiten viele Leute bereit sind, sich zu engagieren. Das ist ein angenehmes Gefühl.«

Hilfe für Risikogruppe: Genügend freie Kapazitäten

Bislang werden sechs ältere Menschen im Kaiserberg-Viertel regelmäßig betreut. »Sie melden sich bei mir und geben ihren Bedarf durch. Entweder gehe ich selbst einkaufen oder gebe die Liste per SMS an einen der Mitstreiter weiter«, erklärt der 41-Jährige. Erledigt wird nicht nur der Gang zum Supermarkt, auch Medikamente in der Apotheke oder das spezielle Futter fürs Haustier im Fachgeschäft werden besorgt. Wichtig ist es, den Discounter früh morgens zu besuchen - dann gibt es noch Toilettenpapier oder Mehl. Die Helfer achten darauf, keinen persönlichen Kontakt mit den Betreuten aufzunehmen. Die Einkaufstüten werden samt Kassenzettel vor der Haus- oder Wohnungstür abgestellt. Das Geld für den Einkäufer wird in einem Versteck im Freien abgelegt.

Sollte sich die Lage zuspitzen, hat die Gruppe nach Auskunft von Kristian Kuhlmann noch genügend freie Kapazitäten, um weitere Leute zu versorgen. »Wichtig ist es, die Hemmschwelle zu überwinden und zu sagen: ›Ja, ich brauche Hilfe‹.« Für Mitglieder der Risikogruppe, die oft alleinstehend seien und zurzeit sehr isoliert lebten, spiele natürlich auch der soziale Kontakt eine wichtige Rolle. Das Telefongespräch dauere schon mal deutlich länger als zur Übermittlung der Einkaufswünsche nötig. »Es besteht das Bedürfnis, einfach mal zu quatschen. Die Betroffenen sind dankbar, dass jemand an sie denkt.«

Hilfe für Risikogruppe: Kooperation mit Nachbarschaftshilfe

Aufgrund seiner persönlichen Situation sorgt sich Kuhlmann um Menschen, die nicht mehr selbstständig leben können und vor der Corona-Krise von Pflegekräften aus Osteuropa versorgt wurden. Viele dieser Betreuer seien in ihr Heimatland zurückgekehrt, bevor die Grenzen - etwa zu Polen - geschlossen wurden. Der 41-Jährige könnte sich deshalb eine Ausweitung der Aktivitäten seiner Gruppe über den reinen Einkaufsservice hinaus vorstellen. Er ist inzwischen Teil eines Informationsnetzwerks, hat sich nach Ausbildungskursen für sogenannte Alltagsbegleiter erkundigt.

Nach Ansicht Kuhlmanns wird sich die Gesellschaft durch Corona verändern. In seinem Umfeld gibt es Leute, die darüber nachdenken, aus ihrem bisherigen Beruf auszusteigen. »Sie haben angesichts der aktuellen Situation das Gefühl, es wäre sinnvoller, etwas Soziales zu machen.« Das ist aber Zukunftsmusik, jetzt gilt es als Gemeinschaft die aktuelle Krise durchzustehen. Für Kristian Kuhlmanns Gruppe, die sich inzwischen mit der Nachbarschaftshilfe Bad Nauheim zusammengeschlossen hat, ist eines klar: Sie wollen sich um hilfebedürftige Leute in ihrer Nachbarschaft kümmern, bis sich die Lage wieder normalisiert hat.

Hilfe für Risikogruppe: Die Anlaufstellen für Hilfsbedürftige

Die Hilfsangebote angesichts der Corona-Krise sind in Bad Nauheim noch nicht optimal miteinander abgestimmt. Es gibt zurzeit zwei große Anlaufstellen, an die sich Hilfsbedürftige wenden können. Zum einen hat sich in Absprache mit der Stadtverwaltung ein Koordinationskreis »Einkaufshilfe Bad Nauheim« gebildet, die Initiative hatte der Verein Interkulturelle Kompetenz und Integration ergriffen. Laut Bürgermeister Klaus Kreß haben dort bislang rund 50 Menschen um Unterstützung beim Einkaufen oder bei Botengängen gebeten. Die Kontaktdaten des Koordinationskreises: Telefon 0171/916 17 24, E-Mail hedwig.rohde@t-online.de.

Zweite Anlaufstelle ist die seit gut 15 Jahren existierende Nachbarschaftshilfe Bad Nauheim. Dort engagieren sich derzeit - inklusive der Kaiserberg-Gruppe von Kristian Kuhlmann - rund 40 Mitglieder und andere ehrenamtliche Helfer. Je länger die Krise andauern wird, desto wichtiger werden nach Ansicht von Steffen Hensel, Vorsitzender der Nachbarschaftshilfe, die vom Verein angebotenen regelmäßigen Telefonate. Für die Aktion unter dem Motto »Nachbarn halten Kontakt« werden ebenso weitere Helfer gesucht wie für den Einkaufsservice. »Wer wegen der angespannten Situation psychische oder familiäre Probleme hat, kann sich ebenfalls an uns wenden. Wir vermitteln Beratung«, sagt Hensel. Zu erreichen ist die Nachbarschaftshilfe täglich von 9 bis 13 Uhr unter der Rufnummer 0 60 32/93 72 80 oder rund um die Uhr im Internet: www.nachbarschaftshilfe-bad-nauheim.de. Hilfsbedürftige, die im Kaiserberg-Gebiet wohnen, können sich auch direkt an Kristian Kuhlmann wenden: Telefon 0176/211 97 134.

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