koe_Kurkonzertevongk_020_4c
+
Nach fast achtmonatiger coronabedingter Pause darf in der Konzertmuschel wieder musiziert werden: Den Anfang der neuen Kurkonzerte haben Pianistin Christine Teuber und Gitarrist Hans-Georg Schwab gemacht.

»Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein«

  • vonGerhard Kollmer
    schließen

Bad Nauheim (gk). Der Wettergott geizt nicht mit Sonnenschein und taucht den Innenhof der Trinkkuranlage am vergangenen Freitagabend für fast eine Stunde in strahlendes Licht. Im Wasserbecken spiegeln sich die hohen Bäume in üppigem Grün - und auf der Bühne der Konzertmuschel begrüßt Ulrich Nagel als Leiter der hiesigen Musikschule die etwa 70 erschienenen Gäste:

»Freudig und stolz eröffne ich die diesjährige Konzertsaison nach fast achtmonatiger coronabedingter Pause.«

Die Szene hat etwas Surreales. Maskenlos entspannt sitzende und flanierende Menschen jeglicher Altersgruppe lassen für glückliche Augenblicke vergessen, dass die vergangenen 15 Monate für fast jede/n Hierhergekommene/n einen tiefen, lange nachwirkenden Einschnitt in seinem oder ihrem Leben bedeuten. Auch wenn niemand bestreiten wird, dass das tödliche Virus noch nicht gänzlich besiegt ist: Dieser Frühsommerabend an inspirierendem Ort hat die Sorgen und Nöte des letzten Jahres für eine kostbare Stunde vertrieben.

Wie ein neuer Anfang

»Life is changing«: Wie tröstlich klingt der erste Song der singenden Pianistin Christine Teuber, die vom Gitarristen Hans-Georg Schwab mehr als nur begleitet wird, vor diesem Hintergrund!

In den nächsten 75 Minuten beeindruckt das Duo mit weiteren 13 von Christine Teuber geschriebenen Liedern und Chansons. Die niveauvollen Texte changieren zwischen Schmerz, Trauer, Melancholie, Hoffnung, Humor. So kreist der dritte gespielte Titel - »Rumour« - um die Macht von Gerüchten, die sich wie ein Lauffeuer verbreiten. Der Hörer fühlt sich an Hassparolen und Lügengeschichten in den sogenannten »sozialen Netzen« erinnert - gerade in Corona-Zeiten. Dieses, mit einem virtuosen Vorspiel von Hans-Georg Schwab eingeleitete, Lied endet - fast ekstatisch - mit mächtigem crescendo und erhält zu Recht starken Applaus. »Fly away - find a new home!«: Christine Teubers Stärke liegt in ihrer Fähigkeit, unterschiedlichste Stimmungen bzw. Gefühle glaubwürdig zum Ausdruck zu bringen. Nicht, um Flucht geht es in diesem Song, sondern um Aufbruch aus lähmender Gewöhnung.

Schwab, Meister seines Instruments, agiert auf Augenhöhe mit seiner Partnerin, bereichert die Songs kreativ-einfühlsam. »Mister Hollywood«: Dieser heitere Titel unterscheidet sich in seiner unbeschwerten Ausgelassenheit deutlich von den anderen - zum Beispiel dem innigen Lovesong »Nothing but you«.

»Through the tides«/Durch die Gezeiten: Der Gitarrist lässt das Meer rauschen, und seine Partnerin evoziert am »Daumenklavier«, der Kalimba, das ewige Auf und Ab des Lebens - je nach Stimmung Anlass zu Hoffnung oder Melancholie angesichts der ewigen Wiederkehr des Gleichen. Ein weiteres Highlight des Abends ist der aufwühlende Song »Love is a Cannibal« - emotionales Gegenstück zum zuvor gehörten »Nothing but you«. Mit schnellen Läufen und Glissandi verleiht Schwab diesem Powersong die nötige Würze. Starker Applaus!

Die Sonne hat das ihre getan und zieht sich hinter den Horizont zurück - Zeit für einen »Corona Song«. »We live in a bubble of trouble. How can we escape this misery?« Zumindest am Freitagabend in der Trinkkuranlage scheint die Antwort auf diese Frage nahezuliegen: Indem wir uns unter anderem von Musik wie der genossenen - dargeboten von zwei echten Könnern - inspirieren und ermutigen lassen zu neuem Anfang.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare